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Wettskandal: Jetzt geht’s richtig los
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Erste Anklagen – 24 Spiele im Fokus

Wettskandal: Jetzt geht’s richtig los

Bochum. Elf Monate wurde verdeckt ermittelt, dann gab es 15 Verhaftungen und eine viel Staub aufwirbelnde Pressekonferenz im November 2009. Seitdem wurden Verdächtige verhört und Zeugen vernommen, Wohnungen durchsucht und Konten durchleuchtet, Telefongespräche ausgewertet und SMS-Mitteilungen gesichtet. Seit gestern steht fest: Der größte Wett- und Betrugsskandal in der Geschichte des europäischen Fußballs kommt im September vor Gericht. Angeklagt sind zwei türkische Kaufleute, denen die Staatsanwaltschaft Bochum gewerbs- und bandenmäßigen Betrug vorwirft.

 
Fußball: Es fließt viel Geld im Wett-Bewerb. Foto: imago  Vergrößern

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Konkret angeklagt sind die beiden Wettbüro-Betreiber Nürettin G. und Tuna A. in 24 Fällen, sprich 24 Spielen, auf unterschiedliche Weise zusammen mit Komplizen, gegen die gesondert ermittelt wird, zu Manipulationen von Spielern und Schiedsrichtern beigetragen bzw. davon profitiert zu haben. Auf Anfrage erklärte der Osnabrücker Rechtsanwalt Jens Meggers, der Nürettin G. vertritt, dass der Prozess am 29. September in Bochum beginnt.

Es geht um Spiele in Slowenien, Ungarn, der Schweiz, Belgien, Kroatien sowie Deutschland, das mit zehn Partien dabei ist. Darunter sind die schon seit November 2009 unter Manipulationsverdacht stehenden Zweitligabegegnungen des VfL Osnabrück beim 1. FC Nürnberg und beim FC Augsburg sowie ein weiteres Osnabrücker Spiel, das im April 2008 in Jena stattfand. Dabei sollen die VfL-Profis Bilal Aziz und Marcel Schuon auf eine Niederlage der eigenen Mannschaft gewettet haben; die Partie endete 1:1, die Spieler verloren ihre Einsätze.

Aus dem grauschwarzen, illegalen Wettmarkt kamen die Impulse zu Betrug, Manipulation und Bestechung. Die beiden Angeklagten sind dieser Szene zuzurechnen, hier kamen sie miteinander in Kontakt. Es bildete sich ein kleines Netzwerk von mindestens sechs Köpfen, darunter der schon im Hoyzer-Skandal von 2005 verurteilte Ante S. aus Berlin und der ehemalige Basketballprofi Ivan P. Teils nach Absprache, teils unabhängig voneinander suchten die Wettbetrüger in Fußballmannschaften in ganz Europa nach für Manipulationen anfälligen Spielern.

Sie wurden fündig beim FC Gossau in der 2. Schweizer Liga, bei Bayern Alzenau aus der Regionalliga Süd, bei UR Namur aus der 2. belgischen Liga, bei den A-Junioren von Arminia Bielefeld, beim SC Verl in der 3. Liga und beim VfL Osnabrück in der 2. Bundesliga in Deutschland. Meistens klappten die Manipulationen, manchmal kam das erwünschte Resultat nicht zustande. Mal wurde viel gesetzt, mal wenig, mal setzten mehrere der „Bosse“, mal nur einer oder zwei. Mal waren drei oder mehr Spieler einer Mannschaft in den Betrug eingeweiht, so wie beim Schweizer FC Gossau oder im belgischen Namur, mal nur einer wie bei Bayern Alzenau. Mal wurde mithilfe einer Mannschaft mehrfach manipuliert, mal brach die „Geschäftsbeziehung“ nach einem Versuch ab.

Trotz der manchmal zufällig anmutenden Unterschiede ist das Muster erkennbar: Wenn sich irgendwo für einen Wettbetrüger oder einen seiner Helfershelfer ein Ansatzpunkt in einer Mannschaft fand, wurde die Manipulation vorbereitet. Mal waren Spieler selbst Kunden in einem Wettbüro, dann wieder legte die landsmannschaftliche Beziehung den Grundstein. Und manchmal führte allein die Völker verbindende Kraft des Fußballs zusammen, was dann in einem betrügerischen Akt mündete.

Waren die Weichen gestellt, informierten sich die Mitglieder des inneren Zirkels gegenseitig: „Das ist ein gutes, fertiges Spiel.“ Gelegentlich wurde die Empfehlung für höchstmögliche Einsätze gegeben: „Powerplay!“ Dann nutzten die Verdächtigen ihre vielfältigen Beziehungen, um ihre Wetten zu platzieren; die Liste der Wettanbieter, die dabei geschädigt wurden, ist lang.

Allein den beiden jetzt Angeklagten rechnet die Staatsanwaltschaft vor, für einen Teil der 24 manipulierten Spiele 350000 Euro Bestechungsgeld aufgewendet zu haben. Dabei erzielten sie bei Einsätzen von 1,8 Millionen Euro einen Reingewinn von 1,45 Millionen Euro. Doch das ist nur die Spitze des Wettberges, denn die Bochumer Ermittler gehen von insgesamt 270 verschobenen Spielen aus. Angeblich haben drei der noch nicht angeklagten Verdächtigen allein auf einem Konto eines Wettanbieters bei einem Umsatz von 32 Millionen Euro einen Gewinn von 3,5 Millionen Euro erzielt.

Die Anklage stützt sich neben den Beweismitteln aus abgehörten Telefonaten, Kontenüberwachung und Hausdurchsuchungen vor allem auf die Aussagen der beiden Verdächtigen selbst. Zermürbt von der langen Untersuchungshaft und mit der Aussicht auf Strafmilderung haben Nürettin G. und Tuna A. offenbar umfassend ausgesagt. Inzwischen haben auch andere Mittäter der Führungsebene ausführliche Informationen preisgegeben, darunter auch Ante S. Der Drahtzieher aus Berlin wird in der Szene respektvoll „Navigator“ genannt. Sechs Tatverdächtige, so bestätigte die Staatsanwaltschaft, sind es außer den beiden jetzt Angeklagten noch in U-Haft.

Die Aussagen und die ersten Anklagen bringen Bewegung in den weitverzweigten, komplizierten Fall. Zunächst werden sich die Prozesse gegen die Drahtzieher und Haupttäter richten, doch dann müssen auch die verdächtigen Profis mit Verfahren rechnen. Zudem wird der DFB aufgrund der Akten der Staatsanwaltschaft seine sportrechtlichen Konsequenzen aus bewiesenen Manipulationen ziehen und Sperren verhängen.

Vier Verfahren hat der DFB-Kontrollausschuss bereits abgeschlossen; die Urteile – u.a. bis zu 14-monatige Sperren gegen drei U-19-Spieler von Arminia Bielefeld – hat der DFB ohne Nennung der Spielernamen veröffentlicht. Weitere Verfahren sind nach Vernehmungen von verdächtigen Spielern und Zeugen anhängig; auch der Ex-Osnabrücker Thomas Cichon sagte vor dem Kontrollausschuss aus und bestritt alle Vorwürfe.

In anderen Ländern hat die Sportgerichtsbarkeit erste Urteile gefällt. In der Schweiz wurden sieben Profis und zwei Amateure mit mehrjährigen Sperren belegt; im März 2010 teilte die UEFA eine lebenslange Sperre für den ukrainischen Schiedsrichter Oleg Orijechow mit und erklärte, die Sanktion habe nichts mit den Ermittlungen der Bochumer Staatsanwaltschaft zu tun. Doch in den Akten taucht Orijechow auf: Er soll von der Bande 50000 Euro erhalten haben, um im Europa-League-Spiel des FC Basel gegen ZSKA Sofia im November 2009 für einen Sieg der Schweizer mit mindestens zwei Toren Differenz zu sorgen. Basel gewann 3:1.

Der Wettskandal ist noch längst nicht erledigt. Seine Aufarbeitung beginnt gerade erst. Und die Ermittlungen gehen weiter.


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