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Schienentour mit Muskelkraft

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Schienentour mit Muskelkraft

Von Matthias Opatz

Weimar
Was tun mit einer unrentablen Bahnstrecke? Was andernorts ein Problem ist, wurde auf einigen Strecken zu einer Touristenattraktion. Das Zauberwort heißt Draisine. Mittels Handhebel oder Fußpedalen kann man sich auf Strecken zwischen 13 und 40 Kilometer mit eigener Muskelkraft fortbewegen – ohne Zeitdruck, denn Pausen sind jederzeit möglich, um Sehenswürdigkeiten entlang der Strecke anzuschauen, baden zu gehen oder sich zu stärken.

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Von solcherlei Verwendung hat Karl Freiherr Drais von Sauerbronn (1785–1851) nichts geahnt, als er vor fast genau 180 Jahren das nach ihm benannte Laufrad erfand, das später als mit Hebeln angetriebener Schienenwagen vor allem im Gleisbau eingesetzt wurde. In Deutschland war die Draisine Anfang der 90er Jahre längst ein Museumsstück – im Bahnwesen kaum mehr eingesetzt, bei Eisenbahnhistorikern dafür um so begehrter. Bis im Sommer 1996 nach schwedischem Vorbild im nördlichen Brandenburg, zwischen Templin (Uckermark) und Fürstenberg (Oberhavel-Kreis), die ersten Tretdraisinen auf die Strecke gingen. Das Angebot auf dem 30-km-Schienenweg wurde ein Hit. Auch im fünften Jahr sind die 38 Draisinen für zwei bis vier Personen von Ostern bis Ende Oktober nahezu täglich ausgebucht, auch bei schlechtem Wetter, und das, obwohl der Tagespreis immerhin 90 bis 95 Mark pro Draisine beträgt. Da musste man sich wundern, dass dieses Angebot in Deutschland bis 1999 nirgendwo Nachahmer fand.

Das hat sich nun geändert. In Rheinland-Pfalz kann man seit Mai 2000 mit ähnlichen Draisinen auf der „Glantalbahn“ zwischen Altenglan (Kr. Kusel) und Staudernheim (Kr. Bad Kreuznach) für 49 Mark pro Tag und Wagen bis zu 40 Kilometer zurücklegen. Durch malerische Landschaft geht es mit sechs bis acht Stundenkilometern. Geschwindigkeitsbegrenzungen gibt es nur durch die eigene Kraft. Als allerdings an einem Wochenende eine Draisine mehr als drei Mal so schnell wie üblich an den Bahnhöfen auf der Strecke vorbeisauste, wurde sie „disqualifiziert“. Die Herren hatten einen Motor angebracht … Mit Muskelkraft geht es auch in Schleswig-Holstein voran. Auf den 13 Kilometern zwischen Ratzeburg und Hollenbeck (Kr. Herzogtum Lauenburg) muss man allerdings mit den Händen „pumpen“. Auf den nach historischem Vorbild, aber mit moderner Technik gebauten Handhebeldraisinen finden acht bis zwölf Personen Platz. Größere Gruppen können mehrere Fahrzeuge mieten, acht Wagen stehen bereit. Aber auch hier ist Voranmeldung ratsam. Die 25 Mark pro Kopf gelten für Hin- und Rückfahrt inklusive Getränke an Bord.

Inzwischen scheint ganz Deutschland im Draisine-Fieber. Überall, wo es stillgelegte oder bedrohte Bahnstrecken gibt, wird auch immer wieder eine touristische Nutzung mit Draisinen diskutiert. So gibt es entsprechende Pläne u. a. in Ostbayern (Neustift–Ortenburg), Westsachsen (Muldenberg–Schönheide), Ostsachsen (Oberoderwitz–Herrnhut), Mecklenburg (Neubrandenburg–Tollensesee), auf der Ostseeinsel Usedom (Karnin–Usedom) und in Holstein (Neumünster–Ascheberg). Übrigens: Wer es auf Tempofahrten abgesehen hat, sollte morgens als erster an der Ausleihe sein, um ohne Hindernisse durchfahren zu können. „Der Rekord liegt bei 70 Minuten für 30 Kilometer, aber das hat mit Erholung nichts zu tun“, sagt Karl-Heinz Mauck von der Draisine-Ausleihe Templin, „insgesamt kann man sich bis neun Stunden Zeit nehmen.“ Genügend Zeit also, um zu rasten oder ein Stück abseits der Strecke zu wandern.

Abenteuer Tret-Draisine
Informationen über ein skurilles Fahrzeug. mehr...

Tretdraisine Uckermarkbahn
Strecke: Fürstenberg–Lychen–Templin (in dieser Richtung an allen ungeraden Tagen; Gegenrichtung an geraden Tagen). Länge: 30 km. Preis: 90 Mark pro Wagen, Wochenende 95 Mark (inklusive Busticket für Rückfahrt). Kontakt: Tourismus-Service Templin, Tel. 0 39 87/26 31, Fax 5 38 33. Infos im Internet: www. guru.de.

Tretdraisine Glantalbahn
Strecke: Altenglan–Lauterecken–Staudernheim (in dieser Richtung) an allen ungeraden Tagen; Gegenrichtung an geraden Tagen). Länge: 40 km (20 km Teilstrecke bis/ab Lauterecken möglich). Preis: 49 Mark pro Wagen. Kontakt: Tourist-Information Kusel, Tel. 0 63 81/ 42 42 70, Fax 42 42 80. Infos im Internet: www.draisinentour.de.

Handhebeldraisine Ratzeburg
Strecke: Ratzeburg–Schmilau–Hollenbek (in dieser Richtung vormittags, Gegenrichtung nachmittags). Länge: 13 km (mit Retour 26 km). Preis: 254 Mark pro Person (inkl. Getränke. Kontakt: Kulturbahnhof Schmilau, Tel. 0 45 41/ 89 80 74, Fax 85 81 42. Infos im Internet: www.kultur-bahnhof.de.


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