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Tippspiel„Ich möchte nicht das fromme Feigenblatt machen“
Vor der Werkshalle des Johannis-Verlages warteten Lastwagen auf Nachschub. „Die standen dort lange“, erzählt Peter Hahne, „weil in dem frommen Betrieb am Sonntag niemand arbeitet.“ Nur 5000 Exemplare ließ der Verlag im Oktober von Peter Hahnes Buch „Schluss mit lustig“ drucken. Inzwischen sind eine halbe Million verkauft. Doch das Feuilleton hat sich gegen Hahne eingeschossen. Sein Buch, in dem der ZDF-Journalist die Rückbesinnung auf christliche Werte fordert, wurde von der Süddeutschen Zeitung niedergemacht. „Nicht einmal Fünf-Pfennig-Weisheiten“ biete das Werk und sei „rechter Volksschmarrn“. In Berlin sprach Hahne mit unserer Zeitung über Werteverfall, seine Teilnahme am Gebetsfrühstück mit dem US-Präsidenten, die Pfingstbotschaft und Kirchen-Groupies.
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| VON DER KUPPEL ZUR KANZEL ist es oft nicht weit: Wenn Peter Hahne nicht vom Reichstag in Berlin berichtet, wendet er sich gern an die Gläubigen in der Kirche. |
Hahne: Das sind die klassischen Damen mittleren Alters, die vor der Kirche zum Friseur gehen und sich ganz chic anziehen, damit sie auch auffallen. Früher als alle anderen kommen die, sitzen in den ersten Reihen und sind mir ganz nah. Ich freue mich über jedes Stammpublikum, und es kitzelt natürlich die Eitelkeit. Aber besonders freuen mich Leute, die schon als Jugendliche da waren, jetzt ihre eigenen Kinder mitbringen und meinen: Was Peter Hahne damals von der Kanzel sagte, das hat unsere Familie geprägt.
Ganz anders ging das deutsche Feuilleton mit Ihnen um. Für Ihr Buch hagelte es Verrisse, die Ihnen doch zu denken geben müssen.
Hahne: Ernsthafte Kritik würde mich zum Nachdenken und Umdenken bringen. Das fordere ich ja selbst im Buch. Aber wer intellektuelle Argumente durch Häme ersetzt, ist nicht ernst zu nehmen. Eigentlich haben diese Blätter den Boom am Buch in Gang gebracht. Die Leute wollten lesen, ob es wirklich so furchtbar ist, was der Hahne da schreibt. Sie haben sich überzeugen lassen, dass alles doch ganz annehmbar ist, und kaufen sogar weitere Exemplare zum Verschenken.
Kein bisschen sauer wegen der Kritik?
Hahne: Ach, diese Intellektuellen würden es wohl am liebsten sehen, wenn ich am PC eine Taste gedrückt hätte, die das ganze Manuskript automatisch mit unverständlichen Fremdwörtern versieht. Ich habe ja bewusst so geschrieben, dass jeder meine Thesen verstehen kann. Überhaupt bedeuten mir die Reaktionen der Leser mehr als bezahlte Kritiken. Ein Sozialkundekurs am Gymnasium las mein Buch und will jetzt ein Grußwort für die Abi-Zeitung.
Und wie reagieren Ihre prominenten Gesprächspartner im journalistischen Alltag?
Hahne: Als Erster hat mich Bundestagspräsident Thierse zu einer öffentlichen Diskussion eingeladen. Bis auf das Randthema Ladenschluss gab es nur Übereinstimmung. Ein SPD-Unterbezirk will mich holen, ebenso begeistert ist ein CDU-Landesverband, auf dessen Parteitag ich reden soll. Das kann ich als ZDF-Journalist natürlich nicht machen. Vor ein paar Wochen kam der Chef der Bundesanstalt für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, und sagte: Das Buch ist absolute Klasse. Nur an der Misere der „Ich-AG“ sei nicht er, sondern die Politiker schuld. Dann zitiert Bundespräsident Köhler aus „Schluss mit lustig“. Am 1. Mai hat ausgerechnet der Gewerkschaftsbund das diesjährige Motto bei mir geklaut: „Der Mensch ist mehr als ein Kostenfaktor. Du hast Würde und bist wertvoll.“
Keine schlechte Werbung...
Hahne: Für mich ist das die beste Werbung und spart teure Anzeigen. Bisher gab’s in säkularen Medien überhaupt keine PR für das Buch. Auf allen Bestsellerlisten ist es die Nummer eins. Auch ausgerechnet in der Rangliste des ehemaligen SED-Blattes „Neues Deutschland“, die nur die Verkäufe in kommunistischen Buchhandlungen des Ostens einbezieht. Mittlerweile sind vom aktuellen Buch eine halbe Million verkauft. So etwas hat nicht mal der Bohlen geschafft. Für ein Sachbuch sensationell, denn das können Sie nicht mit Harry Potter vergleichen.
Als Hauptthese fordern Sie „Holt Gott in die Politik“. Soll der Vatikan die Regierung übernehmen?
Hahne: Im politischen Leben muss es mehr Menschen geben, die sich an die Wertmaßstäbe der Bibel und des christlichen Glaubens halten. Den Anstoß hat Horst Köhler gegeben, als er den Amtseid mit der Formel „So wahr mir Gott helfe“ leistete und erklärte, dass er das auch bewusst so meine. Wir brauchen eine letzte Instanz, vor der wir uns verantworten müssen, und letzte Maßstäbe, die wir uns nicht selbst geben können. Deutlich wird das an praktischen Politikfeldern – von der Abtreibung über Embryonenforschung bis hin zur Sterbehilfe.
Dann haben Sie sich im Januar beim „Nationalen Gebetsfrühstück“ in Washington mit US-Präsident Bush bestimmt wohl gefühlt.
Hahne: Ich habe mich deshalb so wohl gefühlt, weil die amerikanische Gesellschaft geprägt ist durch den christlichen Glauben. Beim Gebetsfrühstück wird das deutlich, weil Politiker aller Parteien zusammenrücken. Da zählen nicht akademischer Grad oder Kontoauszug. Alle sind gleich. Am Rande kam es dann auch zur ersten Begegnung zwischen dem gewählten George Bush und John Kerry. Ohne Fotografen und ohne Fernsehen haben die sich die Hand gereicht.
Was ist da anders als in Deutschland?
Hahne: Bindende Grundlage ist die gemeinsame Religion. Auch dafür, dass die USA eine Nation sind, die nach vorne blickt und einen Zukunftsoptimismus hat. Natürlich haben sie sich innenpolitisch über den Irak-Krieg gestritten, aber nach außen standen sie geschlossen. Wenn wir davon ein bisschen hätten, sähe es in der deutschen Gesellschaft anders aus.
Ist Bushs Frömmigkeit gespielt?
Hahne: Ein Politiker ist immer darauf aus, gewählt zu werden. Ich kann allerdings keinem Menschen das persönliche Christsein absprechen. Als Deutsche haben wir eine völlig andere Tradition. Ich bin der Auffassung, dass man mit der Bibel in der Hand keine praktische Politik machen kann. In der Bibel steht nicht, was ich machen soll. Die Bibel gibt mir einen Handlungsrahmen, schärft das Gewissen. Das US-Modell „Wir sind Gottes Land, und deswegen haben wir das Recht, die Fackel der Freiheit mit allen Mitteln in die Welt zu bringen“, begründet die Bibel jedenfalls nicht.
Bei so viel Begeisterung
für die Christen in den
USA: Sind Sie Fundamentalist?
Hahne: Heute wird alles, was auf Werte bezogen wird, unter Fundamentalismusverdacht gestellt. Das kann ja wohl nicht wahr sein. Ich bin Realist, kein Fundamentalist. Ich sehe den Hilfeschrei der jungen Generation und der Politiker, die in all ihrer Ratlosigkeit nach Fundamenten suchen. Dem neuen Papst schließe ich mich an, wenn er gegen die „Diktatur des Relativismus“ angeht. Das ist kein Fundamentalismus. So ein Vorwurf trifft auf den Islamismus zu, der mit Hasspredigern auftritt und Gewalttaten ausübt. Die noch viel größere Gefahr sehe ich im atheistischen Fundamentalismus. Der geht nämlich davon aus, dass jeder seine eigenen Wahrheiten postuliert. Ganz aktuell sieht man das hier in Berlin, wenn der Senat
den Religionsunterricht abschafft. Auf so eine Idee kämen selbst die politisch Linken in Niedersachsen oder Bayern nicht.
Beim Kirchentag in zwei Wochen taucht Peter Hahne nicht im Programm auf. Dabei ist der Weg bis Hannover viel näher als nach Washington.
Hahne: Zu der Zeit bin ich im Urlaub, und den lasse ich mir auch nicht nehmen, weil im Anschluss schon die Sommerinterviews im ZDF für „Berlin direkt“ anstehen.
Und wenn Sie Zeit hätten?
Hahne: Beim Kirchentag besteht die große Gefahr, dass er zum Beliebigkeitsmarkt der Möglichkeiten wird. So nach dem Motto: Bedient euch, auf dass ihr selig werdet. Jeder gibt seinen Senf dazu, und dann kommt noch der Dalai-Lama oder irgendwelche Religionsführer. Ich bin sehr dankbar für Landesbischöfin Margot Käßmann, die für mehr Eindeutigkeit eintritt. Wir brauchen auf dem Kirchentag eine klare Botschaft und nicht einen Religionsmischmasch, der die jungen Besucher völlig verunsichert. Ich kann mir nicht vorstellen, in der Halle A sagt Jürgen Fliege „Gott ist ein Gangster“ und nebenan ruft Peter Hahne dazu auf, das Heilige heilig zu halten. Also: Ich möchte nicht das fromme Feigenblatt machen.
Warum dürfen sich die Kirchen nicht mal dem Zeitgeist hingeben?
Hahne: Dann gäben sie ihre geistige Kraft zu Gunsten von parteipolitischen Zeitgeistmeinungen auf. Die Kirche merkt nicht, dass sie dadurch zwar gelegentlich Beifall bekommt, sich aber letztlich überflüssig macht. Mit säkularen Themen ist sie nur eine Gruppe unter vielen, die aber immer kleiner wird. Je selbstbewusster Kirche mit der christlichen Botschaft auftritt, desto mehr wird sie gehört, und desto ernster wird sie genommen. Kirche muss das bieten, was sie konkurrenzlos glücklich macht. Für mich als Protestant bleibt die Herausforderung des Katholizismus. Der hat eine klare Position, die von vielen als Fundamentalismus abgelehnt wird. Diese klare Position hat aber eine entscheidende Folge: Die Leute bleiben der katholischen Kirche treu. Nach dem Motto „Was zieht mehr? Das Liberale oder das Konservative?“ müssten ja eigentlich die Evangelischen einen Zulauf haben, dass die Kirchen zu klein werden. Das ist aber leider nicht der Fall.
Was bedeutet die Bibel für Sie?
Hahne: Sie hat die größte Freiheitsreligion zum Inhalt. Ich möchte keine Frau im Islam sein. Ich möchte auch nicht dem Kastenwesen Indiens angehören. Dagegen hat die Bibel unsere Kultur geprägt, in der Menschenrechte oberster Wert sind.
Unsere Kultur kennt die Botschaft kaum noch. Wer weiß denn schon, warum Pfingsten ist?
Hahne: Heutzutage ist Pfingsten, das Fest der Ausgießung des Heiligen Geistes, aktueller denn je. Wir fragen doch, wer in unserer orientierungslosen, rat- und rastlosen Gesellschaft den Ton angibt. Der Heilige Geist oder der Zeitgeist? Das, was morgen schon von gestern ist, oder das, was wirklich tragfähig ist und worauf wir uns verlassen können?
Ein Zeitgeistlaster haben
Sie aber doch: PS-starke Autos...
Hahne: Jahrelang war ich im Corado unterwegs. Schade, dass der nicht mehr hergestellt wird. Damals hatte ich gute Kontakte zum Osnabrücker Autobauer Karmann und schaffte es irgendwie, das neueste Modell lange vor der Markteinführung in der Garage zu haben. Das war eine so genannte „Null-Serie“ – von mir immer korrekt bezahlt. Jetzt sitze ich wesentlich mehr am Schreibtisch als im Auto. Rund ums Studio zwischen Kanzleramt und Bundespressekonferenz erledige ich viel zu Fuß. Aber wenn mir Zeit bleibt, ist schnelles Fahren das absolute Freiheitsgefühl.
Peter Hahne
wird am 9. November 1952 in Minden geboren. Nach dem Abitur studiert er evangelische Theologie, Philosophie, Psychologie und Germanistik in Bielefeld, Tübingen und Heidelberg. Der Diplom-Theologe beginnt seine journalistische Laufbahn 1975 beim Saarländischen Rundfunk und erhält 1983 den Kurt-Magnus-Preis der ARD. 1985 wechselt Hahne in die ZDF-Hauptredaktion ,,Aktuelles“. Dort moderiert er zunächst die Nachrichten im ,,heute-journal“ und die Kindernachrichtensendung ,,logo“. Ab 1992 ist Hahne das Gesicht der Hauptnachrichten „heute“. Seit 1996 arbeitet er zudem als ständiger Kolumnist der „Bild am Sonntag“. 1999 wechselt Hahne als stellvertretender Leiter in das Hauptstadtstudio des ZDF. Dort moderiert er im Wechsel mit Peter Frey ,,Berlin direkt“. Höhepunkte im Jahresablauf der Sendung sind die Sommerinterviews mit führenden deutschen Politikern außerhalb des Studios. Im Jahr 2000 wird Hahne mit dem Goldenen Gong für „herausragende Hauptstadtberichterstattung“ geehrt.
Der 52-Jährige ist Mitglied im Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). In seiner Freizeit schreibt er Bücher zu aktuell-kirchlichen und Lebenshilfe-Themen, die bisher über fünf Millionen Mal verkauft wurden. Honorare für die Bücher spendet der ledige Hahne. In seiner Heimatgemeinde Minden-Leteln nimmt er dem Pastor am ersten Weihnachtstag die Arbeit ab und predigt im Gottesdienst.





04.04.2012
