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TippspielEine Niere für den besten Freund: Lingener Hans-Gerhard Billker spendet Organ
Lingen. Günter Welz und Hans-Gerhard Billker verbindet noch mehr als eine tiefe Freundschaft – sie verbindet ein Organ.
Vor einem Jahr hat Welz, der ebenso wie Billker im Lingener Ortsteil Baccum wohnt, von seinem Freund eine Niere erhalten. Die Operation erfolgte am 8. Februar 2011 im Transplantationszentrum der Universitätsklinik in Münster. Billker lebt seitdem nur noch mit einer Niere und Welz endlich mit einer gesunden. Seine lange Leidenszeit ist erst einmal vorbei.
Sie begann 1986. Der gelernte Gärtnermeister hatte einen Termin beim Hausarzt, weil er ein Gesundheitszeugnis benötigte. Im Rahmen der Untersuchungen wurde bei dem heute 61-Jährigen ein erhöhter Kreatinin-Wert festgestellt. Der Wert gibt Auskunft über die Funktionsfähigkeit der Nieren.
Die Werte von Welz waren schlecht. Der Baccumer konnte eine Zeit lang medikamentös behandelt werden, doch schließlich kam nur noch die Dialyse infrage: Blutwäsche, dreimal die Woche, vier Stunden. „Die Nachricht hat mich umgehauen“, erinnert sich Welz. Gemeinsam mit seiner Frau Ilse hatte er gerade ein Haus gebaut, zwei Kinder bekommen, und nun diese Nachricht. Seinen Beruf als Gärtnermeister konnte er nicht mehr ausüben, Existenzängste kamen hoch.
Verständnis bei Kollegen
Zumindest beruflich stabilisierte sich seine Situation. Welz konnte sein Wissen im Fachbereich Umwelt der Lingener Stadtverwaltung einbringen, wo er auch heute noch arbeitet. „Der Arbeitgeber und die Kollegen dort zeigen sehr viel Verständnis für meine Krankheit“, ist er dankbar für die Hilfe.
Die Dialyse zehrte aber an seinen Kräften. Welz reihte sich ein in die lange Warteliste derer, die auf ein Spenderorgan warten. 1994 war es so weit. Dem Baccumer wurde eine Niere transplantiert. Zuerst die Erleichterung bei ihm und der Familie, denn auf die körperzehrende Dialyse konnte er nun verzichten. Bis 2005. Inzwischen waren die Abstoßungserscheinungen so stark geworden, dass Welz an der Blutwäsche erneut nicht mehr vorbeikam. Die dauerte nun fünf Stunden, dreimal in der Woche. „Dann bist du auf“, sagt er.
Aufgefangen wird Welz von seiner Ehefrau, von seinen Kindern, von Freunden – und von Freunden, wie die Billkers welche sind. Hans-Gerhard Billker, den alle, die ihn näher kennen, einfach Hansi nennen, ist Pastor der evangelisch-reformierten Kirchengemeinde in Baccum. Er und seine Frau Gundi kennen die Familie seit über 30 Jahren. Hinter der Glasfront des Esszimmerschranks bei den Welz’ sind Bilder der Billkers befestigt, deren jüngster Sohn Stefan ist Patenkind von Günter Welz. An seiner Krankheit litten die Freunde mit. Auch an dessen wachsender Verzweiflung.
Zwischen Ilse und Günter Welz reift der Gedanke, dass sie ihm eine ihrer beiden Nieren spenden könnte, obwohl er Blutgruppe 0 und seine Frau A hat. Eine solche Lebendnierenspende trotz Blutgruppen-Unverträglichkeit ist inzwischen möglich. „Mein erster Gedanke war: Will ich das überhaupt?“, beschreibt der 61-Jährige seine Gefühle. Die Partnerin dem Risiko aussetzen, dass ihr eigenes, verbleibendes Organ vielleicht irgendwann auch nicht mehr funktioniert? Und dies, ohne zu wissen, ob die transplantierte Niere im eigenen Körper so arbeiten kann, wie es sein sollte? Doch es kommt nicht dazu. Beide haben identische Antigene im Blut, die transplantierte Niere würde sofort abgestoßen.
Ihren Freunden bleibt diese seelische Achterbahnfahrt natürlich nicht verborgen. „Wir haben mitgefühlt und mit gelitten“, sagt Hansi Billker. Seiner Frau Gundi kommt als Erste der Gedanke, selbst eine Niere für den Freund zu spenden, und redet mit ihrem Mann darüber. Auch er ist dazu bereit, sie besprechen das mit ihren drei Kindern, die voll dahinterstehen. „Sie alle haben Günter sehr lieb“, erzählt Gundi. Die beiden lassen sich medizinisch checken. Bei Hansi Billker sind die Voraussetzungen für eine Lebendspende günstiger. Nun steht noch das Gespräch mit dem Freund aus, der von all dem gar nichts ahnt.
„Ich hoffe, du kannst das annehmen“, teilt er Welz seinen Wunsch mit. „Von dem Ehepartner so etwas annehmen ist das eine, aber von einem anderen…?“ Günter Welz beschreibt seine Gefühle von damals, ist tief berührt, gleichzeitig aber auch extrem aufgewühlt. Aber wie sieht die Alternative aus? „Weitere drei oder vier Jahre Dialyse und irgendwann ein Knall“, erklärt Welz. Was er mit Knall meint, muss er nicht näher erläutern.
Er nimmt das Geschenk des Freundes an. Ein Jahr Voruntersuchungen folgen nun, Billker hat Blutgruppe A. Viele Tests werden gemacht, auch die Seele muss auf den Prüfstand. „Es gab Gespräche mit Psychologen, und vor einer Ethik-Kommission musste ich meine Beweggründe darlegen“, erzählt der Pastor.
Kein Heiligennimbus
Ach so, klar, ein Geistlicher, da ist so ein Verhalten ja verständlich. Solche Stimmen wird es in dem Dorf auch gegeben haben, nachdem durchgesickert war, was sich da an Ungewöhnlichem zwischen den Freunden abspielt. „Ich hab das als Freund gemacht, nicht als Pastor“, wehrt sich Billker gegen jeglichen Anschein eines „Heiligennimbus“, wie er es formuliert. Er habe in seinem Leben schon so viel Glück gehabt, da wolle er auch einmal etwas abgeben.
Aber gleich eine Niere? Die verschenkt sicherlich nicht jeder. „Ich kann auch nicht sagen, dass ich das für jeden anderen gemacht hätte“, sagt Billker. Eine solche Entscheidung müsse völlig zweckfrei in dem Sinne sein, dass der andere niemals das Gefühl haben dürfe, in irgendeiner Schuld oder Verpflichtung zu stehen. „Günter soll mir nicht sein Leben lang dafür dankbar sein. Ich freue mich einfach, dass es ihm so gut geht“, unterstreicht Billker.
Am 8. Februar 2011 ist es so weit. Drei OP-Teams kümmern sich in der Uniklinik in Münster um die beiden Freunde, ein Team steht in Reserve, das zweite entnimmt eine Niere aus dem Körper von Billker, das andere pflanzt sie Welz ein. Beide wachen gemeinsam in einem Zimmer auf.
Alles ist gut verlaufen. Billker spürt keinerlei Einschränkungen. Und Welz? Natürlich wird er weiterhin regelmäßig Medikamente einnehmen müssen. Aber die Dialyse – von gestern. Ein selbstbestimmtes Leben in der Familie, das Feiern von Familienfesten, Feiertagen, die nun eben nicht mehr ausfallen, weil die Blutwäsche ansteht – endlich wieder möglich.
„In der ersten Zeit hatte ich immer Angst, dass Hansi etwas passieren könnte, dass es ihm plötzlich nicht mehr gut geht“, beschreibt Welz die Zeit nach dem Eingriff. Schon der kleinste Schnupfen des Freundes wurde mit der Transplantation in Verbindung gebracht. Inzwischen ist aber etwas mehr Alltag eingekehrt.
Natürlich hat dieses tiefgreifende Ereignis die Freundschaft zwischen den beiden noch weiter verstärkt. Der 61-Jährige ringt mit der Fassung. Dann lächelt er. „Die neue Niere ist wie ein neues Leben“, sagt Günter Welz.
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