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Spinne auf Käsehäppchen

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Spinne auf Käsehäppchen

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Von Stefan Lüddemann

Auf Zitronenscheiben und Salatblätter gebettet sieht der rosarote Hummer einfach appetitlich aus. Dazu diese fantasievoll gemachten Häppchen! Wo das Auge den Mund wässrig werden lässt, möchte jeder gleich zugreifen.

Doch was ist das? Über die Petit Fours kriecht eine braune Spinne. Aus dem angeschnittenen Camembert läuft Blut. Und irgendwie sieht dieses ganze Buffet zu schön aus, um echt zu sein. Richtig: Patricia Waller hat ihre kalten Platten mit lauter Lebensmitteln aus Wolle bestückt und mit Spinnen auf manchem Appetithappen zielsicher die Ekelgrenze angepeilt. So lässt die Karlsruher Künstlerin den Betrachter in die Blickfalle tappen. Denn bei Patricia Waller trügt der Augenschein. Vom TV-Schirm bis zum Gehirn in Formaldehyd hat sie reale Gegenstände gegen Imitate in Originalgröße ausgetauscht. Damit bereitet Patricia Waller wohldosierte Schockeffekte und betreibt gleich noch ein wenig Wahrnehmungskritik. Denn ihre Objekte funktionieren nur, weil sich jeder auf den Oberflächenreiz verläßt, dem Augenschein vertraut. Wir sortieren unsere Welt blitzschnell nach optischen Informationen. Patricia Waller entlarvt dieses Verfahren als störanfällige Prozedur. Dabei nutzt sie das Spiel mit dem guten alten Trompe l´oeil, der perfekten Illusionstechnik der Kunst, die das Auge des Betrachters täuscht.

Die Künstlerin stellt auch sonst Routine in Frage. So gelten häkelnde Frauen eigentlich als Inbegriff der Harmlosigkeit, ihre Arbeit als trauter Zeitvertreib. Doch die Künstlerin, die da abends vor dem Fernsehschirm häkelt, strickt oder stickt, hegt bei ihrem Tun böse Gedanken. Denn sie versöhnt nicht nur höchst ironisch Kunst und Handwerk, treibt nicht nur giftige Maskerade mit eingefahrenen Rollenbildern. Sie benutzt das weiche Material der Wolle für unangenehme Seheffekte. Eigentlich wärmt Wolle. Doch die gehäkelten Organe, der gehäkelte Embryo, der mit seiner Nabelschnur an der Steckdose hängt, jagen dem Betrachter Kälteschauer durch die Glieder. Dabei lebt Waller ihre „Wolllust" grenzenlos aus, formt sie eine ganze Welt aus dem flauschigen Textil. Sie baut eine schräge Sado-Maso-Kammer nach, lässt kleine Aliens landen oder gestaltet ihre „Bildstörungen" als technoide Pullovermuster. Patricia Waller macht damit auch aus dem dekorativen Ornament einen Raum kritischer Reflexion. Und weil sie mit ihren Nachfragen nirgends Halt macht, sind natürlich auch die großen Vorbilder der Kunstgeschichte an der Reihe. Vincent van Gogh setzt sie mit Sonnenblumen und blutigem Messer ein Denkmal, verfremdet Monets „Seerosen" zum Dekor auf der Badematte - alles gehäkelt natürlich.

Mit solchem Kunsthandwerk werden die permanenten Schockeffekte jedoch selbst fadenscheinig. Der Schock mag zur Reflexion anregen. Aber er ist ein Sekundenereignis und deshalb nicht als Dauerzustand denkbar. So erschöpft sich das Prinzip, nach dem diese Objektwelt geformt ist, mit rasender Geschwindigkeit. Weil Patricia Waller immer nach der gleichen Masche verfährt, kippt der beabsichtigte Effekt zuletzt in sein Gegenteil. Der Betrachter wird eher amüsiert als getroffen, weil die Künstlerin mit ihrer Endloshäkelei am Ende eins produziert: viel bunte Oberfläche.

Osnabrück, Kunsthalle Dominikanerkirche: Patricia Waller: Wolllust. Eröffnung: Sonntag, 27. August, 11.30 Uhr. Bis 22. Oktober. Di-Fr, 11-18 Uhr, Sa, So, 10-18 Uhr. Katalog 25 DM. Video 35 DM.



 
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