Noz
Kontakt

·

Digitalabo

·

Shop

·

Tippspiel

Startseite

|

Willkommen im Netz der Belanglosigkeit - Politikerauftritte im Internet

Schrift
 Drucken  Versenden Empfehlen auf:      


Willkommen im Netz der Belanglosigkeit - Politikerauftritte im Internet

Wo sie zu finden sind und wie man sie einfängt, weiß niemand: Alle Parteien sind auf der Suche nach dem Wechselwähler, der sich vor jeder Wahl neu – und umentscheidet. Und nach jener wachsenden Wählerspezies, die möglicherweise weiß, was und wen sie wählen würde, am Wahltag aber doch zu Hause bleibt. Gefahndet wird per Fernsehspot und Plakat. Und auch im Internet.

 
Solides, aber nicht innovatives Design: Über ihre Homepages und Internetplattformen wie Twitter und You-Tube versuchen die Kandidaten, mögliche Wähler zu erreichen.  Vergrößern

– Anzeige – Ihre Anzeige hier



Meistgelesene Artikel








Vor allem junge Leute – aber eben nicht nur die – verbringen inzwischen täglich mehr Zeit im Internet als vor dem Fernseher. Also muss dem Wähler genau dort aufgelauert werden. Sparsame Kandidaten verinnerlichen sich vor der Pirsch das über 300 Seiten starke Buch „Wahlkampf im Internet. Handbuch für die politische Online-Kampagne“ von Manuel Merz und Stefan Rhein und/oder „Kampagne! Neue Strategien für Wahlkampf, PR und Lobbying“ von Marco Althaus und Vito Cecere.

Etablierte Politiker – zumal die Spitzenkandidaten der großen Parteien – setzen lieber auf Dienstleistungen ebenso etablierter Agenturen. Und so findet zusammen, was derzeit im Wahlkampf unausweichlich zusammengehört: der Homo politicus und sämtliche angesagten Webanwendungen vom Blog über Twitter bis hin zu Portalen und „Social Networks“ wie You-Tube, Flickr, Facebook, StudiVZ und Xing. Dass Netzwerke bis vor wenigen Jahren noch Seilschaften hießen und irgendwie nach Vetternwirtschaft und Stasi rochen, ist eine andere Geschichte. Die klassischen Online-Werbemittel spielen dagegen – zumindest derzeit – keine Rolle bei der Wählerstimmenjagd.

Das erste „Must have“ für ambitionierte Nachwuchspolitiker, Spitzen- und Kanzlerkandidaten ist natürlich die eigene Homepage. Dumm nur, dass die meisten aussagekräftigen Namen schon vergeben sind. www.merkel.de? www.steinmeier.de? Die Domains gehören schon anderen. Der amtierenden Kanzlerin bleibt damit nur die zweitbeste Domain: www.angela- merkel.de.

Die Inhalte ähneln sich

Härter trifft es Steinmeier: Die „privaten“ Seiten des SPD-Kanzlerkandidaten finden sich unter der eher sperrigen Domain frankwaltersteinmeier.de. Einzig Gregor Gysi und Jürgen Trittin sind unter den Platzhirschen direkt unter ihrem Nachnamen zu erreichen, wobei Gysi einfach auf sein Profil unter www.linksfraktion.de weiterleitet. Und Oskar Lafontaine? Der setzt ohnehin auf die Saarland-Wahl Ende August und www.oskar-waehlen.de, was zumindest bei Alt-Genossen Spontan-Assoziationen mit Willy Brandt weckt.

Die Inhalte und irgendwie auch die Optik der Kandidaten-Homepages ähneln sich – genau wie die Homepages der Parteien: Das Design ist solide bis modern, aber nicht innovativ. Schließlich soll niemand erschreckt oder schon auf den ersten Blick mit komplizierten Parteiprogrammen überfordert werden. Die Seiten dienen als Sprungbrett zu Facebook, You-Tube und Co. Nur kleine Parteien fernab der Fünf-Prozent-Hürde stemmen sich vereinzelt noch gegen den Trend in die Belanglosigkeit und hoffen unbeirrt darauf, mit Argumenten statt Parolen überzeugen zu können. Somit gibt es keinen Grund, um auf den Seiten der Etablierten unnütz Internet- und Lebenszeit zu vergeuden.

Wer fundierte Infos zu Parteien, Kandidaten und Themen sucht, ist ohnehin auf anderen Websites besser aufgehoben. Zum Beispiel auf wikipedia.de.

Das wissen auch die Politiker. Oder zumindest deren Beraterstab. Also gehen sie mit ihren Themen dorthin, wo ohnehin das pralle Internetleben tobt: Zum Beispiel auf You-Tube. Was Sender wie CNN und ZDF oder auch der Papst vormachen, machen die Wahlkämpfer nach: Es werden nicht einfach Videos hochgeladen, sondern „Kanäle“ eingerichtet: Die haben dann den Charme von kleinen Fernsehsendern im Partei-Design.

Und irgendwer wird sich die Videos schon anschauen. Dabei ist die CDU der SPD einen Schritt voraus und denkt an die Barrierefreiheit: Das CDU.TV auf You-Tube gibt es auch mit Untertiteln.

Auch auf der teAM-Deutschland-Website (www.team2009.de) ist der CDU kein Mittel fremd: Da findet sich im Downloadbereich zwischen Flugblättern und Logos ein Bundesligaspielplan – schließlich wird der per Google öfter gesucht als das parteieigene Werbematerial. Wer mag, kann den teAM-Deutschland-Song remixen und hochladen oder sich eine Zugfahrt mit Angela Merkel erarbeiten.

Die SPD kontert auf ihrer Kampagne-Seite www.wahlkampf09.de mit einer „mobilen Wahlkampfzentrale“ für das Apple-iPhone an. Sicher fürchterlich hipp. Und wer sich ein iPhone nicht leisten kann oder will, ist doch wohl ohnehin schon an die Linke verloren.

Immerhin kann man mit seiner „Wahlkampfzentrale“ auch gleich die neuesten Twitter-Nachrichten vom Team Steinmeier lesen. Zum Beispiel: „Der Wahlkampf nimmt überall im Land Fahrt auf.“ Aber während die SPD noch Fahrt aufnimmt, ist Merkel schon da: „Die Kanzlerin ist auf Norderney angekommen“, zwitschert es aus dem Netz. Gut zu wissen. Aber wen interessiert das eigentlich?


Mehr zum Thema


 
  Leserkommentare
Schreiben Sie einen Kommentar




Empfehlen auf:  Facebook  Twitter




 Zeitungstitel wählen  Schließen

Wählen Sie Ihren Zeitungstitel: