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TippspielJim Knopf ohne Ende
Osnabrück/Berlin. Lukas, der berühmte Lokführer von Lummerland, ist Nichtraucher, und zum 5. Geburtstag von Findelkind Jim Knopf bekommen die Inselbesucher sogar Besuch aus Übersee. Wo liest man denn so was? Auf jeden Fall nicht im Kinderbuchklassiker „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ von Michael Ende (1929–1995), sondern in einem der Bilderbücher von Beate Dölling. Seit 2005 erzählt die Kinder- und Jugendbuchautorin und gebürtige Osnabrückerin die Kultgeschichte erfolgreich weiter. Insgesamt über 100000 Exemplare wurden bisher verkauft. Wie es dazu kam, erzählt sie im Interview mit unserer Zeitung.
Frau Dölling, wann haben Sie erstmals Michael Endes Roman „Jim Knopf und Lukas“ gelesen?
Beate Dölling: Ich bin erst als Erwachsene dazugekommen, als ich meiner Tochter beide Romane vorgelesen habe. Als Kind kannte ich bereits die Filme der Augsburger Puppenkiste, damit bin ich aufgewachsen.
Haben Sie eine Lieblingsfigur?
Ja. Meine Lieblingsfigur ist der Scheinriese, der von Weitem Angst einflößt, je näher man ihm aber kommt, desto kleiner und herzlicher schaut er aus. Er stellt sich als feinfühliger alter Mann und nicht als Furcht einflößender Riese heraus. Ich bin ja in Osnabrück aufgewachsen, und in einer kleineren Stadt ist das Fremde nicht unbedingt so nah, und es wird genauso dargestellt wie der Scheinriese, nämlich eher gefährlich. Für mich war es aber schon immer wichtig, das Fremde kennenzulernen. Der Scheinriese ist für mich ein Symbol, denn ich bin viel gereist, habe in fremden Ländern gelebt. Ich habe vor diesem Fremden keine Angst und bin auch gerne selber fremd.
Was verbinden Sie mit Michael Endes Werk?
Ich bewundere seine Fantasie, seine Menschlichkeit, seine Herzlichkeit, sein Einfühlungsvermögen Kindern gegenüber und auch seine Moral. Wir leben in einer Zeit, wo Moral gar nichts mehr gilt, in der der „gehobene Zeigefinger“, der in Kinderbüchern irgendwo durchblicken könnte, verpönt ist. Michael Ende hat in seinen Geschichten immer Botschaften mitgegeben. Das versuche ich in meinen Romanen auch, denn Kinder brauchen ein paar Botschaften, sie müssen sich irgendwo orientieren. Sie dürfen nicht einfach nur so vollgedröhnt werden. Ich bewundere auch die Gesellschaftskritik in Endes Werk. Wenn man sich beispielsweise in „Jim Knopf“ die Drachenstadt anguckt, wo nur „reinrassige“ Drachen in der Stadt leben dürfen, erinnert das an die deutsche Nazi-Vergangenheit. Zwar hat Michael Ende einer anderen Generation angehört, aber Diskriminierung ist noch heute ein großes Thema, und wie kann man das besser an Kinder herantragen als in einer unaufdringlichen, spannenden Form?
Wie kam es, dass Sie „Jim Knopf“ weiterschreiben durften?
Das war eine Auftragsarbeit vom Thienemann-Verlag. Ich habe sehr lange Kindersendungen für den Hörfunk gemacht. Damals hatten wir noch längere Sendezeiten, in denen ich sehr auf die Kinder eingehen konnte. Die Lektorin, die mich angesprochen hatte, kannte meine Arbeit und meinte, ich hätte die Fähigkeit, mich in Jim Knopf und Lukas einzufühlen.
Wie sind Sie dann an diese Arbeit herangegangen?
Als der Auftrag kam, habe ich noch einmal Jim Knopf durchgelesen. Ich habe mir Stellen angestrichen, um zu sehen, wie die Figuren reagieren, beispielsweise sagt Lukas immer: „Ja, mein Junge.“ Lukas hat eine ganz eigene Art. Er ist sehr ruhig, das musste ich natürlich ein bisschen analysieren, um das übernehmen zu können. Vorgegeben war, dass die Figuren zwar modernisiert, aber nicht verfälscht werden dürfen. Das war eigentlich sehr einfach, ich konnte mich da sehr gut hineinversetzen.
Hatten Sie keine Bedenken, einen Kinderbuchklassiker fortzuschreiben, oder Angst, dem Original das Geheimnisvolle zu nehmen?
Natürlich, ich hatte große Zweifel. Anfangs habe ich noch gedacht: Ich kann das nicht, das geht überhaupt nicht, das ist so eine eigene Sache, da kann man sich nicht einmischen. Aber dann war es ganz einfach. Das Gute ist: Ich kann mit den Figuren machen, was ich will. Die Vorlage soll ja nicht genau übertragen werden, sondern die kleinen Kinder sollen Jim Knopf und die anderen Figuren kennenlernen. Ich muss bloß in dem Duktus des Originals bleiben. Der Verlag und ich freuen uns, dass wir mit den Bilderbüchern einen sehr großen Erfolg haben, mittlerweile ist das fünfte erschienen sowie mehrere Sonderausgaben. Es gab durchweg Leserlob gerade dafür, dass wir nichts kaputt gemacht haben, sondern die Geschichte nur ergänzen. Ich betrachte meine Jim-Knopf-Geschichten als Bereicherung des Originals.
Michael Ende hat vor jedes Kapitel einen zusammenfassenden Satz gestellt. Warum haben Sie dieses Stilmittel nicht übernommen?
Im Bilderbuch war dafür kein Platz. Der Erzählstil ist auch gar nicht so wichtig, weil ich auch einen anderen Stil habe. Die neuen Bücher sollen im Sinne von Michael Ende geschrieben sein – darauf passen auch die Erben auf. Jedes neue Buch wird ihnen vor der Veröffentlichung vorgelegt. Ein wenig mogeln dürfen wir dennoch: Im neuen Wissensbuch „Jim Knopf findet’s raus!“ kann Jim – anders als im Original – lesen.
Wie weit gehen Sie bei der Modernisierung?
Es wird stark darauf geachtet, dass die Charaktere nicht verändert werden. Also, Herr Ärmel geht nach wie vor nur mit Regenschirm spazieren. Aber gewisse Dinge müssen wir ein wenig der heutigen Zeit anpassen: Lukas raucht zum Beispiel nicht mehr, die Pfeife ist immer trocken. Das Rauchen wird auch nicht mehr erwähnt. Das machen wir, damit sich nicht gleich die Pädagogen beschweren.
Sie sind mit Ihren eigenen Kinder- und Jugendbüchern erfolgreich. Wie stark ist der Reiz, das Werk eines anderen fortzuschreiben?
Meine Werke sind mir natürlich wichtiger. Die Jim-Knopf-Bilderbücher schreibe ich „nebenbei“. Auf der anderen Seite sind mir Jim Knopf und Lukas schon sehr ans Herz gewachsen. Diese Arbeit ist für mich eine kleine, wunderbare Abwechslung, und ich habe noch Ideen für hundert weitere Bücher.









23.05.2011
