Noz
Kontakt

·

Digitalabo

·

Shop

·

Tippspiel

Startseite

|

Deutschland & Welt

|

Gut zu wissen

|

Ach So

|

Karl der Große nur erfunden?
ach-so

Schrift
 Drucken  Versenden Empfehlen auf:      

Quelle: Neue Osnabrücker Zeitung 14. Mai 2010 13:23 Uhr

Zuletzt hat kommentiert:
Dummy_m_small
Andreas O. Freitag, 08. Oktober 2010 17:14 Uhr

Die bizarre Phantomzeit-Theorie stellt das Mittelalter auf den Kopf

Karl der Große nur erfunden?

Osnabrück. Am 1. Mai 712 war das finstere Mittelalter noch finsterer als ohnehin schon. Diesen Tag gab es nämlich gar nicht. Mehr noch: Es gab auch den Monat und das Jahr nicht, genauso das Jahrzehnt und das ganze Jahrhundert. Das zumindest glauben die Anhänger der Theorie vom erfundenen Mittelalter, auch Phantomzeit-Theorie (oder PHZ) genannt.

 
Die Büste Karl des Großen in der der Domschatzkammer in Aachen.Foto:dpa  Vergrößern

– Anzeige – Ihre Anzeige hier



Meistgelesene Artikel








Sie meinen es absolut nicht als Scherz, wenn sie sagen, dass gut 300 Jahre erfunden seien. Konkret soll auf das Jahr 614 das Jahr 911 gefolgt sein. Urheber der Theorie ist Heribert Illig (*1947), der zwar sicher besser rechnen kann, als man jetzt vielleicht denkt, aber von anderen Mittelalterforschern wie dem Mediävisten Michael Borgolte abschätzig als „Sektenführer“ tituliert wird. Illigs Theorie geht so: Die Kalenderreform durch Papst Gregor XIII. im Jahr 1582 sei aus rätselhaften Gründen extrem fehlerhaft durchgeführt worden. Illig entwickelt daraus die Theorie der fehlenden Jahrhunderte. Genau genommen will er als Differenzzeit genau 297 Jahre berechnet haben, es handele sich um den Zeitraum von September 614 bis August 911. Geschichtsschreiber sollen sich alle Ereignisse dieser Jahrhunderte später praktisch aus den Fingern gesogen haben, etwa Leben und Wirken Karls des Großen. Alles erfunden?

Die Geschichtswissenschaft betrachtet die These des erfundenen Mittelalters als absurd. Sie ist einfach zu leicht zu widerlegen. Zwar gab es bei den kalendarischen Reformen manche Rechenfehler und Ungenauigkeiten, doch hat sich die Abweichung von der Einführung des julianischen Kalenders 46 v. Chr. bis 1582 auf 12,48 Tage summiert, und nicht auf 297 Jahre. Auch gibt es Tausende Dokumente aus jener Zeit, die es angeblich gar nicht gegeben hat. Und schließlich die Frage nach dem Motiv: Wer würde von diesem 300-Jahre-Betrug profitieren? So wird die Theorie denn auch als Verschwörungstheorie behandelt.

Verschwörungstheorien sind enge Verwandte des Verfolgungswahns. Nach Ansicht von Psychologen sind Personen, die sich in der Welt hilf- und machtlos fühlen, besonders anfällig für Verschwörungstheorien. Sie tendieren dazu, überall neue Muster und Verbindungen zu sehen – auch dort, wo es gar keine gibt..Kontrollverlust wird von der Psyche als extrem starke Bedrohung wahrgenommen. Der energische Versuch, die Kontrolle wiederherzustellen, kann auch die Wahrnehmung der Realität schwer verzerren. Und das kann dann so weit gehen, dass man glaubt, irgendeinen Tag habe es gar nicht gegeben. Oder auch den ganzen Monat und das Jahr nicht und das Jahrzehnt und das Jahrhundert.

Alle Texte dieser Reihe:

www.neue-oz.de/achso

 Mehr Ach So

 
  Leserkommentare

 
Andreas O., Freitag, Oktober 8, 2010 um 17:14 Uhr Absurde Darstellung der Phantomzeitthese Die Absurdität dieses NOZ-Beitrags wird unter http://www.fantomzeit.de/?p=2870 kommentiert.

 
Udo D., Dienstag, September 21, 2010 um 17:10 Uhr Historische und archäologische Zeitbestimmung Es gibt - neben der historischen Ableitung einer Zeitschiene - auch überlieferungsunabhängige Methoden zur Bestimmung des Alters von archäologischen Funden und Befunden. Zu nennen sind hier die C14-Methode, aber auch Sedimentablagerungen in Seen, Eisbohrkerne und besonders die Dendrochronologie. Hier gibt es überlappend abgesicherte Ergebnisse für z.B. Funde aus der Römerzeit, aufs Jahr genau. Damit ist die Theorie der fehlenden Jahrhunderte wiederlegt. Keinesfalls kann aus der Tatsache, dass Gregor bei seiner Kalenderreform nur 10 statt den eigentlich fälligen 13 Tagen ausfallen ließ geschlossen werden, dass es ein paar Jahrhunderte gar nicht gab.

 
Heribert I., Dienstag, September 21, 2010 um 11:25 Uhr Rechenkünstler Das julianische Jahr ist 674 Sekunden länger als das astronomische Jahr. Dieser Fehler ergibt in 128,2 Jahren einen zusätzlichen Tag. Zehn solcher Tage hat Papst Gregor XIII. 1582 überspringen lassen. Das entspricht dem Kalenderlauf von 10 x 128,2 = 1.280 Jahren. Der Fehler wird also keineswegs seit Julius Cäsar berichtigt, sondern erst ab 300 n. Chr.
Daraus leiten sich weitere Überlegungen ab, die nichts mit Verfolgungswahn zu tun haben, sondern mit Archäoastronomie und Kalenderwesen. Allerdings sind beide nicht jedem zugänglich.
Dr. Heribert Illig, der den bösartigen Artikel erst jetzt (21.9.) zu Gesicht bekommen hat
Schreiben Sie einen Kommentar




Empfehlen auf:  Facebook  Twitter




 Zeitungstitel wählen  Schließen

Wählen Sie Ihren Zeitungstitel: