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TippspielDSDS oder USFO – was guckst du? Vermarktung von Shows und Kandidaten
Die Nation befindet sich im Show-Fieber. Wer sich derzeit auf bundesdeutschen Schulhöfen, an Bushaltestellen, in Arztpraxen und Werkskantinen umhört, wird trotz Missbrauchsfälle, Erdbebenserie und Kabinettspannen mit nur einem wirklich leidenschaftlichen Leitthema konfrontiert: DSDS oder USFO?

Fotos: dpa/dapd
Wer mit diesen beiden Abkürzungen nichts anfangen kann, schaut entweder kein Fernsehen oder nur Arte. „Deutschland sucht den Superstar“ und „Unser Star für Oslo“ sind die aktuell populärsten Castingshows. Auf den ersten Blick ähnliche Fernsehformate, doch beide Sendungen scheinen die Gesellschaft wie die geliebt-gehasste PISA-Studie zu sezieren und Kandidaten wie Zuschauer in zwei Lager zu teilen.
Hier die unterhaltsamen Underdogs aus dem Multikulti-Milieu, dort die tollen Talente des Bildungsbürgertums. Bei RTL die Quoten bringenden, oft verletzenden Verbalattacken von Chefjuror Dieter Bohlen, bei ProSieben und im Ersten das aufmunternde, aber auch einlullende Lobgehudel von Stefan Raab und seinen illustren Gästen. Auf der einen Seite der Ex-Knacki Menowin Fröhlich, auf der anderen die dauerfröhliche Abiturientin Lena Meyer-Landrut aus Hannover. Zwei Modelle, die das Volk bewusst als Konkurrenz wahrnehmen soll. Ein Kampf der Kulturen?
So sehen es zwar einige Medienexperten. Doch in Wahrheit sind die Zuschauer schlauer als die Fernsehmacher. Wer die eine Show liebt, muss die andere nicht unbedingt hassen. Das Zielpublikum der 14- bis 49-Jährigen entscheidet sich zwar mit 31 zu 13 Prozent für DSDS. Niemand würde aber annehmen, es handele sich bei der Mehrheit nur um Hauptschulabgänger.
Kerstin Freking schmiss DSDS
Die angehenden Stars wissen zumindest, was besser für sie ist. „Bei Bohlen bin ich mal mit meinem eigenen Song rausgeflogen“, sagt Student Christian Durstewitz, einer der letzten vier Kandidaten für den Eurovision Song Contest in Oslo. „Ich habe bei DSDS nicht reingepasst. Die wollen eine Kunstfigur aus dir formen.“ Auch die Osnabrückerin Kerstin Freking (21) hat sich vor zwei Jahren auf die Superstar-Maschinerie eingelassen. Nach dem Recall habe sie jedoch freiwillig aufgehört. „Ständig wurde ich nach meinem Privatleben ausgeforscht. Total nervig – genauso wie all die Checker und Tussis dort.“
Checker, so der Spitzname des wohl selbstverliebtesten, überheblichsten Kandidaten seit des DSDS-Starts vor acht Jahren, hätte umgekehrt null Chance bei Raabs Gastjuror Adel Tawil. So euphorisch der Erfolgssänger von „Ich + Ich“ der Musical-Interpretin Sharihan Osman bestätigte, ihr „jedes Wort zu glauben“, so kategorisch würde er die Starallüren von Thomas Karaoglan alias Checker ablehnen. Aber auch Menowin (22), der trotz seiner bewegten Vergangenheit eher leise und bescheiden auftritt, weiß: „Ich gehöre zu DSDS. Das ist die einzige Chance, das ist für mich alles.“
Das klingt authentisch, doch dahinter steckt ein perfides Marketingkonzept von Bohlen und Co.: Musikalität ist schön, aber für „Deutschland sucht den Superstar“ nicht das einzige Kritierium. Wer keine zu Tränen rührende Familienstory inklusive gerade verstorbenem Opa, behinderter Tante oder alleinerziehender Hartz-IV-Mutter bietet, dem kann hier nicht geholfen werden. Denn das DSDS-Märchen macht aus vermeintlichen Verlierern mindestens bekannte C-Promis, aus Aschenputtel eine Kurzzeit-Prinzessin.
Prügel einstecken muss dafür nicht nur der, der kaum Töne trifft. Auch wer wie Marcel „Plüschi“ Plüschke erklärt, noch Jungfrau zu sein, wird gnadenlos durch den Kakao gezogen. Auf Kosten eines geifernden Publikums im Saal und in den Wohnzimmern. Wer weiterkommen will, muss Quotenpapst Bohlen huldigen – und wenn es alberne Umarmungen nach jeder harmlosen Kritik sind.
Seriöser Stefan Raab
Vor niveau- und schamlosen Tiefschlägen können die Oslo-Aspiranten sicher sein. Raabs Juroren gefallen durch Sachverstand und Glaubwürdigkeit, auch wenn der ein oder andere gern mal den väterlichen Musikdozenten herauskehrt. Entsprechend motiviert und geerdet geben sich die Kandidaten: „Ich habe hier schon so viel gewonnen, dass es für mich gar kein Problem wäre rauszufliegen“, behauptet Lena.
Kann sie auch leicht sagen, schließlich zählt die kecke 18-Jährige – eine Mischung aus Björk und Nora Tschirner – wie Menowin zu den Publikumslieblingen. Der Unterschied ist nur: Wenn Lena heute beim Halbfinale ausscheidet, wird sie ihr Abi machen und studieren. Ereilt Menowin am Samstag das Schicksal, kann ihm selbst seine Mutter, die bis vor wenigen Tagen eine Haft absaß, nicht helfen. Sondern nur die Bundesagentur für Arbeit.



