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Auf der Suche nach dem X-Faktor
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Autor: Waltraud Messmann 07. September 2011 17:25 Uhr  Mehr Artikel von dieser Autorin

Unbekannter Dritter im Genpool der heutigen Europäer

Auf der Suche nach dem X-Faktor

Osnabrück. Die Mischung macht’s: Die heutigen Europäer sind genetisch betrachtet weit mehr als ein Mix aus alteingesessenen Jäger-Sammlern und den vor 7500 Jahren aus dem Osten zugewanderten ersten Bauern. Das, was noch fehlt, um die Zusammensetzung ihres Genpools zu erklären, haben die Mainzer Paläogenetiker Joachim Burger und Barbara Bramanti X-Faktor genannt. Jetzt suchen sie des Rätsels Lösung.

 
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Im DNA Spurenlabor der Universität Mainz. Foto:Burger

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„Wir gehen davon aus, dass die ersten Bauern aus dem Karpatenbecken nach Mitteleuropa eingewandert sind und die Haltung von Tieren und den Anbau von Nutzpflanzen mitgebracht haben“, sagt Burger. „Das reicht aber zur Erklärung des Genpools der heutigen Europäer nicht aus.“

Vielleicht, so spekulieren die Mainzer, gab es eine zweite Immigrationswelle – lange nach der Einwanderung der neolithischen Bauern. Die Neuankömmlinge könnten sich mit den damaligen Europäern vermischt haben. Diese Immigration müsste vor dem Beginn der Geschichtsschreibung in Europa stattgefunden haben. Denn zumindest eine vielköpfige Zuwanderung zu ihren Lebzeiten hätten die antiken Historiker festgehalten.

Für den unbekannten Dritten gibt es mehrere Kandidaten. „Der heißeste“ ist laut Burger die Jamnaja-Kultur, deren Angehörige eine Gruppe von Rindernomaden waren, die aus der Steppe rund um das Schwarze Meer stammten. An der Schwelle von Späten Kupferzeit und Früher Bronzezeit, zwischen 3100 und 2500 v.Chr., lebten sie in der Region südlich des Ural-Gebirges bis nordwestlich des Schwarzen Meeres. Die zunehmende Trockenheit in dieser Region könnte die Nomaden der Jamnaja-Kultur im 3. Jahrtausend v.Chr. gezwungen haben, ihre angestammten Weiden zu verlassen, meinen die Forscher. Auf die Jamnaja-Kultur weisen auch archäologische Funde hin: So wurden Hügelgräber der Jamnaja aus der ersten Hälfte des 3. Jahrtausends v.Chr. im unteren Donautal aufgefunden. Der Würzburger Sprachforscher Heinrich Hettrich hält es außerdem für möglich, dass in der Jamnaja-Kultur die Grundform des Indogermanischen gesprochen wurde. „Über einen ‚Anfangsverdacht‘ sind wir noch nicht hinausgekommen“, räumt auch Burger ein. Das könnte sich aber schon bald ändern. Denn in den DNA-Laboren der Mainzer Universität wird das Probenmaterial von 250 Skeletten aus Gräbern von Jamnaja-Toten zwischen Kasachstan und Ungarn nach Genspuren durchsucht. Die Auswertung der Daten wird voraussichtlich bis Frühjahr 2012 dauern. Einen ersten Eindruck hat Burger allerdings schon gewonnen: „Bevor die Daten statistisch noch nicht ordentlich ausgewertet sind, möchte ich ungern behaupten, dass die prima vista ungefähr so aussehen wie die der heutigen Europäer. Aber da ist in der Tat eine große Ähnlichkeit.“

Aber auch die Jamnaja seien möglicherweise nur Teil eines großen Puzzles, betont Burger. „Vielleicht gab es ja nicht nur eine Immigration von rechts, sondern auch eine von links.“ So deute vieles darauf hin, dass aus Iberien heraus am Atlantik entlang im Übergang zur Bronzezeit eine Wanderung nach Europa stattgefunden habe. Außerdem könnten die genetischen Veränderungen vom neolithischen zum modernen Menschen auch „die Summe mehrerer einzelner Migrationen sein“.

Das sieht auch Wolfgang Haak so, der zunächst an der Mainzer Uni und jetzt an der Universität im australischen Adelaide zum Thema forscht. „Ich bin mittlerweile davon überzeugt, dass wir, wenn wir den heutigen Genpool der Europäer besser verstehen wollen, weiter systematisch chronologisch vorgehen müssen, um die Dynamik des Gesamtbildes zu erfassen.“

Haak hebt besonders die Bronzezeit „als weiteren wichtigen Kandidaten für neue genetische Impulse“ hervor. Ähnliches gelte aber auch für die keltische Eisenzeit, das Römische Reich und nicht zuletzt die Völkerwanderungszeit. „Die Liste ist endlos“, so Haak.

Auch Epidemien, die mit zunehmender Bevölkerungsdichte ein immer größeres Ausmaß erreicht hätten, seien ein möglicher Faktor für Veränderungen im Genpool.

Interessante Hinweise erhofft sich Burger von Erkenntnissen zur Milchverträglichkeit. Die Fähigkeit, Milch auch als Erwachsener verdauen zu können, ist ein Merkmal, das vor allem in Nordeuropa sehr häufig ist. Bis zu 90 Prozent der Menschen in Skandinavien und auf den Britischen Inseln können Milch auch nach dem Abstillen in größeren Mengen konsumieren. Weltweit können dies jedoch weniger als 20 Prozent aller Menschen. Burger und Kollegen haben nachgewiesen, dass im Neolithikum die Häufigkeit dieser Laktasepersistenz nahe null war. Außerdem konnten sie mit englischen Kollegen zeigen, dass die Milchverträglichkeit ihren Ursprung in Südosteuropa nahm, ebenso wie die linearbandkeramische Kultur und die ersten Ackerbauern selbst. Vieles spricht also für eine Massenmigration von Bauern aus dem Balkan mit nachfolgender regional variierender Vermischung mit ansässigen Jäger-Sammlern. „Das letzte Puzzleteil bleibt aberder X-Faktor.“

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