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Seniorinnen häkeln und stricken für die Surferszene
Kassel. Wollmützen sind schwer en vogue – vor allem in der Surferszene. Eine Welle, auf die zwei Designstudentinnen aus Kassel aufgesprungen sind.
| Bild 1 von 3 | Die Studentinnen und Initiatoren des Mode- und Sozialprojekts „Alte Liebe“, Elisa Steltner (r.) und Nadja Ruby.Fotos: dapd | Vergrößern |
Die Studentinnen und Initiatoren des Mode- und Sozialprojekts „Alte Liebe“, Elisa Steltner (r.) und Nadja Ruby.Fotos: dapd
Sie häkeln und stricken, was das Zeug hält: die Teilnehmerinnen an dem Projekt „Alte Liebe“ in einer Seniorenwohnanlage in Kassel.
Eins links, eins rechts, zwei fallen lassen.
Nadja Ruby und Elisa Steltner, beide 25, haben ein Mode- und Sozialprojekt konzipiert, bei dem 30 ältere Damen die Mützen in Kasseler Seniorenheimen produzieren. Die meisten der Frauen sind zwischen 80 und 90 Jahre alt. In Surfshops und Szeneläden wird die Trendware bislang verkauft. Erst seit Kurzem werden die Mode-Accessoires nun auch über einen Online-Shop vertrieben.
„Wir haben für einen Uni-Kurs nach einem Projekt gesucht, das sinnvoll ein gesellschaftliches Problem angeht“, berichtet Nadja Ruby. Beide Studentinnen wollen einen Austausch zwischen Jung und Alt in Gang bringen. „Wir haben viel diskutiert. Irgendwann kamen wir auf die Wollmützen zu sprechen“, sagt sie.
Ruby surft selbst und weiß, was in der Szene schick ist. Inzwischen ist aus dem Uni-Projekt ein Modelabel geworden. Markenname: „Alte Liebe“. Derzeit schwitzen die beiden Studentinnen über ihren Diplomarbeiten. Wenn das Studium vorbei ist, „geht’s erst richtig los“, kündigt Ruby an. Dann sollen weitere alte Damen involviert werden.
Generationengrenzen tatsächlich zu überwinden scheint ambitioniert. Doch der Erfolg gibt den jungen Designerinnen recht. Die Mützen werden mit einer Postkarte verpackt, auf der der Name der Häklerin oder Strickerin steht. Damit können sich die Kunden bei der jeweiligen Herstellerin ihrer neuen Kopfbedeckung melden. Zum Beispiel bei Ilse Röhrig: „Durch die Postkarten kommt so viel zurück. Da haben wir das Gefühl, noch zu etwas nütze zu sein“, sagt die 85-Jährige. Sie sitzt in ihrem Appartement, auf dem Tisch vor ihr liegen ein paar Knäuel Wolle, daneben eine Häkelnadel. Während sie erzählt, wie gern sie bei dem Projekt mitarbeitet – „das ist Entspannung pur“ –, greift sie einen der Wollknäuel und fängt eine neue Mütze an – in Knallrot.
„So grelle Farben? Seid ihr euch da sicher?“, hatten die Seniorinnen gefragt, als Ruby und Steltner im Frühjahr vergangenen Jahres das erste Mal die Muster präsentierten. „Am Anfang waren die Damen echt skeptisch, ob die Käppis bei den jungen Leuten ankommen“, erinnert sich Ruby. Die Handarbeit sei kein Problem gewesen, das Design schon eher: „Die konnten sich gar nicht richtig vorstellen, dass eine einfache Wollmütze so der letzte Schrei ist.“
Mitten im Sommer, bei mehr als 35 Grad, haben sie dann das Produkt zum ersten Mal bei einer Kunstausstellung an der Kasseler Uni zum Verkauf angeboten. „Die Damen waren selbst an den Ständen und konnten kaum glauben, was da los war“, sagt Ruby.
Trotz der hohen Temperaturen waren schnell 100 Mützen verkauft. Die Seniorinnen kamen auch sofort in Kontakt mit den Käufern. „In dem Moment haben die alten Frauen verstanden, worum es uns geht“, glaubt Ruby.
Ilse Röhrig fährt mit der Nadel um den Faden und legt eine Masche nach der anderen. 60 Stück pro Reihe, 28 Reihen pro Mütze. Es gibt ein Modell „Baggy“ und ein Modell „Sport“. In der Farbwahl sind die Frauen relativ frei. Ruby und Steltner haben nichts dagegen, wenn die Seniorinnen selbst kreativ sind. Ilse Röhrig: „Das hält den Geist rege.“
30 Euro kostet das Designerstück aus hochwertiger Merinowolle. Was an Erlös bleibt, fließt komplett zurück an die häkelnden und strickenden Heimbewohnerinnen. Allerdings nicht in bar. „Das würde keinen Sinn machen“, sagt Nadja Ruby. „Pro Mütze bleiben nur ein paar Groschen übrig. Wir laden die alten Leute lieber zu einer Veranstaltung ein oder unternehmen etwas zusammen.“
Jede fertige Mütze packt Ilse Röhrig in einen Karton, in Sütterlin schreibt die 85-Jährige ihren Namen auf eine Postkarte und legt sie mit in die Schachtel. Dann geht das Produkt auf die Reise. Nach Frankreich, nach Spanien, vielleicht auch nur nach Kassel. Und oft kommt die Postkarte wieder zurück. Wie die von Surferin Alena, die begeistert anmerkt: „Ein tolles Projekt.“
Internetadresse:www.alte-liebe.com



