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Muss die Beschneidung von Jungen geächtet werden?
Osnabrück. Für die deutsch-türkische Soziologin Necla Kelek ist die Beschneidung von Jungen ein Unterdrückungsinstrument, das geächtet werden muss. Der Osnabrücker Religionswissenschaftler Professor Rauf Ceylan hält sie dagegen für ein kulturell stark verankertes Ritual, das unbedingt erhalten werden sollte.
Die Debatte über das Urteil des Kölner Landgerichts, das die Beschneidung eines vierjährigen muslimischen Jungen als Körperverletzung gewertet hat, geht weit über die Frage nach der körperlichen Unversehrtheit und der Freiheit der Religionsausübung hinaus. Religion und die mit ihr verbundenen Werte und Rituale prägen laut einer Studie nicht nur die Struktur und die Werte einer Gesellschaft, sie sind auch für die Sozialisation der Heranwachsenden von großer Bedeutung. Das gilt für den Islam ebenso wie für das Judentum und die christlichen Religionen.
Im Fall der Beschneidung junger Muslime sind sich laut Kelek die Islamgelehrten bis heute nicht einig, ob sie wirklich Pflicht oder bloße Empfehlung ist. Der Religionswissenschaftler Rauf Ceylan betont aber im Gespräch mit unserer Zeitung, dass im Koran an mehreren Stellen auf Abraham als vorbildlichen Monotheisten hingewiesen wird: „Abraham, der selbst beschnitten war, ist also eine Art Modellperson für die Muslime“, folgert er. Außerdem gebe es weitere wichtige Quellen, in denen die Bedeutung der Beschneidung, sowohl im theologischen als auch im medizinischen Sinne (Hygiene), hervorgehoben werde.
Ceylan weist auch darauf hin, dass unabhängig von religiösen Gründen seit dem 19. Jahrhundert auch in Europa und in Nordamerika die Beschneidung zugenommen habe. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) seien etwa 30 Prozent der Männer weltweit beschnitten. „Die WHO empfiehlt die männliche Beschneidung sogar als Gesundheitsmaßnahme“, betont Ceylan.
Tatsächlich gibt es laut WHO „schlüssige Beweise“, dass beschnittene Männer ein „signifikant niedrigeres Risiko“ haben, sich mit dem HI-Virus anzustecken. Andere Untersuchungen legen nahe, dass das Risiko, Harnwegsinfektionen, Peniskrebs und vielerlei Geschlechtskrankheiten zu bekommen geringer sei. Insgesamt sind die gesundheitlichen Argumente aber umstritten.
Experten vermuten, dass die Wasserknappheit, unter der die Wüstenvölker des Nahen Ostens litten, und damit hygienische Gründe, wie auch bei anderen religiösen Vorschriften von Islam und Judentum, einst Hintergrund für die Beschneidung waren.
Aus den religiösen Vorschriften hätten sich dann je nach Kulturkreis unterschiedliche Rituale entwickelt, erläutert Ceylan. So würden in der Türkei Beschneidungsfeste mit großem Aufwand gestaltet. „Das ist eine Art individuelles Weihnachten, da dieses Fest nur dem beschnittenen Jungen gilt und viel größer gefeiert wird als etwa ein Geburtstag.“ Für Ceylan ist „dieser Ritus kulturell so sehr verankert, dass alle Konfessionen im Islam der Beschneidung eine ähnliche Bedeutung beimessen wie vielleicht Christen der Taufe“. Und selbst die Islamkritikerin Kelek räumt ein, dass die Knaben begeistert seien, wenn sie, wie kleine Prinzen verkleidet, bejubelt und mit Geschenken überhäuft würden.
Allein in Deutschland kommen etwa 10 000 muslimische Jungen in jedem Jahr in das Alter, beschnitten zu werden. Das machen oft türkische Ärzte, aber auch aus der Türkei eingeflogene angelernte Beschneider. Spezialkliniken in der Türkei werben mit einem Abholservice vom Flughafen. Wenn sich jetzt zu Ferienbeginn in Deutschland lebende türkischstämmige Familien auf den Weg in die Türkei machen, steht bei vielen, die einen Jungen im Alter zwischen sieben und neun Jahren haben, auch deren Beschneidung auf dem Programm.
Kelik, die das Ritual auch in ihrem Buch „Die verlorenen Söhne“, Plädoyer für die Befreiung des türkisch-muslimischen Mannes, zum Thema macht, aber warnt ausdrücklich vor den Folgen „des blutigen Eingriffs“: Die Beschneidung gehöre zum Muslimsein und unauflöslich zur männlichen Identität. Und diese gewinne nur, wer Schmerzen ertragen könne. Erst dann sei er der ganze Stolz der Väter. „Ausgerechnet zu einer Zeit, wenn der Heranwachsende vielleicht gerade anfängt, seinen Körper zu entdecken, einen eigenen Willen und eigene Vorstellungen vom Leben zu entwickeln, wird seine Persönlichkeitsentwicklung durch eine Lektion gebrochen, die er ohne jede Erklärung erteilt bekommt, dass er sich zu fügen hat, wenn die Erwachsenen ihm Schmerz zufügen, dass Gott ihm Prüfungen auferlegt, die es zu bestehen gilt, oder er ist ein Nichts, weder Muslim noch Mann noch Teil der Gemeinschaft.“
Die Zugehörigkeit zu diesen Gemeinschaften hält die Islamkritikerin aber ohnehin nicht für erstrebenswert: In der sogenannten Umma, der religiösen Gemeinschaft aller Muslime, in die die Jungen nach der Beschneidung aufgenommen würden, stünden sie auf der untersten Stufe, müssten von nun an gehorchen und den Älteren dienen, kritisiert sie. „Durch das Opfer der Vorhaut wird die Unterwerfung symbolisch wie materiell manifestiert.“
„Das sind Fremdzuschreibungen und gedankliche Konstruktionen, die mit dem Wesen des Rituals wenig gemein haben“, weist Ceylan diesen Vorwurf entschieden zurück. Der Akt der Beschneidung diene vor allem der religiösen Identitätsbildung.
Am Ende dieses Prozesses steht aber nach Ansicht der Islamkritikerin Kelek nichts Gutes: „Beschneidung ist ein Brauch wie das Barttragen, mit dem sich Fundamentalisten heute von den Ungläubigen, die Sauberen von den Unreinen, den Nichtmuslimen, abgrenzen“, schreibt sie in einem Beitrag in der Welt. Andere Kritiker warnen, die Beschneidung könnte ein Integrationshemmnis für in nicht moslemischen Ländern lebende Muslime sein. Für den beschnittenen Jungen und auch für die Angehörigen, die diese Werte teilten, seien Unbeschnittene unrein. Wer aber in solchen Kategorien der Abgrenzung dächte, sei für die Werte einer freiheitlichen (westlichen ) Gesellschaft schwerlich zu gewinnen.
Auch das weist Ceylan zurück: Seiner Ansicht nach ist Abgrenzung keine Frage der Beschneidung. „Identitätskonstruktionen durch Abgrenzung zu anderen Gruppen sind immer problematisch und können durch unterschiedlichste Symbole und Merkmale geschehen. Das kann die Ethnie sein, die Konfession oder andere Merkmale“, betont der Religionswissenschaftler.
Andere erinnern daran, dass auch manche christlichen Kirchen die Taufe als einen Ritus verstehen, der von der Erbsünde reinigt. Wer also nicht getauft sei, sei unrein.
Die schärfste Reaktion auf das Kölner Urteil kam aber von der Konferenz Europäischer Rabbiner. Sie bezeichneten es „als wohl einer der schwersten Angriffe auf jüdisches Leben nach dem Holocaust“. Doch auch in Israel selbst gibt es einen Verein, der unter dem Namen Ben Schalem (Vollkommener Sohn) seit 15 Jahren gegen die Beschneidung kämpft. Im Judentum wird sie am achten Tag nach der Geburt durchgeführt und gilt als Eintritt in den Bund mit Gott.
Jonathan Enosh, Aktivist der Gruppe und Vater eines 15-jährigen, unbeschnittenen Jungen und einer Tochter, begrüßt in einem Interview, „dass ein deutsches Gericht das unmoralische Vorgehen der Beschneidung verurteilt“. Während es vor 20 Jahren nur ein paar Dutzend israelische Familien gewesen seien, die die Beschneidung ablehnten, seien es heute schon zwei Prozent der jüdischen Bevölkerung. 1998 war der Verein, der die Beschneidung für einen Akt der Vergewaltigung hält, vor ein israelisches Gericht gegangen, um sie für kriminell erklären zu lassen. Die Klage wurde abgewiesen.
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