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TippspielBüchsenwurf am Bökelberg: Die berühmteste Cola-Dose der Fußball-Welt
Osnabrück. Die berühmteste Cola-Dose der Fußballgeschichte steht in Arnheim. In dem kleinen, aber feinen Museum, das der niederländische Ehrendivisionär Vitesse in seinem Stadion Gelredome eingerichtet hat, steht das geformte, rot-weiß bedruckte Stück Blech mit dem Fassungsvermögen von 0,33 l in einer Glasvitrine. Vor 40 Jahren wurde das beste Fußballspiel, das Borussia Mönchengladbach je gezeigt hat, wegen dieser Dose annulliert.
1:0 Heynckes (7.), 1:1 Boninsegna (19.), 2:1 Le Fevre (21.), 3:1 Le Fevre (34.), 4:1 Netzer (42.), 5:1 Heynckes (44.), 6:1 Netzer (52.), 7:1 Sieloff (83., Foulelfmeter). Die Torfolge allein genügt, um das Außergewöhnliche, das Einzigartige dieses Spiels zu unterstreichen. Oder soll man sagen, dass der große FC Inter niemals so hoch verloren hat – nicht vor diesem 20. Oktober 1971 und nicht danach? Sieht man einmal von einem 1:9 1960 bei Juventus Turin ab, als die Mailänder mit einer Jugendmannschaft antraten.
„Besser kann man nicht spielen!“ So sagte es Borussia-Trainer Hennes Weisweiler nach der rauschhaften Vorstellung seiner Mannschaft. Das Fachblatt „Kicker“ schrieb: „Günter Netzer ist in der Form seines Lebens, aber auch die anderen Gladbacher waren wie aufgedreht. Alles lief wie am Schnürchen, Traumpässe gab es am Fließband, und Tore wurden zum Salz in der Suppe; eins war schöner als das andere.“ UEFA-Beobachter war der legendäre Manchester-Trainer Matt Busby; er schrieb in seinem offiziellen Bericht: „Borussia played some remarkably fine football.“
Doch der Engländer musste noch andere Ereignisse zu Papier bringen. In der 29. Minute – die Borussia führte 2:1 – flog ein Gegenstand aus der Gladbacher Fankurve in Richtung Spielfeld und traf Inter-Stürmer Roberto Boninsegna „an der Schulter“, wie sich der neben dem Italiener stehende Gladbacher „Luggi“ Müller erinnert. Boninsegna sank zu Boden und blieb liegen. Inter-Kapitän Sandro Mazzola gab dem niederländischen Schiedsrichter Jef Dorpmans eine Cola-Dose – das Corpus Delicti?
„Die Dose war voll, ich wurde ohnmächtig“ – immer wieder hat Boninsegna seine Version zu Protokoll gegeben. Er ließ sich auf einer Trage vom Platz bringen, angeblich dirigiert von Inter-Trainer Invernizzi. Schiedsrichter Dorpmans ist bis heute überzeugt, dass der Italiener eine Verletzung simulierte: „Aber ich hatte ja keine Beweise. Zu sehen war jedenfalls nichts.“
Er unterbrach die Partie (für genau sieben Minuten), ging in seine Kabine und beriet sich mit UEFA-Beobachter Busby. Beide waren sich einig, das Spiel fortzusetzen, Inter wollte einen Abbruch. „Doch Busby sagte ihnen, dass sie alle Chancen verspielen würden, wenn sie nicht wieder auf den Platz gehen würden“, berichtete Dorpmans später. Außerdem sei der Einsatzleiter der Polizei in die Kabine gekommen und habe darum gebeten, das Spiel auf jeden Fall fortzuführen – mit dem Hinweis, es seien 7000 Tifosi im Stadion.
Fernsehbilder von dem Zwischenfall gibt es nicht. Das einzige Film-Dokument ist ein Kurzbericht im ZDF mit dem Zusammenschnitt der Tore: Die Verhandlungen über eine Live-Übertragung waren gescheitert, weil sich die ARD und die Borussia nicht darüber einigten, wer die Mehrwertsteuer von 6600 DM für das ausgehandelte Honorar von 60000 DM übernehmen sollte.
Fraglich ist, ob die UEFA-Disziplinarkommission die Bilder überhaupt angesehen hat. Bei ihrer Sitzung am 28. Oktober 1971 im Hotel du Rhône in Genf verließen sich die Funktionäre auf die offiziellen Berichte und gaben den beiden Vereinsvertretern nur jeweils zehn Minuten Redezeit. Der Gladbacher Mannschaftsarzt und ein Vertreter des DFB wurden nicht gehört.
„Betrug!“, schrien die Schlagzeilen am Tag nach der Bekanntgabe des Urteils, „Borussias schönster Sieg gestohlen!“ Der DFB warf dem europäischen Verband „Diffamierung des gesamten deutschen Fußballsports“ vor, die Leserbriefspalten quollen über vor Wut und Ärger der Fans. „Fußballrecht, mit dem Fallbeil gesprochen“, ereiferte sich „Die Welt“. Das 7:1 war annulliert worden, die Wiederholung des Hinspiels durfte nicht in Mönchengladbach stattfinden, außerdem wurde Borussia zu einer Platzsperre für weitere Europapokalspiele und einer Geldstrafe von 10000 DM verdonnert.
„Wir haben schon eine Menge weggesteckt, aber ob wir uns davon erholen, weiß ich wirklich nicht“, sagte Verteidiger Berti Vogts. Der Ruf, die schöne, aber glücklose Pech-Marie des deutschen Fußballs zu sein, bestätigte sich in den nächsten Akten des Duells mit Inter Mailand: Das Rückspiel in San Siro verlor die Borussia mit 2:4, wobei auch neutrale Beobachter den Kopf schüttelten über das brutale Einsteigen der Mailänder. „Wechseln Sie mich aus“, soll Gladbachs Mittelfeldrenner „Hacki“ Wimmer in der Pause Trainer Weisweiler gebeten haben, „die treten mich sonst tot.“ Trotzig titelte der „Kicker“ nach der Niederlage: „Noch steht es 9:5 für Gladbach!“
Doch es reichte nicht. Im mit 85000 Plätzen ausverkauften Berliner Olympiastadion – wo Getränke nur in Pappbechern ausgeschenkt wurden – stürmte die Borussia im Wiederholungsspiel vergeblich gegen das Inter-Bollwerk an. Sie verschossen einen Elfmeter, verloren ihren Abwehrchef Luggi Müller mit einem Beinbruch nach einem Tritt von – ja, er war es wirklich – Roberto Boninsegna und schieden nach einem 0:0 aus. Inter wurde das Weiterkommen mit einem Einnahmeanteil von 300000 DM aus dem Wiederholungsspiel vergoldet.
Doch der 20. Oktober 1971 ist unvergessen. Ein Spiel, das zur Legende wurde, obwohl es aus allen Annalen gestrichen ist. Weil eine Cola-Dose flog. Wer sie warf, wurde nie geklärt. Heute liegt sie in Arnheim in einer Glasvitrine. Warum in der niederländischen Provinz? Weil Arnheim die Heimat von Jef Dorpmans ist und Vitesse sein Verein. Der Schiedsrichter, dem Sandro Mazzola die Dose damals gab, nahm sie als Andenken mit nach Hause und vermachte sie dem Museum seines Klubs.
Echte Borussen brauchen kein Museum, um sich an das Spiel zu erinnern, keine Cola-Dose und auch keine Fernsehbilder. Dieses 7:1 kann man aus den Ergebnislisten streichen, aber nicht aus der Erinnerung. Denn wie sagte Günter Netzer, bevor er sich weigerte, immer wieder über diesen Tag zu reden? „An diesem Abend ist alles Wirklichkeit geworden, was man sich in der Fantasie jemals über die Schönheit eines Fußballspiels ausgedacht hat.“
Quellen: www.torfabrik.de, Inside Sport (WDR), ZDF, Kicker, Spiegel.
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07.04.2012
