·
Digitalabo·
Shop·
Tippspiel
Im Kosmos der Fußball-Basis: Ein Besuch auf dem ersten eigenständigen Fan-Kongress
Berlin. Sind wir hier überhaupt richtig? Kein Schwefelgeruch liegt in der Luft, es wird nicht gezündelt oder geprügelt. Die jungen Leute grüßen artig, gehen zum Rauchen vor die Tür und trinken Wasser. Das soll der Kongress der Fußball-Fans sein? Kann doch gar nicht – ist ja nicht mal ein Großaufgebot der Polizei vor Ort...
Wir sind richtig, wir sind im Kosmos der Fans. Das „Kosmos“ in Berlin-Friedrichshain war einst das größte Kino der DDR, jetzt ist es ein Veranstaltungszentrum. Hauptmieter am vergangenen Wochenende war die Initiative „ProFans“, eine Art Dachverband für Fan-Gruppen. In Eigenregie hat der Verein einen Fankongress organisiert – ohne logistische Hilfe, ohne finanzielle Unterstützung. Als die Deutsche Fußball-Liga (DFL) einen Zuschuss anbot, hat man dankend abgewinkt. Unabhängigkeit ist ein Gut, das man sich etwas kosten lässt im Kosmos der Fans.
Noch nie hat es so etwas in Deutschland gegeben. 600 Vertreter aus 60 Fanszenen, die sonst Rivalen sind, sind gekommen; Fans von Bayern München und Borussia Dortmund, von Eintracht Braunschweig und Hannover 96, vom VfL Osnabrück und vom SV Meppen. Für 20 Euro bekommen sie ein vollgepacktes Programm, mit Workshops, Podiumsdiskussionen und Informationsständen; Erbsensuppe, Kuchen und Currywurst inklusive.
„Und Leute, bitte denkt daran: Dieser Bau steht unter Denkmalschutz – also bitte, vergesst die Rituale: Keine Aufkleber an die Wände, und die Edding-Stifte in der Tasche lassen.“ Philipp Markhardt sagt es lächelnd nach der Begrüßung. Er ist einer der Sprecher von „ProFans“, und er hat ein volles Programm vor sich: am Samstag Kongress, am Sonntag Jahreshauptversammlung beim Hamburger SV, wo er im „Supporters Club“, der ältesten und wohl mächtigsten Fan-Vertretung eines deutschen Klubs, mitarbeitet.
Zwischendurch ist er Gast im „Aktuellen Sportstudio“, wo Michael Steinbrecher den Fankongress zum Anlass für eine Schwerpunktsendung zum Thema nimmt. Markhardt trägt ein blaues T-Shirt, darauf ist ein Steckbrief abgebildet: Gesucht werden Pädophile, Serienkiller, Terroristen – und Fans. So, wie in dieser ironischen Überspitzung, fühlen sich viele Fans: Kriminalisiert und als gewalttätige Brandstifter pauschaliert.
Der Kongress ist geprägt von den Ideen und den Idealen der Ultras. So nennen sich die aktiven, kritischen, eigenwilligen und selbstbewussten Fans, die der Bewegung vorangehen. Manchen sind sie zu elitär, vielen ist die latente Gewaltbereitschaft einiger Ultras suspekt. Doch immer mehr Fans fühlen sich ihnen nahe.
Auch in der Kontroverse um die bengalischen Feuer, die die emotionale Atmosphäre in den Kurven verstärken. Die aber verboten sind. Und es trotz der – ungeschickten – Verhandlungen, die der DFB mit der Initiative „Pyrotechnik legalisieren – Emotionen respektieren“ führte, auch bleiben.
„Wir bieten den Dialog bei allen Problemfeldern an, nur nicht mehr in Sachen Pyrotechnik. Diese Angelegenheit ist vom DFB-Präsidium entschieden“, betont der DFB-Fanbeauftragte Gerald von Gorissen ebenso wie der DFL-Geschäftsführer Holger Hieronymus. Manche Kongress-Teilnehmer glauben, dass in der Rückrunde erst recht gezündelt wird. „Die Fans sind enttäuscht, und es sind Solidarisierungseffekte möglich“, sagt ein Besucher.
Über das Thema Gewalt wird nur hinter verschlossenen Türen gesprochen; es ist der einzige Workshop, bei dem die 75 Medienvertreter nicht zugelassen sind. „Es gibt Debatten, die man offener führen kann, wenn man sicher sein kann, dass nicht jeder Gedanke öffentlich wird“, sagt Michael Gabriel. Er ist Leiter der Koordinierungsstelle Fanprojekte (KOS) und warnt davor, Fans pauschal unter Gewaltverdacht zu stellen: „Damit erreicht man nichts. Wir haben es mit einer Jugendkultur zu tun, die wir in ihrem Engagement wahrnehmen müssen. Die wenigsten Vereine haben verstanden, was für ein Potenzial in den Kurven steckt.“
In Berlin ist das zu sehen. Ernsthaft und leidenschaftlich, fachkundig und sozial wird in den Workshops diskutiert – über Stadionverbote und Anstoßzeiten, über Stehplätze und Eintrittspreise. „Ein hohes Gesprächsniveau in freundschaftlicher Atmosphäre“, sagt Martin Kind. Dabei ist der Präsident von Hannover 96 eigentlich ein Feindbild, denn er hat die 50+1-Regel ins Wanken gebracht, die die mehrheitliche Übernahme eines Vereins durch einen Sponsor oder Investor verhindern soll.
Die Furcht vor Fremdbestimmung und Identitätsverlust ist greifbar bei den Fans. Rechtsanwalt René Lau zeigt Wege auf: „Fans müssen Mitglied werden und können eine Satzungsänderung durchsetzen, die jede Veränderung der Mehrheitsverhältnisse zulasten des Muttervereins ausschließt.“ Lau ist einer von denen, die die Bewegung zum Marsch durch die Institutionen animieren: „Fans, stärkt die Mitgliedsrechte! Ihr müsst aufpassen auf Euren Verein!“
Die Zahl der Teilnehmer, die Qualität der Debatten und auch die Tatsache, dass sich DFB und DFL mit ranghohen Vertretern dem kontroversen Dialog stellten, wertete „ProFans“ am Sonntag als Erfolg des Kongresses. Nur der Polizei-Vertreter von der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) sagte kurzfristig ab.
Die Polizei kam dennoch: Am Samstagabend, als Teilnehmer und Veranstalter weg waren, fuhren vier Mannschaftswagen am „Kosmos“ vor, Zivilbeamte schauten sich im Gebäude um.
Sie waren ganz bestimmt nicht richtig.
SV Meppen bezahlt Kräfteverschleiß
Hardenberg. Mit einer Testspielniederlage ist Fußball-Regionalligist SV Meppen am Samstag in das Fußballjahr 2012 gestartet. Nach torloser erster Hälfte... mehr
Selishta als bester Spieler ausgezeichnet
Schüttorf. „Damit habe ich nicht gerechnet. Ich war überrascht, als mein Namen aufgerufen wurde.“ Hedon Selishta, Nachwuchstalent beim... mehr





