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Von Blinddärmen und Blindfischen
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Autor: Waltraud Messmann 04. September 2010 00:00 Uhr  Mehr Artikel von dieser Autorin

Die Evolution hat viele offene Baustellen hinterlassen

Von Blinddärmen und Blindfischen

Osnabrück. Er ist nicht blind. Hat noch nicht malAugen: Trotzdem wird er Blinddarm genannt. Das hat auch nichts damit zu tun, dass viele ihn für überflüssig halten.

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Denn ein ganz so nutzloses Überbleibsel der Evolution, wie allgemeinhin angenommen , ist der Blinddarm nach Meinung von Experten nicht.Schon der Evolutionstheoretiker Charles Darwin beschrieb verkümmerte Körperteile oder Organe, die einst eine Funktion hatten, diese im Laufe der Entwicklung der Menschheit aber weitgehend verloren. Er wertete das als Beweis für die Entwicklung der Arten. Das Phänomen der rudimentären Organe, wie es in der Fachsprache heißt, findet sich sowohl bei Pflanzen, Tieren als auch mehrfach beim Menschen.

Beim Blinddarm handelt es sich um ein ehemaliges Verdauungsorgan, dass bei reinen Pflanzenfressern für die Verdauung von großen Pflanzenmengen eingesetzt wird. Wenn tierische Pflanzenfresser (Herbivore) keine Wiederkäuer sind, besitzen sie einen stark ausgeprägten Blinddarm, um nicht spaltbare, organische Nährstoffverbindungen im Futter mitHilfe von nährstoffspaltenden Mikroorganismen zu absorbierbaren Nährstoffen umzusetzen. So ist bei Nagetieren wie Kaninchen der Blinddarm sogar der größte Dickdarmabschnitt. Auch bei der Kuh erreicht er eine beachtliche Länge. Beispiele aus der Tierwelt sind außerdem Pferde oder Spitzhörnchen.

Auch die frühen Vorfahren der Menschen, die sehr viel pflanzliche Nahrung zu sich genommen haben, waren bei der Verdauung auf die Unterstützung des Blinddarms angewiesen.

Das bekannteste Beispiel für ein rudimentäres Organ sind übrigens die Flügel von Vögeln, die nicht oder nur sehr eingeschränkt fliegen können . Bereits 1798, sechzig Jahre vor Darwin, beschrieb der französische Wissenschaftler Étienne Geoffroy St. Hilaire „Laufvögel“ in Ägypten. Tatsächlich sah er einen Strauß. Andere flugunfähige Vögel sind die Kiwis, die Pinguine oder der Kakapo, der einzige Papagei, der möglichst am Boden bleibt, und in gewisser Weise auch die Hühner. Alle diese Vögel haben Flügel, die im Prinzip die Eigenschaften funktionsfähiger Organe haben. Sie können aber die meist sehr schweren Vögel nicht (weit) tragen. Man könnte sie auch als Tiefflieger bezeichnen. Doch immerhin leisten ihre Flügel für die Balance und vor allem für einen effektvollen Auftritt bei der bei der Balz noch gute Dienste.

Auch das Sexualverhalten und die Sexualorgane sind bisweilen redundant. Der Löwenzahn zum Beispiel hat alle Sexualorgane, um sich gegenseitig zu befruchten, benutzt sie aber einfach nicht. Er reproduziert sich lieber selbst, das geht nämlich viel schneller und ist weitaus effektiver. Und sogar Tiere, wie einige Arten der Schienenechsen, reproduzieren sich in Parthenogenese, alsoeiner Jungfernzeugung. In diesen Fällen gibt es sogar nicht einmal Männchen, sondern nur Weibchen.

Komplett überflüssig ist unser Blindarm aber nicht. Eine Funktion bei der Verdauung des Menschen hat er zwar nicht mehr. Wegen seiner Lymphknötchen wird ihm aber eine gewisse immunologische Bedeutung zugeschrieben. Auf dem Weg vom Kind zum Erwachsenen übernimmt der Blinddarm demnach verschiedene Funktionen bei der Abwehr von Krankheiten. Mit den Jahren verliert er aber diese Eigenschaft, so glauben einige Experten. Ab dem zwanzigsten Lebensjahr sei er dann so gut wie überflüssig.

Das heißt aber leider nicht, dass man von diesem Zeitpunkt an nie wieder von ihm hört. Die Fähigkeit, sich zu entzünden, die behält er nämlich bei. Aber auch die Bezeichnung Blinddarmentzündung ist eher irreführend. Der Mediziner spricht korrekterweise von einer „Appendizitis“. Denn die Entzündung geht von einem langen Anhang am unteren Ende des Blinddarms aus, der auch Wurmfortsatz oder Appendix genannt wird. Dieses „Anhängsel“ des Blinddarms kann sich entzünden und verursacht die Blinddarmentzündung.

Doch was löst die Entzündung aus? Der Wurmfortsatz ähnelt einem Regenwurm. Wenn sich die enge Öffnung beispielsweise mit Körnern zusetzt, dann stauen sich Sekrete in dem kleinen Abschnitt. Bakterien aus dem Dickdarm können sich nun ansiedeln und wunderbar vermehren. Eine Entzündung ist wahrscheinlich.

Schlimmer als den Blinddarm hat die Evolution übrigens dem Blinden Höhlensalmler mitgespielt. Denn er hat wirklich Augen und ist trotzdem mit Blindheit geschlagen. Bei dem Fisch, der in absoluter Dunkelheit lebt, werden während der Entwicklung im Fischei die Augen zunächst herausgebildet. Beim Schlüpfen aber sind sie schon wieder zugewachsen.

Der Fisch steht, kaum hat er das Licht der Welt erblickt, schon wieder im Dunkeln. Da kann man dann getrost von einem echten Blindfisch sprechen.

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