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TippspielOhne Blindengeld aus der Traum von Selbstständigkeit?
Eine sprechende Küchenwaage? Ein sprechendes Blutdruckmessgerät? Für Blinde und stark Sehbehinderte sind solche Sonderausstattungen Hilfen im Alltag und kein überflüssiger Luxus. Träume vom Ansparen für besondere Anschaffungen wie etwa von einer Einbauküche mit Geräten, die von Blinden bedient werden können, könnten für viele ausgeträumt sein durch die beabsichtigte Streichung des Blindengeldes, das in Melle derzeit noch 63 Betroffene beziehen.
Auch beim vierten Selbsthilfetag auf dem Meller Rathausplatz am 28. August will die Gruppe mit einem Informationsstand dabei sein und nicht um Mitgefühl, sondern Unterstützung werben. '"'Wir kämpfen dabei nicht nur für uns - das Schicksal Blindheit kann morgen schon jeden treffen.'"'
Zum Beispiel durch einen Schlaganfall: '"'Mein Vorlesegerät hat zwei Beine - das ist meine Frau'"', meint mit einem letzten Anflug von Humor Karl-Heinz Regel, denn dem 60-Jährigen ist eigentlich gar nicht zum Scherzen zumute. Zwei Schlaganfälle 1998 und 2000 schädigten die Sehnerven, Augenoperationen gegen grünen und grauen Star gingen schief. Blindenschrift zu lernen ist nicht nur aufgrund des Alters, sondern mit seinen wegen einer Diabetes zerstochenen Fingerspitzen kaum mehr möglich. Hörbücher und DVDs aus der Blindenbücherei aber sind teuer. Glücklich, wer noch Familie, Bekannte und Freunde um sich oder in erreichbarer Nähe hat. Wer allein steht und sich jede Hilfe in Haushalt und im Alltag gegen Bezahlung sichern muss, wird das Blindengeld am schmerzlichsten vermissen. '"'Da wird wohl einfach mancher auf Ausflüge zum Beispiel zur Selbsthilfegruppe und Kontakte zur Außenwelt verzichten'"', prophezeit Karl-Heinz Regel bitter weitere Vereinsamung für Betroffene.
Ohne ihre 20 Jahre ältere Schwester Maria wäre die 62-jährige Agnes Plogmeyer aus Wellingholzhausen so gut wie hilflos. Mit einer sprechenden Waage könnte Agnes Plogmeyer gar nichts anfangen, denn sie ist seit Geburt taub. Sie erlernte die Gehörlosen-Gebärdensprache, aber da ihre Sehkraft seit nunmehr 40 Jahren zusätzlich immer schwächer geworden ist, versuchen sie die Verständigung seit zwei Jahren mit der Lormensprache: Auf einem weißen Handschuh sind Druckpunkte für jeden Buchstaben des Alphabets markiert. Das neue Lesegerät, mit dem die gelernte Näherin ihre geliebten Modezeitschriften in starker Vergrößerung noch mühsam entziffern kann, wurde von der Krankenkasse als Leihgerät 2003 zur Verfügung gestellt, aber den Fernseher, mit dessen Hilfe sie wenigstens im Videotext die Nachrichten verfolgen kann, konnte sie sich noch vom Blindengeld leisten. Vor der Zukunft ist ihr bange.
Der Blindenverband kämpft darum, dass das Landesblindengeld in Höhe von 409 Euro wie bisher einkommens- und vermögensunabhängig gezahlt wird. Den vollen Betrag bekamen bislang Erwachsene, die in der eigenen Wohnung leben. Nur in einem Fall liegt die nach dem Sozialhilfegesetz gewährte Blindenhilfe künftig höher als das Blindengeld: bei einem Einkommen von 900 Euro im Monat ohne eigenes Vermögen werden 585 Euro gezahlt, 40 Euro je 100 Euro Mehrverdienst werden abgezogen. Eine Witwe mit einer Rente von 730 Euro und einem Notgroschen-Sparguthaben von 5500 Euro dagegen erhält zunächst keine Blindenhilfe, da die Vermögensgrenze auf 2600 Euro heruntergesetzt wurde.







