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Umweltbundesamt gegen längere Atomlaufzeiten

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Autor: Klaus Jongebloed 23. September 2010 19:09 Uhr  Mehr Artikel von diesem Autor

Präsident Jochen Flasbarth: Das war nicht unsere Empfehlung –„Subventionen im Luftverkehr zurückfahren“

Umweltbundesamt gegen längere Atomlaufzeiten

Osnabrück. Zu Laufzeitverlängerung von Kernkraftwerken, Fehlern beim Gebäudesanierungsprogramm und Visionen für den Gütertransport äußert sich der Chef des Umweltbundesamtes, Jochen Flasbarth im Interview unserer Zeitung: Herr Flasbarth, was halten Sie von der Verlängerung der Atomlaufzeiten? Das war nicht unsere Empfehlung.

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Das Umweltbundesamt berät, hat aber kein politisches Mandat und keinen Anspruch darauf, dass die Bundesregierung bei ihren Entscheidungen dem Rat entspricht.

Halten Sie die Atomkraft für nachhaltig?

Das wird ja zum Glück auch von niemandem mehr behauptet. Atomkraft basiert mit Uran auf einer endlichen Ressource und hinterlässt Probleme wie den radioaktiven Abfall.

Welche Auswirkungen haben die Laufzeitverlängerungen auf den Klimaschutz?

Die Einspeisung von Strom aus erneuerbaren Energien muss weiter Vorrang behalten. Sonst würde der Übergang auf eine erneuerbare Energiebasis beeinträchtigt. Zudem muss es beim Handel mit Emissionsrechten Anpassungen geben. Pro Zertifikat, das derzeit rund 15 Euro kostet, darf eine Tonne CO2 ausgestoßen werden. In der EU ist die Zahl solcher Verschmutzungsrechte festgelegt – sowohl für die laufende Handelsperiode bis 2012 als auch für die dritte Handelsphase von 2013 bis 2020. Allerdings basiert diese festgelegte Menge an Zertifikaten auf einem Atomausstieg nach geltender Gesetzeslage, also auch auf einer kalkulierten Stromproduktion mit mehr Kohle und Gas. Durch die Verlängerung der Laufzeiten für Atomkraftwerke kommt nun mehr Atomstrom ins Netz. Für diesen Strom braucht man aber keine CO2-Zertifikate.

Was ist die Folge?

Damit gibt es mehr Zertifikate, als die Energieunternehmen benötigen werden. Bleibt die Zahl der Zertifikate unverändert, wird sich – das ist die ganz wichtige Aussage – der CO2-Ausstoß in Europa nicht um ein einziges Gramm reduzieren. Denn das, was Energieerzeuger in Deutschland an Emissionsrechten nicht in Anspruch nehmen, wird verkauft und führt irgendwo im europäischen System zu einem zusätzlichen CO2-Ausstoß. Hinzu kommt: Der Preis für Emissionsrechte würde sinken, Klimaschutz würde sich weniger lohnen. Um diese Entwicklung zu verhindern, müssten nach Schätzungen der Emissionshandelsstelle im UBA für die laufende Handelsperiode 20 Millionen CO2-Zertifikate pro Jahr vom Markt genommen werden. Das wäre die Hälfte dessen, was wir zurzeit jährlich an der Börse versteigern. Ab 2013 ist sogar eine Minderung von jährlich 50 Millionen Stück notwendig.

Das Energiekonzept mahnt zur Reduzierung von Treibhausgas-Emissionen. Welche Ziele sind realistisch?

Die Bundesregierung hat im Energiekonzept bestätigt, den Treibhausgas-Ausstoß im Vergleich zu 1990 um 40 Prozent bis 2020 zu senken. Das halten wir für gut und realistisch. Bis 2050 soll eine Absenkung um 80 Prozent stattfinden. Das ist ein ehrgeiziges Ziel. Allerdings hat der Weltklimarat eine Minderung um 80 bis 95 Prozent empfohlen. Ein Land mit der Wirtschaftsstruktur wie Deutschland wird wohl eher bei einer Verpflichtung zur Minderung von Treibhausgasen um 95 Prozent liegen. Fossile Kraftwerke haben Mitte dieses Jahrhunderts damit keinen Platz mehr in unserer Energieversorgung.

Die Regierung hat das Gebäudesanierungsprogramm von jährlich 1,4 Milliarden Euro auf 430 Millionen Euro gekürzt, obwohl im Wärmesektor viel Energie gespart werden könnte. Was halten Sie davon?

Wenn der Staat jetzt bei der Gebäudesanierung spart, macht er ein schlechtes Geschäft. Wie UBA-Analysen zeigen, übersteigen die Steuereinnahmen die Ausgaben eines solchen Programms um ein Mehrfaches. Das hängt vor allem mit der steigenden Beschäftigung im Handwerk zusammen. Das UBA empfiehlt daher, die Gebäudesanierung auch künftig deutlich zu fördern. Sonst lassen sich die Energie-Ziele nicht realisieren. Im Übrigen herrscht Klarheit, dass bis 2050 nicht nur bei Neubauten, sondern vor allem im Gebäudebestand Null-Emissions-Häuser Standard sein müssen.

Wie wollen Sie das schaffen bei einer jährlichen Sanierungsrate von einem Prozent?

Wenn man weiß, dass die energetische Ausstattung eines Gebäudes künftig auch über den Wert eines Gebäudes entscheidet, dürfte es bei dieser niedrigen Rate kaum bleiben.

Eine Studie der Initiative Luftverkehr unter der Schirmherrschaft des Bundesbauministeriums stellt dem Luftverkehr bessere Noten aus als Bahn und Straße. Sind solche Gutachten noch ernst zu nehmen?

Die Initiative Luftverkehr hat ein Gutachten vorgelegt, das einer seriösen wissenschaftlichen Betrachtung nicht standhält. Demnach wäre der Luftverkehr umweltverträglicher als Bahn und Straße. Das ist selbstverständlich nicht der Fall. Die Untersuchung unterschlägt, dass Treibhausgase in großen Lufthöhen, in denen der Flugverkehr stattfindet, mindestens doppelt so klimaschädlich sind wie Treibhausgase der anderen Verkehrsträger am Boden. Außerdem sind die volkswirtschaftlichen Kosten der Klimaänderungen mit 25 Euro pro Tonne Treibhausgas angesetzt, wohingegen das UBA und auch der Stern-Report mit 70 Euro pro Tonne rechnen. Nur deswegen kommt die Studie zu einem solch positiven Ergebnis für die Luftfahrt. Aus UBA-Studien geht klar hervor, dass der Luftverkehr der umweltschädlichste Verkehrsträger ist. Dazu ist er auch noch der Verkehrsbereich, der die meisten Subventionen bekommt. Im Moment betragen die Subventionen jährlich rund elf Milliarden Euro, darunter die Befreiung von Kerosin- und Mehrwertsteuer bei internationalen Flügen. Das ändert sich auch nicht, wenn der Luftverkehr in die EU und aus der EU ab 2012 in den Emissionshandel einbezogen wird, wodurch der Staat pro Jahr schätzungsweise rund 100 Millionen Euro einnimmt. Deshalb ist es wichtig, diese Subventionen schrittweise zurückzufahren. Die geplante Flugticket-Abgabe ist ein richtiger Schritt, um die Steuer-Befreiung auszugleichen.

Welche Rolle kann die Bahn beim Weg ins Zeitalter der erneuerbaren Energien spielen?

Die Klimaschutzziele erfordern eine erhebliche Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene. Das UBA hat den Vorschlag gemacht, bis 2025 den Güterverkehr mit einem Zuwachs von 80 Prozent auf der Schiene vorzusehen. Um das zu realisieren, sind Investitionen ins Schienennetz erforderlich, etwa durch Parallelgleise zum Personen- und Güterverkehr und auch durch deutlich mehr Lärmschutz. Ein solcher Ausbau des Schienennetzes bis 2025 kostet etwa elf Milliarden Euro – eine Summe, die aufzubringen ist.



 
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