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Lust auf die große Randale im Atelier: Ein Gespräch – und ein Schrei: „Nagel-Künstler“ Günther Uecker wird heute 80 Jahre alt

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Lust auf die große Randale im Atelier: Ein Gespräch – und ein Schrei: „Nagel-Künstler“ Günther Uecker wird heute 80 Jahre alt

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Ein herrlicher Blick auf die Rheinbiegung, dazu Frank O. Gehrys tanzende Häuser als schickste Adresse der Stadt: Düsseldorfs Kaistraße ist angesagt. Inmitten der Geschäftsadressen ein Türschild: Uecker. Der Künstler hat hier zwei Etagen – eine für die Kunst, eine für die Bücher. Dann steht er in der Tür: leuchtende Augen, ein großes Lächeln, die ausgestreckte Hand. Günther Uecker hat ein halbes Jahrhundert Kunstgeschichte mitgestaltet. Und er zeigt unglaubliche Präsenz. Heute wird er 80.

Herr Uecker, es heißt, Sie würden Interviews überhaupt nicht mögen ...
Ja, denn ich franse mich ja aus. Je mehr ich sprachfähig bin, umso mehr entfaltet sich die Kraft einer Künstlervernichtung.

Wodurch das denn?
Das Imaginäre wird verbalisiert und ist dann nicht mehr auf etwas Bildhaftes zurückzuführen, sondern bleibt in der Sprache, wenn es ausgesagt ist. Das Bild beginnt schließlich da, wo die Sprache versagt.

Ich habe mir vorgenommen, den unangenehmsten Punkt sofort anzusprechen, damit der dann erledigt ist.
Ach, Sie meinen die Jahreszahl?

Nein, überhaupt nicht. Sie gelten als der „Nagel-Künstler“. Ärgert Sie das Wort oder sagen Sie sich: Ja, so ist es?

Soweit nageln etwas mit Kunst zu tun hat. Genagelt wird ja viel. Das ist mein plastisches Gestammel, das ich damit vermittle, das sind zeichnerische Vorgänge. Darin steckt eine Aussagekraft, die zugleich wehrhaft ist. Dabei werden sensible Empfindungen auf Grundflächen übertragen, die dann vernagelt sind. Das Verfahren hat autobiografische Bezüge. Als die Sowjetarmee am Ende des Zweiten Weltkrieges kam, habe ich unser Haus zugenagelt, aus Angst vor dem, was mit meinen Schwestern und meiner Mutter geschehen könnte. Das liebevolle Handeln am Nächsten bedarf auch eines gewissen Schutzes. Diese Wehrhaftigkeit hat damit zu tun.

Als „Nagel-Künstler“ haben Sie ja immerhin Ihr Markenzeichen. Hat man in der Kunst nur Erfolg, wenn einen die Leute anhand eines Labels wiedererkennenkönnen?
Für mich ist es kein Markenzeichen geworden, wohl aber für die Betrachter, diese brauchen ein Wiedererkennungsmoment in der Flut der optischen Eindrücke, der Menschen heute ausgesetzt sind. Dort, wo ich aufgewachsen bin, schaute man über die Ostsee, und dann waren da die Vogelzüge, denen man nachsah. Das sind vielleicht strukturelle Eindrücke, die mich zu Gleichmut und Gelassenheit geführt und mir das Gefühl von Endlosigkeit vermittelt haben. Das findet sich in den Nagelfeldern wieder.

Mit Nägeln verletzen Sie die Dinge. Gleichzeitig fügen sich die Nägel auf Ihren Bildern zu Lichtströmungen. Brutalität und Zartheit – wie passt das überhaupt zusammen?
Schon in der künstlerischen Ausbildung in der DDR, wenn ich versuchte, ein Aktmodell zu zeichnen, stocherte ich ja mit spitzem Bleistift in der Zeichnung am abzubildenden Körper, in der Pupille, in den Hautfalten und in der Vagina herum, um die Realität eines Abbildes zu erfassen. Unter dem Einfluss des „Humanismus“, der Mensch stehe im Mittelpunkt der Welt, stand ich nun da und zeichnete einen Menschen mit spitzem Bleistift. Für mich, der ich aus der Landwirtschaft komme, waren die Malmaterialien Linien und Furchen ziehende Werkzeuge, so habe ich dann auch gezeichnet. Diese linearen Zeichnungen wurden doch mit der Faust und dem Bleistift hergestellt. Den Bleistift als plastische Linie habe ich dann in das Papier eingeschlagen, wie später die Nägel. Diese bilden eine Schattenlinie und wurden mehr und mehr das Ausdrucksmaterial meines bildnerischen Handelns. So gestaltete ich hier einen Wirklichkeitsbezug zur kosmischen Realität, zum natürlichen Lichteinfall, der einen Schatten bildet, wie bei einer Sonnenuhr. Aus diesen Gedanken entstanden die ersten Arbeiten mit Nägeln. Majakowski hat gesagt, dass die Poesie mit dem Hammer gemacht wird.

Also Hammer statt Bleistift?
Ja, das Handeln, das Werken selbst ist die Realität. Der Hammereinschlag zählte – und das, was dabei an Poetischem zum Ausdruck kam. Das gab einen Ausdruck von Realität, der Realität, die in mir vorging.

Sie sind als Mitbegründer von „Zero“ gestartet, einer Bewegung, die Kunst entgrenzen wollte. Treibt Sie diese Kunstrevolution bis heute an?
Ja, das ist die Neugier, die man in sich trägt, die Neugier auf eine Welt, zu der man noch gar keinen Zugang hatte. Es ging um Aufdeckung von Welt. Da bin ich fasziniert, von dem, was mich befremdet, von der Verschlossenheit, die ich mir erschließen kann. Daraus entwickelt sich dann das Gefühl der Entgrenzung. Ich überschreite Grenzen und Vorurteile und finde eine größere Annäherung an das Andere, was in der Welt ist, und bereichere mich daran.

Im Vergleich zu Ihren Künstlerkollegen von „Zero“, Heinz Mack und Otto Piene, wirken Sie mit Ihrer handfesten Arbeitsweise erdverbundener. Müssen Sie sich am Material abarbeiten, um richtig stark sein zu können?
Material ist direkt bildnerischer Ausdruck. Nach Augustinus ist die Schönheit der Glanz der Wahrheit. Nach unseren geschichtlichen Erfahrungen muss man allerdings auch fragen, wie trügerisch dieser Glanz eigentlich ist. Welchen Täuschungen unterliegen wir? Der Versuch, das Material unverfälscht als Ausdrucksmittel zu benutzen, bietet eine Ausdrucksform, die aus der Handlungsweise hervorgeht, etwa wenn ein Meißel in einen Stein eindringt. Was verloren gegangen ist durch Meißeln oder Abschlagen, verweist auf die Wahrhaftigkeit des Handelns.

Sie machen wirklich alles, von der raumfüllenden Installation bis zur kleinen Papierarbeit. Ist das ein Zeichen für Kunst als totale Gestaltung?
Man nimmt alles, was für die Kunst brauchbar ist. Alles ist gestaltbar und offenbart die Schöpfung. Das ist eine Übertragung des Vorhandenen auf den Wahrnehmungsbereich des Menschen. Damit wird der Dialog mit der Welt möglich. Wir stellen uns die Welt im Sinn unserer Begrenzung vor, denken aber auch an das, was auch existiert, was wir uns aber nicht erklären können. So offenbart sich oft Kunst über diese Grenzbereiche hinweg aus dem, was man die Genesis nennt. Oder Gottes Schöpfung. Es ist auch wie eine Liturgie: Man kommt dem näher, was nicht augenfällig ist. Was ich dabei sehe, ist auch meine Einfalt. Was wir über uns erkennen, ist die Grundlage dafür, dass der Mensch bestehen kann in der Schöpfung. Alle Erkenntnisse bilden die Grundlage dafür, dass die Menschen sich bewahren auf diesem Planeten.

Aber dafür brauchen Sie immer etwas Anfassbares. Sie sind kein Mann der Medien.
Ich habe aber auch 45 Filme gemacht seit den Sechzigern. Diese Filme haben aber auch existenzielle Handlungen zum Thema. Sie sind körperliche Chiffren für Daseinsformen. Aus meiner eigenen Verstörtheit entsteht eine eigene Notwendigkeit zu handeln. Ich banne, was mich bedroht, und mache es dadurch betrachtbar. Damit ist es in der Rezeption dann auch wahrnehmbar. So entsteht ein Dialog über die Kunst, über nicht anders ausdrückbare Bildereignisse. Der Betrachter erlebt diese bildhaften Äußerungen des Künstlers.

Sie haben Opernproduktionen, etwa in Bayreuth, ausgestattet, aber auch den Andachtsraum im Bundestag. Kann die Kunst großes Theater sein – oder gestaltete Religiosität?
Vielleicht ist meine Obsession dadurch zu erklären, dass ich in der DDR ohne Konfession aufgewachsen bin. Das Dasein war sehr atheistisch geprägt. So bin ich ein Sucher, der sich auf eine Gegenwelt einlässt, die durch den Glauben getragen ist und ein Mysterium des Daseins bedeutet. Andrej Sacharow sagte: Die Vernunft ist die Rationalität, aber die Liebe ist das Irrationale. Dass der das damals als Sowjetbürger sagte, hat mich sehr beeindruckt. Das ist in der Kunst erfahrbar.

Sie haben sich mit ihrer Kunst großen Zeiterfahrungen gewidmet – von Tschernobyl bis Krieg. Kein Thema der Zeitgeschichte scheint Ihnen offenbar groß genug, als dass Sie nicht  dagegen angehen würden. Ist das so?
Gegenan – das ist eine Illusion. Von meiner Erschütterung gehe ich natürlich aus. Die Art, wie ich berührt bin, ist meine Inspiration. Mich erschüttert sehr viel. Vieles verwirrt mich auch, und ich versuche dann, den Dingen Fassung zu geben, was eine große Anstrengung bedeutet. Dadurch ist eine bildnerische Fassung herausgefordert. Solche Erfahrungen befördern meine Arbeit. Diese Themen kann ich nicht literarisch thematisieren. Ich mache kein Epos, sondern formuliere eine existenzielle Erfahrung, die im Schrei ... (Uecker stößt einen lauten Schrei aus) ...oder im Handeln, auch im Randalieren Ausdruck findet.

So sehen Ihre Arbeiten ja auch aus!
(Uecker lacht)

Nein, ganz im Ernst. Ihre Werke zeigen den großen Mut, Themen und Materialien auch wirklich anzugehen und dem Ganzen Form zu geben.
Gestalten kann auch Randalieren bedeuten.

Danach sieht es hier aber gar nicht aus.
Das hier ist ja auch mein Einzelzimmer, in dem ich Bücher mache. Meine Werkstatt ist oben. Die sehen Sie gleich noch. Wenn Sie mich beobachten würden, Sie würden meinen Vater verstehen, der mich für missraten hielt. Ich kam ja auch in ein Heim für schwer erziehbare Kinder. Ich tat dauernd Dinge, die sich andere nicht erklären konnten. Heute arbeite ich hier oben allein, bin sehr konzentriert auf ein Werk. Wenn Sie mich dabei sehen würden, würden Sie auch sagen: der hat ’nen Hammer ...

Hat er ja auch. In der Hand jedenfalls ... (Uecker lacht) Sie haben in der früheren DDR und in der Bundesrepublik studiert. Gab es einen Unterschied?
Ja, ich war zuerst in Wismar, danach in Berlin-Weißensee und dann einige Semester bei Otto Pankok in Düsseldorf, nachdem ich die DDR im Juni 1953 verlassen hatte. Nach dem Arbeiteraufstand bin ich auch mit den DDR-Lehrern weggegangen. Die DDR hat sich als sehr enttäuschend erwiesen. Ich konnte allerdings im Westen nur zu einem Lehrer gehen, der Malverbot hatte und Antifaschist war. Sein Schlüsselwerk „Jesus zerbricht das Gewehr über seinem Knie“ hat mich bewogen, nach Düsseldorf zu gehen und bei ihm zu studieren.

Dann haben Sie Ihre Ausbildungen in Ost und West nicht als Bruch erfahren, sondern auch in der Kontinuität wahrgenommen?
Es hat mich sozusagen in die Wahrhaftigkeit einer Realität getrieben. Ich habe draußen geschlafen. Ich hatte keine Familie hier. Ich war ungeschützt und erfuhr ein sehr restauratives Deutschland im Westen. Ich war herausgefordert, mein eigentliches Werk zu beginnen. Was ich in Düsseldorf gemacht habe, ist das eigentliche künstlerische Werk, auch wenn ich mich als Mecklenburger fühle. Die Realität einer kapitalistischen Gesellschaft war erst einmal auch eine abenteuerliche Wirklichkeit, die mich angezogen hat. Das hat mich geprägt. Seit meinem 24. Lebensjahr bin ich jetzt hier. Ich kann sagen: Im Rheinland habe ich mein Werk vorangetrieben.

Sie gehören zu den erfolgreichsten Künstlern der Gegenwart. Stört Sie dennoch etwas am Kunstbetrieb?
Stören? Das ist eine Frage der Verwilderung. Kunst und Kapital haben eine große Bedeutung gewonnen. Das ist die negative Begleiterscheinung. Das ist aber nur folgerichtig, wenn etwas mit Erfolg und Bedeutung verbunden ist und integriert ist in das Leben der Menschen. Wenn etwas teuer ist, weckt es Begehrlichkeiten. Das sind aber Eigenschaften, die dazu beitragen, dass wir uns entwickeln. Das sollten wir nicht beklagen. Allerdings sollte man dabei nicht in Extreme hineingeraten. Der Basar ist jedoch die Quelle unserer Zivilisation. Das ist nicht überwunden. Es gibt nicht den klinischen Kapitalismus. Die Tauschwertigkeit macht, dass das Geld so wichtig ist. Wichtiger ist die freie Rezeption der Kunst im Museum, auch wenn der Besitzgedanke dem Menschen zutiefst eigen ist.

Kunstwerke sind so teuer wie nie zuvor. Zuletzt wurde eine Plastik Giacomettis für einen Rekordpreis versteigert. Was halten Sie davon?
Ich nehme das schmerzhaft wahr. Wie kann man das so finalisieren – dass eine einzige Person besser sein sollte als eine andere? Diese Wertigkeit resultiert ja nicht aus dem Bestreben des Künstlers. Man kann ja nicht sagen, dass der Künstler ein Werk herstellt in dem Bestreben, dass das Werk am Ende einen Geldwert hat. Das würde ihn paralysieren. Das kann überhaupt keiner. 1964 traf ich Roy Lichtenstein in New York. In seinem Atelier zeigte er mir seine Werke und sagte: Werke dieser Größe können jetzt nur noch wenige Sammler kaufen, die anderen scheiden jetzt aus. Darin lag auch eine gewisse Trauer. Denn die Wegbegleiter, die einen tragen, waren ihm eben auch genommen. Der Absturz ist bei Künstlern ja immer gegenwärtig. Aber getragen sein von Menschen, die ein Werk lieben, das ist immer besser, als bloß getragen zu sein von Menschen, die ein Werk nur erwerben.

Diejenigen, die ein Werk lieben, sind ja auch gerade dann wichtig, wenn noch nicht alle diesem Werk in seinem Wert zugestimmt haben.
Eben. Deshalb ist ja auch die demokratische Regelung so gut, dass Kunst dadurch entsteht, dass zwei Menschen zusammentreffen, sich fragen, was eine Sache wohl sein könnte, und dann, wenn sie es nicht anders erklären können, zu dem Schluss kommen: Es könnte sich um Kunst handeln. Das ist wunderbar demokratisch. Der Mensch erschafft sich das betrachtbare Werk.

Ihre Kunst ist weltweit präsent. Wird sie in allen Kulturen verstanden?
Das mag sich aus meiner Herkunft erklären. Deutsche Kunst war mir aus dem Erbe des Nationalsozialismus heraus als nationale Hervorbringung unvorstellbar. Wir banden uns zurück an Schöpfer der wesentliche Kunstrichtungen der Kunst des 20. Jahrhunderts. Das gab die Grundlage für eigenes Schaffen. Und für die Einsicht, dass Offenheit in der Welt eigene Borniertheiten überwinden konnte. Man wollte sich auch unterscheiden von denen, die Mörder und Weltenvernichter waren. Ich wurde in den Fünfzigerjahren bei vielen Künstlern in Frankreich, Belgien und den Niederlanden aufgenommen. Das hat mich geprägt. Deutsche Herkunft spielte dabei nicht mehr die Rolle. Als Deutscher hatte ich das Bewusstsein, Schulderbe zu sein. Ich habe nicht wie viele andere verdrängt, sondern nach den Ursachen des menschenverachtenden Verhaltens gefragt und nach Wegen gesucht, das zu verhindern, auch mit den Mitteln der Kunst. Deshalb sage ich: Kunst kann den Menschen nicht retten, aber mit ihren Mitteln ist ein Dialog möglich, der zum bewahrenden Handeln des Menschen aufruft.

Die Welt braucht heute offenbar das, was schon immer fehlte: Frieden. Trägt die Kunst dazu bei?
Da sagen Sie das richtige Wort. Kunst kann ein Mittel sein, ja sogar ein Lebensmittel. Kunst lehrt uns zu teilen, sie erinnert uns an eine humane Geste. Dies in einem Werk zu formulieren, dies kann große Kunst sein.





 
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