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BSE-Erreger bei Rindern sorgte für Panik: Selbst Gummibärchen standen unter Verdacht
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BSE-Erreger bei Rindern sorgte für Panik: Selbst Gummibärchen standen unter Verdacht
BSE-Erreger bei Rindern sorgte für Panik: Selbst Gummibärchen standen unter Verdacht
Bremen. Selbst hartnäckige Fleischesser begannen am 24.November 2000 an ihrer Passion zu zweifeln. Bis dahin hielt man den „Rinderwahn“ lediglich für ein englisches Problem, doch dann fiel der BSE-Test an einer vierjährigen Kuh in Schleswig-Holstein positiv aus: Das Tier war krank – obwohl es nicht ein einziges Symptom zeigte! Es war der Beginn eines der größten Lebensmittelskandale, die Deutschland jemals erschütterten.
Die unmittelbaren Folgen waren erheblich: Zwei Minister verloren ihren Job (Andrea Fischer von den Grünen und Karl-Heinz Funke von der SPD), Rinder wurden tausendfach gekeult, und der Absatz ihres Fleisches fiel ins Bodenlose. Die Konsumenten wechselten zu Hühnchen, Puten und Schweinen, einige wurden sogar zu Vegetariern .Selbst Apothekenkunden und Naschkatzen fragten sich, ob ihre Präparate und Gummibärchen wegen der darin verarbeiteten Rindergelatine noch sicher seien.
Doch von dieser Panik ist nichts mehr zu spüren. Nachdem der Rindfleischverzehr pro Kopf und Jahr 2001 kurzfristig auf unter zehn Kilogramm sank, übersprang er bereits ein Jahr später wieder die 12-Kilogramm-Marke. Derzeit liegt er bei stabilen 12,4 Kilogramm. Es ist also ruhig um BSE geworden – doch es stellt sich mehr als ein Jahrzehnt nach dem ersten Fund schon die Frage, ob diese Ruhe nicht trügerisch ist.
Als Infektionsrisiko für den Menschen jedenfalls hat sich BSE als weitaus harmloser herausgestellt, als ursprünglich befürchtet wurde. Denn ihr Erreger – ein Vertreter aus der Gruppe der sogenannten Prionen – kann zwar vom Rind auf den Menschen übergehen und dadurch eine spezielle Form der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJK) auslösen, die das Gehirn unwiderruflich in einen gallertartigen Schwamm funktionsuntüchtiger Zellen verwandelt.
Doch das konkrete Risiko dafür ist offenbar extrem niedrig, wie Peter Kimmig vom Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg sagt: „Die Bedrohung durch BSE in Deutschland ist wesentlich geringer als beispielsweise das alltägliche normale Risiko des Straßenverkehrs.“ Selbst in England, in dem BSE besonders heftig wütete und für das man im British Food Journal mit zehn Millionen CJK-Patienten bis zum Jahr 2010 gerechnet hatte, wurden bisher nicht einmal 200 Menschen von der Nervenerkrankung heimgesucht. Und für Deutschland sei das Risiko, wie der Göttinger Neuropathologe und Prionen-Experte Walter Schulz-Schaeffer betont, „selbst bei den schlimmsten Annahmen noch einmal 1000-fach geringer als in Großbritannien“. Kein einziger Bundesbürger erkrankte bisher durch Rindfleischverzehr am Hirn, und es ist auch nicht mehr damit zu rechnen. Denn im letzten Jahr wurde bei den Wiederkäuern kein einziger BSE-Fall mehr entdeckt, weil relativ schnell und energisch auf die Krise reagiert wurde. Besonders effektiv war, dass man Tiermehl, das als potente Prionenquelle dingfest gemacht worden war, aus dem Viehfutter gänzlich verbannte. Außerdem wurden flächendeckende BSE-Tests an Rindern eingeführt. Die gibt es immer noch, obwohl sie keine Ergebnisse mehr bringen und viele Millionen Euro kosten.
Erste Kritiker fordern daher bereits ihre Einschränkung, doch das Bundeslandwirtschaftsministerium zögert noch, weil man sich keine Schwächung des Verbraucherschutzes vorwerfen lassen will.
Nichtsdestoweniger scheint BSE-infiziertes Rinderfleisch keine wirkliche Gefahr mehr zu sein. Für den Erreger selbst kann jedoch keine Entwarnung gegeben werden. Denn infolge der Krise wurden auch weltweit große Anstrengungen in die Prionenforschung gesteckt, und deren Ergebnisse klingen nicht unbedingt beruhigend.
So gehören Prionen nicht zu Mikroorganismen wie etwa Pilze und Bakterien, und sie sind sogar noch einfacher gestrickt als Viren, die ja als stoffwechsellose Wesen eigentlich nicht mehr zum Leben gehören. Es handelt sich bei ihnen vielmehr, wie Veterinärmediziner Martin Groschup vom Friedrich-Löffler-Institut es ausdrückt, „um falsch gefaltete Proteine“, die ihre bis dato gesunden Proteinnachbarn ebenfalls in Prionen verwandeln können. Das Gewebe um sie herum wird also im wahrsten Sinne des Wortes zusammengefaltet – und verliert dadurch an Funktion.
Allerdings geschieht das nur, wenn der Wirtsorganismus eine genetische Veranlagung dazu mitbringt. Was einerseits bedeutet, dass der Verzehr von prionenhaltigem Fleisch nicht zwangsläufig krankmachen muss. Andererseits aber auch Sorge bereitet, weil man gegen seine genetische Veranlagung mit gesunder Lebensweise nichts ausrichten kann.
Beunruhigend ist auch, dass Prionen offenbar nicht nur über den Fleischverzehr und dann über defekte Darmwände in unser Gehirn gelangen können, sondern auch über Blut- oder Plasmaspenden und sogar über die Luft. Außerdem haben sie sich in deutschen und amerikanischen Labors als Alzheimer-Auslöser offenbart, und das bedeutet, dass die berüchtigte Demenzerkrankung möglicherweise nicht nur die Folge einer immer älter werdenden Gesellschaft ist, sondern auch das Resultat einer heimtückischen Infektion. Grund zur Panik besteht jedoch nicht, denn die Übertragungsmöglichkeiten sind rar. Während Schnupfenviren milliardenweise in winzigen Schleimtropfen auf die Reise gehen, halten Prionen sich vorzugsweise im Hirngewebe auf – und das verlässt nur selten seinen Platz unter der Schädeldecke.
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