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Tippspiel„ DDR -Wirklichkeit richtig darstellen“
Als Pfarrer der Nikolaikirche in Leipzig war Christian Führer (66), wie er selbst bescheiden sagt, ständiger Begleiter und Betreuer der Friedensgebete, aus denen 1989 die Montagsdemonstrationen in der damaligen DDR hervorgingen. Mit seinen Predigten für Gewaltlosigkeit hat er in Wirklichkeit der SED-Macht die Stirn geboten und entscheidend zur friedlichen Revolution beigetragen. Heute fordert der evangelische Theologe im Interview mit unserer Zeitung eine DDR -Debatte der Generationen und eine sozialethische Neubesinnung:
Ich denke schon, dass es eine ganze Menge Menschen gibt, die wissen, warum sie damals auf die Straße gegangen sind. In den Köpfen der Deutschen hat sich hingegen noch nicht die Bedeutung des 9. Oktobers 1989 festgesetzt, dieses Kerndatum der friedlichen Revolution, dem jahrelang die Friedensgebete, seit 1982 jeden Montag ohne Unterbrechung, vorausgegangen sind. Nachdem die 70000 Menschen an jenem 9. Oktober im Anschluss an die Friedensgebete zwischen Angst und Hoffnung losgelaufen sind und unbehelligt den Innenstadtring umrunden konnten, war klar: Die DDR ist nicht mehr dieselbe, die sie am frühen Morgen war. Dieser Tag ist identitätstiftend für die deutsche Einheit, ein Alleinstellungsmerkmal in unserer politischen Unheilsgeschichte. Eine friedliche Revolution, eine Selbstbefreiung aus der Diktatur. Das muss noch deutlicher ins Bewusstsein kommen.
Wie muss das geschehen?
Die DDR -Wirklichkeit muss in den Schulen richtig dargestellt werden. Man darf die Aufarbeitung nicht irgendwelchen verklärenden DDR -Kitschfilmen überlassen, sondern muss den Schülern klarmachen, welcher Zwang damals auf den Menschen lastete. Außerdem muss ein Gespräch der Generationen in Gang kommen zwischen den Zeitzeugen und denen, die das damals aufgrund ihres Alters nicht miterlebt haben, damit das Interesse der Jugendlichen geweckt wird. Das hat schon nach dem Ende der Nazi-Diktatur nicht geklappt. Dafür hat sich die 68er-Generation zu Recht empört und hat die Elterngeneration gefragt: Warum schweigt ihr? Die Jugendlichen sind nicht durch dürre Zahlen und Fakten zu begeistern, sondern durch Erlebnisberichte. Man sollte auch nicht mehr den Begriff Wende verwenden, denn der stammt von Egon Krenz.
Hätte man den 9. Oktober zum Tag der Deutschen Einheit wählen sollen?
Das ist der einzige, der dafür infrage kommt. Der 3. Oktober ist ein sinnloses und blutleeres Datum. Es ist der Tag nach dem 2. Oktober, mehr auch nicht. Der 9. Oktober als Erinnerungstag hätte besonders den Ostdeutschen ein Selbstwertgefühl vermittelt. Und es ist zugleich ein gesamtdeutsches und europäisches Datum. Man hat lange genug in Westdeutschland den 17. Juni gefeiert. Aber der ist nun gerade nicht der Tag der Deutschen Einheit, denn er hat zum Mauerbau 1961 geführt, die Lage verschärft und verhärtet. Man hätte dem Staat außerdem eine neue Hymne und einen neuen Namen geben müssen.
Können Sie konkret werden?
Ich kenne kein Volk, das den dritten Vers eines Volksliedes zur Nationalhymne erklärt. Das steht für die alte Bundesrepublik, ist also keine gesamtdeutsche Hymne. Und als gesamtdeutsche Hymne hat sie ihre Berechtigung für alle Zeiten verwirkt durch die Nazis. Wir sind doch das Volk der Dichter, Denker und Musiker. Da hätten wir etwas Besseres zustande bringen müssen. Wir hätten auch einen neuen Namen gebraucht. BRD steht ebenfalls für die Zeit von 1949 bis 1989, nur für einen Teil Deutschlands. So herrscht dort weiter die Vorstellung vor: Anschluss nach Artikel 23 Grundgesetz, es bleibt alles, wie es ist, und geht so weiter mit 17 Millionen Menschen mehr. Wir renovieren mal eben kurz die DDR durch, und dann hat sich das erledigt. Das einzig neue waren die Postleitzahlen und einige Autokennzeichen.
Wäre mit dem kompletten Neuanfang die Mauer in den Köpfen nicht entstanden?
Von vornherein wäre deutlich geworden, dass man nicht die Biografie der einen in Misskredit zieht. Eine neue Identität hätte auch den Verklärungs- und Nostalgieversuchen das Wasser abgegraben.
Für wie gefährlich halten Sie die Äußerung von Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Erwin Sellering, der sagte, in der DDR sei nicht alles schlecht gewesen?
Das ist eine Formulierung, die die Wirklichkeit verzerrt. Wenn man sagt, es war nicht alles schlecht. Dann sage ich, es war noch sehr viel mehr nicht gut. Natürlich hängen sich jetzt alle an solche Formulierungen, die Stasi-Generäle, die ihre Macht verloren haben. Aber es trifft auch Leute aus der Bevölkerung, die durch die westliche Arroganz ihre Biografie in den Dreck getreten sahen und die sich dagegen wehren. Die heute 60-Jährigen waren damals 40 und haben in der DDR ihre Jugend erlebt. Sehr viele in der DDR waren einfache Mitläufer. Die haben ihre Nische ausgestattet, so gut es in der DDR ging, wollten keine Nachteile riskieren und haben sich auf peinliche Weise angepasst. Die versteckten sich hinter dem großen Feigenblatt, indem sie sagten: „Das ging gar nicht anders, man musste zu den Pionieren, zur Jugendweihe und so weiter.“ Da hatte man eine Generalabsolution für sich geschaffen. Das ist zwar menschlich verständlich, aber nicht richtig. Doch dieselben Leute haben ihre gebückte Haltung am 9. Oktober aufgegeben, haben ihre Angst überwunden, haben ihr Leben eingesetzt. Beides muss man zusammen betrachten.
Vermissen Sie den Mut und Aufbruchsgeist von 1989?
Ja. Aber den kann man nicht auf Knopfdruck wiederholen. Heiligabend ist auch nicht jeden Tag. Als Kirchenmann sage ich: Diese Courage und Angstüberwindung brauchen wir heute genauso, den Blick zur Wahrheit. Wir müssen uns für die Jesus-Mentalität des Teilens und für Gerechtigkeit einsetzen. Eine Folge des mangelhaften Zusammenwachsens ist die Ungleichheit bei den Löhnen. Es macht mich wirklich wütend, dass Frauen und Männer und Menschen in Ost und West bei gleicher Arbeit ungleiche Löhne haben. Deshalb ziehen die Leute hier ab. Wir müssen eine andere Wirtschaftsform etablieren, die mehr am Menschen ausgerichtet und nicht ausschließlich profitorientiert ist, ein Stück weit zu verzichten, damit alle Menschen an Arbeit, Einkommen und Wohlstand beteiligt werden. Der zweite Teil der Revolution steht uns noch bevor. Wir brauchen jetzt eine sozialethische Neubesinnung, eine solidarische Ökonomie, die Verantwortung praktiziert, und müssen dafür eintreten, dass der soziale Rechtsstaat durch regulierende Maßnahmen eine Wirtschaft im Dienst am Menschen schafft. Dazu genügen nicht einige Appelle mit unerträglich ausgewogenen Verlautbarungen. Mit Inhalten und Werten müssen wir alle in Bewegung bringen, weil es alle angeht. Wie zur friedlichen Revolution 1989.
Das klingt nach Parolen der Linkspartei...
Ich lass mir kein Etikett von links oder rechts anhängen. Selbst die Banken haben ja gezeigt, dass das herrschende System nicht zukunftsfähig ist.





05.02.2011
