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Tippspiel„Deutschlands Abhängigkeit wird mit Desertec geringer“
Osnabrück. Es ist eine der faszinierendsten Visionen der Zeit: die Ökostromproduktion in großem Stil durch Solarkraftwerke in der Wüste Afrikas für Europa. Seit 2003 existiert das Desertec-Konzept, das die Industrieinitiative Dii und die Desertec-Stiftung umsetzen wollen. Thiemo Gropp, Vorstand der 2009 gegründeten Stiftung, spricht im Interview über Probleme und aktuelle Entwicklungen.
Herr Gropp, bei Desertec hat man eine ruhige Szenerie vor Augen: Die Sonne reflektiert sich in den Spiegeln der Solarthermie-Kraftwerke. Was tun Sie, wenn ein Sandsturm die empfindlichen Hightech-Anlagen attackiert?
Man baut solarthermische Kraftwerke eher in Steinwüsten. Dort sind Sandstürme selten. Wenn einer aufzieht, dreht man die Spiegel in den Wind, sodass sie möglichst wenig abbekommen. Hinterher werden sie entstaubt.
Die Folge sind aber Produktionsausfälle und Kosten für Reinigung und Reparatur...
...wie sie bei jedem anderen Kraftwerkstyp auch mal vorkommen. Temporäre Effizienzverluste sind in die Kalkulationen eingerechnet. Der erfolgreiche Betrieb in der Wüste Kaliforniens über 30 Jahre zeigt: Prinzipielle technische Hindernisse gibt es nicht. Wir warten nicht mehr auf die Kernfusion – wir haben eine Lösung, die Kernfusion der Sonne zu nutzen.
Und Sie haben Rückenwind für das Desertec-Projekt aus Fukushima.
Es ist tragisch, dass solch eine riesige Atomkatastrophe 25 Jahre nach Tschernobyl noch einmal passiert ist. Klar hat das einen Schub im Bewusstsein der Öffentlichkeit ausgelöst. Jetzt müssen auch Handlungen folgen.
Wann fangen Sie an, in der Wüste zu bauen?
Wir selbst bauen keine Kraftwerke, sondern arbeiten an der Schaffung guter Rahmenbedingungen für unsere Industrieinitiative Dii. Sie hat einige Projekte in der Pipeline und hofft, Ende 2012 mit dem Bau beginnen zu können. Am weitesten sind wir in Marokko, wo Dii Solarthermie- und Fotovoltaikanlagen plant. Sie sollen Europa und auch die Menschen vor Ort mit Strom versorgen.
Marokko wird seit vielen Jahren von einem König regiert. Beeinträchtigen die instabilen Verhältnisse durch die Umstürze in den Nachbarländern nicht Ihre Planungssicherheit?
Kurzfristig führten diese in der Tat zu Verunsicherung. Langfristig bieten sie aber eine Chance: Alle wollen vom Export wertvoller Energie profitieren. In Marokko hat der König viele Reformen eingeleitet. Das Land verfügt zudem über eine Stromleitung nach Europa durch die Meerenge von Gibraltar.
Die Stromnetze in Europa sind aber nicht gerüstet. Vermissen Sie das Tempo bei EU-Energiekommissar Günther Oettinger?
Es gibt ein klares Bekenntnis der EU zu einem gemeinsamen Energieplan. Klar ist man ab und an unzufrieden, verspürt den Wunsch, dass alles schneller gehen möge. Der beste Weg für uns ist, für einen möglichst breiten gesellschaftlichen und politischen Konsens zu werben.
Und für möglichst viele Fördergelder für das Mammutprojekt, auch aus den Staatskassen.
Sicher brauchen wir neben Investitionen aus der Industrie auch staatliche Förderungen. Sie müssen aber bedenken, dass fossile Energieträger weltweit mit 500 Milliarden Euro im Jahr staatlich subventioniert werden.
Wie kommt es dann, dass in der Industrieinitiative mit RWE und Eon zwei Unternehmen sind, die mit fossiler Energie das große Geld verdienen?
Weil auch sie erkennen, dass sie ihr Geschäft umstellen müssen. Der Energieumbau wird nicht ohne die Großen gehen, wobei wir glauben, dass ihre Bedeutung abnehmen wird. Dies zeigt ja auch der alternative Energiemarkt in Deutschland, den der Mittelstand dominiert.
Sollte Deutschland dann nicht diesen Mittelstand fördern anstatt den verlustreichen Stromtransport durch viele Länder?
Zunächst einmal kann man in Nordafrika wegen des vielen Sonnenlichts solarthermische Kraftwerke und Wärmespeicher einsetzen, die Strom nach Bedarf erzeugen können. Dies können alternative Energien hierzulande kaum leisten. Und man kann Energie mit Gleichstromleitungen von Marokko nach Niedersachsen mit nur 10 Prozent Verlust transportieren: eine Quote, die normale Leitungen von 500 Kilometer Länge nicht mal annähernd erreichen.
Die neuen Leitungen müssen aber erst finanziert und errichtet werden...
...sicher gibt es gerade inentwickelten Ländern große Debatten über jede Stromleitung. Aber diese Diskussionen sind gut, weil sie für das Problem sensibilisieren. Um die rasant wachsende Weltbevölkerung mit den jetzigen Mitteln zu versorgen, würden wir im Jahr 2050 die Ressourcen von drei Planeten benötigen. Je schneller wir auf alternative Energie umsteigen, desto billiger kommt uns das – trotz hoch erscheinender Anfangsinvestitionen.
Wenn man Ihre Vision nun zu Ende denkt, könnte man sich vorstellen, dass neben der Stromerzeugung künftig auch Arbeitsplätze an die Energiequellen Nordafrikas abwandern.
Wir hoffen, dass sich lokale Industrien in Nordafrika aufbauen, und gehen sogar davon aus. Soweit es Firmen möglich ist, sich dort anzusiedeln, sollten sie das tun. Den deutschen Arbeitsmarkt kann es durchaus stärken, wenn seine Firmen im Ausland besser präsent sind. Dass mit der Deckung von 15 Prozent des Strombedarfs Europas durch Desertec die Versorgungssicherheit hierzulande schwindet, halte ich aber für eine Scheindebatte.
Warum?
Weil Abhängigkeit vom Ausland bereits jetzt Fakt ist: Gas- und Öllieferungen aus Russland und Nigeria sprechen für sich. Mit Desertec wird Deutschlands Abhängigkeit sogar geringer, weil sie sich auf mehr Lieferländer verteilt. Wir sind generell der Meinung, dass die Zeiten vorbei sind, in denen Nationalstaaten ihre Probleme allein lösen können. Wir haben eine Vision, die vieles verbindet: die Stromversorgung Europas und Nordafrikas und die Sicherung des sozialen Friedens der Großregion.
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