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„Ressourcen im Boden lassen“

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Autor: Klaus Jongebloed 12. Dezember 2010 14:41 Uhr  Mehr Artikel von diesem Autor

Nach Cancún: Weltklimarat-Experte Edenhofer regt Klima-Ranking der Megastädte an – Maut ein Thema

„Ressourcen im Boden lassen“

Osnabrück. Der ranghöchste Deutsche im Weltklimarat IPCC, Ottmar Edenhofer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, hält den Gipfel von Cancún für einen Fortschritt und regt im Interview unserer Zeitung ein Klima-Ranking der Megastädte an.

 
Hat wieder Hoffnung für den Schutz der Erde: Ottmar Edenhofer, der ranghöchste Deutsche im Weltklimarat. Foto: dpa  Vergrößern

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Herr Edenhofer, reichen die Beschlüsse von Cancún für den Klimaschutz?

Sie sind ein Fortschritt. Die beim Gipfel in Kopenhagen vor einem Jahr schwer beschädigten Vereinten Nationen haben in Cancún gezeigt, dass sie handlungsfähig sind. Das ist wichtig, denn nur eine weltweite Zusammenarbeit kann das globale Problem Klimawandel lösen.

Konkrete Reduktionsziele fehlen allerdings...

Immerhin ist von allen Seiten ein globales Klimaziel – nämlich bis 2100 die Erderwärmung auf maximal zwei Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu beschränken – bekräftigt worden. Das ist nicht viel, aber besser als nichts. Hoffnung machen zudem der geplante Grüne Klimafonds und ein Fonds für Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel. Das zeigt den Entwicklungsländern, dass die Industriestaaten bereit sind, sie in ihren Bemühungen gegen den Klimawandel zu unterstützen. Auf dieses Signal kommt es an.

Das Interesse am Thema Klimawandel ist gesunken, Erderwärmung wird gar als etwas Positives beschrieben...

Kopenhagen war eine große Enttäuschung. Wir sind um Jahre zurückgeworfen worden. Der Weltklimarat wurde plötzlich als Expertokratie wahrgenommen, die anderen vorschreibt, wie sie zu leben haben. Und der scheinbare Konsens, dass Klimawandel ein ernstes Problem ist, ist öffentlich zerbröselt. Cancún hat hingegen deutlich gemacht, wie durch geschickte Diplomatie und eine vernünftige Vorbereitung der Konferenz etwas zu erreichen ist. Die mexikanische Außenministerin Patricia Espinosa hat etwas Großes geleistet. Das war die Kunst einer Staatsfrau, die ich ehrlich bewundere. Ich habe zwar Verständnis dafür, dass die Öffentlichkeit dieses Themas überdrüssig ist und auf schnelle Lösungen für globale Probleme dringt. Doch es ist nicht mit wenigen Konferenzen getan, die Klimapolitik braucht leider Zeit. Wer nun sagt, Klimawandel sei nicht so ernst zu nehmen, weiß schlicht nicht, wovon er redet. Den sogenannten Klimaskeptikern fehlt ein Verständnis dafür, in welcher Welt wir leben würden, wenn die globale Durchschnittstemperatur um drei bis fünf Grad Celsius steigt.

Welche Gefahr droht, wenn nicht gehandelt wird?

Behauptet wird etwa, dass durch den CO2-Düngeeffekt die Agrarproduktion in manchen Teilen der Welt steigt. Einen solchen Effekt gibt es zwar, seine Größe aber ist ungewiss. Es liegen auch Szenarien vor, dass die Agrarproduktion vor allem in Teilen Afrikas einbrechen könnte, wenn der Düngeeffekt gering ist und zugleich aufgrund des Klimawandels das Wasser knapp wird. Die Agrarproduktion würde dann im Wesentlichen nach Europa wandern, von wo Getreide nach Afrika exportiert werden müsste. Doch mit welchen Devisen sollte Afrika diese Getreideproduktion bezahlen? Wer von einer mühelosen Anpassung an eine Vier-Grad-Erwärmung ausgeht, muss erst einmal nachweisen, dass das zu moralisch akzeptablen Kosten funktioniert. Dies wäre nur der Fall, wenn die Vermeidung des Klimawandels exorbitant teuer ist. Alle bisherigen Analysen zeigen aber, dass wir durch den Umbau des weltweiten Energiesystems die Emissionen zu akzeptablen volkswirtschaftlichen Kosten senken können. Wenn wir nicht handeln, gehen wir das Risiko ein, dass wir den Planeten in erhebliche Unordnung bringen – und zwar in einer Art, für die wir in der Menschheitsgeschichte kein Vorbild haben.

Was leisten die jetzigen nationalen Reduktionsziele?

Wenn das, was in den Klingelbeutel von Kopenhagen gegeben worden ist, schon alles wäre, würden wir bis 2100 bei einer Erderwärmung von 3,5 Grad Celsius landen. Cancún hat gezeigt, dass die Länder bereit sind nachzulegen.

Die Atmosphäre ist zur Gratis-CO2-Müllhalde geworden. Was verträgt sie noch?

Wenn wir das Zwei-Grad-Ziel erreichen wollen, dürfen wir bis 2100 noch 230 Gigatonnen Kohlenstoff, also 842 Gigatonnen Kohlendioxid, in der Atmosphäre ablagern. Machen wir so weiter wie bisher, ist das Budget jedoch in 30 Jahren aufgebraucht. Hinzu kommt, dass noch rund 12000 Gigatonnen Kohlenstoff in Form von Kohle, Öl und Gas im Boden lagern. Wir müssen es schaffen, den Großteil der Ressourcen im Boden zu lassen. Sie als Brennstoff zu nutzen wäre unverantwortlich.

Wie wäre die Ausbeutung der Ressourcen zu stoppen?

Durch einen internationalen Emissionshandel, mit dem die Rechte für den Ausstoß von Treibhausgasen international verteilt werden. Das könnte mittelfristig der in Cancún beschlossene Grüne Klimafonds leisten, der auch den Handel überwachen sollte – dessen genaue Aufgaben aber noch definiert werden müssen. Dieser Fonds könnte die Rolle einer Weltklima-Zentralbank übernehmen. Ohne technologischen Fortschritt, der eine kohlenstofffreie Produktion ermöglicht, wird es aber nicht funktionieren.

Sind die für den Fonds vorgesehenen Zahlungen an die Entwicklungsländer in Höhe von 75 Milliarden Euro pro Jahr ab 2020 genug?

Wenn das Geld für den Umbau von Städten verwendet wird, um Infrastruktur-Investitionen in eine kohlenstoffarme Entwicklung zu lenken, wäre das eine herausragende Aufgabe.

Welche Rolle spielen die Megastädte?

In den nächsten zehn Jahren werden dort die großen Investitionen getätigt – von Mexiko City über Lagos und Delhi bis hin zu Peking, Shanghai und Chongching, einer chinesischen 36-Millionen-Stadt. Für derartige Investitionen den Grünen Klimafonds zur Verfügung zu haben ist ein echtes Hoffnungszeichen. Notwendig sind Programme, die zeigen, wie in den Großstädten sinnvoll Infrastruktur-Investitionen zu tätigen sind. Eine solche Verbindung zwischen globaler und lokaler Ebene wäre von fundamentaler Bedeutung für den künftigen Klimaschutz.

Wie sind Investitionen in Megastädten zu steuern?

Die Investitionsentscheidungen müssten zunächst unter der Maßgabe eines CO2-Preises durchgerechnet werden, der deutlich höher liegt als die heutigen Preise. Dann fällt bereits eine Reihe von Entscheidungen anders aus, etwa im Gebäudebereich, beim Straßenbau, dem Ausbau von Elektrizitätsnetzen sowie beim Bau von Kraftwerken und Telekommunikation. Großstädte müssen besonders das Überfüllungsproblem lösen. Man wird über Dinge wie Maut und öffentlichen Nahverkehr reden müssen.

Wäre parallel zu Klimagipfeln ein Treffen der 30 Megastädte sinnvoll?Ganz sicher. Ein solcher Megastädte-Gipfel hätte die Aufgabe, Investitions-Konzepte zu entwickeln, die mit Mitteln des Grünen Klimafonds unterstützt werden können.

Sollte es ein Klima-Ranking der Megastädte geben?

Ein Länder- oder Städte-Ranking halte ich für sehr sinnvoll, um die erzielten Erfolge bekannt zu machen. Ein solches Ranking könnten die Nichtregierungsorganisationen durchführen. Derartige Rankings hätten eine hohe Wirkung, weil es um internationale Reputation und damit auch um die Attraktivität für internationale Investoren geht.

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