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TippspielMit ,,Lassie" und ,,Pipi" fing alles an
Alles neu macht der April: Nach Maria Furtwängler, Andrea Sawatzki und Jörg Schüttauf gibt an diesem Sonntag mit Eva Mattes das vierte neue ,,Tatort"-Fahndergesicht der ARD ihr Debüt. Als in Konstanz stationierte Hauptkommissarin Blum wird sie künftig Mordfälle am Bodensee lösen. Noch bevor der erste ,,Tatort" mit Klara Blum ausgestrahlt wird, ist der dritte schon fast im Kasten: Am Rande der Dreharbeiten zu ,,Stiller Tod" (Sendetermin 2003) unterhielt sich Eva Mattes mit unserer Zeitung über ihre Anfänge als 12-jährige Synchronsprecherin des Jungen Timy in der US-Fernsehserie ,,Lassie", über eine Kommissarin mit Herz und den Unterschied zwischen Fernsehen und Theater:
"Ja, ich habe damals den kleinen Jungen Timmy Martin synchronisiert, habe ihm meine Stimme gegeben. Davon habe ich damals 250 Folgen gemacht, das waren jeden Monat zwei Wochen harte Arbeit, immer von morgens bis abends. Das Ganze hat sich über zwei, drei Jahre hingezogen."
Das grenzt ja an Kinderarbeit.
"Ich habe damals tatsächlich sehr viel synchronisiert. Bei ,,Pippi Langstrumpf" hatte ich gleich zwei Jobs: Für die Fernsehserie habe ich die Pippi gesprochen, und in der Kinofassung den Tommy. Überhaupt habe ich häufig Jungs synchronisiert, weil ich so eine brüchige Stimmbruchstimme hatte. Das war für mich ein großer Spaß, ein riesiges Vergnügen."
Andere Kinder machen mit zwölf Jahren ganz andere Sachen.
"Ja, aber ich wollte das ja machen. Mit zwölf wusste ich schon seit ein paar Jahren, dass ich Schauspielerin werden will. Ich hatte nichts anderes im Sinn, und da meine Mutter auch Schauspielerin war, kam ich natürlich gut an solche Aufgaben heran. Ich habe auch schon mit zwölf im Theater auf der Bühne gestanden. Der Wunsch war so intensiv, dass er einfach in Erfüllung gehen musste, auch ohne Schauspielschule."
Ihre erste Theaterrolle...
"...das war in München im großen Haus der ,,Kleinen Komödie", ein sehr schönes Stück: ,,Dr. med Hiob Prätorius" mit Carl-Heinz Schroth in der Hauptrolle und als Regisseur. Da habe ich ein kleines sechsjähriges Mädchen gespielt, obwohl ich schon zwölf war. Ich konnte mich damals schon auf sechsjährig trimmen, mich vom Spiel her, von der Vorstellungskraft so verstellen, dass niemand auf die Idee kam, dass ich vielleicht schon zwölf bin und einen Minirock trage."
Schule war also Nebensache?
"Schule lief mehr oder weniger nebenher. Ich habe noch ein paar Ansätze gemacht, um auf eine gute Schule zu gehen und wenigstens eine Mittlere Reife hinzukriegen, aber nachdem das mit der Arbeit dann so einfach voranschritt, hatte sich das erledigt. Ich habe fast pausenlos Theater gespielt, sehr viel synchronisiert, dann kam mein erstes Filmangebot und schließlich auch noch Fernsehen. Irgendwann habe ich dann einfach beschlossen: Ich höre jetzt auf mit der Schule. Die Diskrepanz zwischen mir und den Schülern war auch zu groß geworden, weil ich ja nur noch mit Erwachsenen zusammen war und in einer ganz anderen Welt lebte. Das war für mich sehr schwierig, deshalb habe ich mich in der Schule auch immer etwas kleiner gemacht, damit ich nicht so abgehoben war."
Und nun, 35 Jahre nach Timmy Martin, die Klara Blum. Ich hätte Sie mir eigentlich nie in der Rolle einer ,,Tatort"-Kommissarin vorstellen können.
"Das ging mir genauso. Ich war auch sehr überrascht über dieses Angebot. Dann aber fand ich es sehr reizvoll, dass eine Rolle speziell für mich geschrieben wird. Dabei kann ich sicher auch noch etwas lernen. Man kann alles in sich selbst finden – die Kommissarin genauso wie die Mordgelüste."
Sie haben also die Figur der Klara Blum mitgestaltet?
"Ja, das tue ich. Stefan Dähnert, der die erste Folge geschrieben hat, und Dorothee Schön, von der die beiden nächsten kommen, und auch Fred Breinersdorfer, der meinen vierten ,,Tatort" schreibt, habe ich alle getroffen. Mit Stefan Dähnert, der ja auch in Berlin lebt, habe ich häufig zusammengesessen, um herauszufinden: Was ist das für eine Figur, was hat die mit mir gemeinsam? Dabei hat sich herausgestellt, dass Klara Blum so wie ich sehr fraulich sein soll."
Was hat Klara außer dem Fraulichen noch mit Ihnen gemeinsam?
"Das Spontane, das Emotionale und das Bedingungslose. Wenn sie etwas tut, dann tut sie das richtig. Die ist dann in einem Fall so drin, dass sie das von oben bis unten beschäftigt und sie den Tag zur Nacht macht. So arbeite ich auch, denn sonst macht’s ja gar keinen Spaß."
Ihr Auftreten in der ersten Folge, mit diesem Blümchenkleid und der Jeansjacke drüber, ist nicht gerade ,,polizei-like".
"Überhaupt nicht, und gerade das mochte ich ja so gerne. Ich habe immer gedacht: Klara muss im ersten ,,Tatort" ein Kleid anhaben, weil es sich einfach anbietet. Eine Frau, die hier lebt, die hier den Sommer verbringt, wenn’s richtig warm wird, die hat nun eher mal ein Kleid an. Und da der ,,Tatort" ja mit einem Sommerfest anfängt, hat das Kleid nun wirklich seine Berechtigung. Aber das ist keine Gemeinsamkeit – privat trage ich nur Hosen. "
Es gibt eine Szene, in der Sie während der Mörderjagd an der Spitze eines Polizeitrosses den Wagen stoppen und mit ihrem Film-Ehemann und Vorgesetzten beginnen, die Beziehung auszudiskutieren. Das ist ja Lichtjahre von der Wirklichkeit entfernt.
"Genau das ist meine Lieblingsstelle. So ein ,,Tatort" bleibt immer Fiktion, das ist doch keine Dokumentation über die Polizei. Die Fälle sind zwar sehr genau recherchiert, aber trotzdem muss es doch spielerisch bleiben. Deshalb lieben die Leute den ,,Tatort" ja so."
Lässt der ,,Tatort" bei Ihnen das Pendel jetzt vom Theater stärker Richtung Fernsehen ausschlagen?
"Ich mache schon im Herbst die nächste Theaterproduktion mit Peter Zadek am Akademietheater in Wien: ,,Die Nacht des Leguans„ von Tennessee Williams. Und da freue ich mich sehr drauf. Natürlich werde ich weiter Theater spielen, aber ich tue es ja schon seit einigen Jahren nicht mehr so intensiv wie ich es davor 20 Jahre lang gemacht habe."
Zum Unterschied zwischen Theater und Fernsehen...
"Das sind zwei völlig verschiedene Medien. Bei Fernsehen oder Film ist es erst einmal die Kamera, für die man agiert. Das Publikum verbirgt sich hinter der Kamera, aber beim Drehen denkt man nicht an das Publikum. Das ist eine andere Intimität. Wenn die Kamera mein Gesicht ganz groß im Bild hat, werde ich nicht furchtbar laut sprechen und alles nach außen verteilen, sondern ich kann viel mehr nach innen gehen. Wobei ich das beim Theater auch mache, wenn auch mit anderen Mitteln. Besonders in Inszenierungen von Zadek zeigt sich, dass man auch auf der Bühne ganz stille Momente haben kann. Und dennoch: Beim Theater hat man immer den Raum dabei, das ist eine ganz andere Körperlichkeit: Es riecht, hat einen Holzboden, es ist alt, es hat ein Publikum. Das heißt, der ganze Raum spielt mit."
Das klingt, als ob das Theater die größere Leidenschaft wäre.
"So kann man das auch wieder nicht sagen. Wenn ich lange Theater gespielt habe, kriege ich furchtbare Sehnsucht zu drehen. Und wenn ich viel drehe, denke ich: Ich muss ins Theater, ich muss es wieder riechen."
Eva Mattes
wurde am 14. Dezember 1954 in Tegernsee geboren. Sie ist Tochter der Schauspielein und Tänzerin Margit Symo und des Dirigenten und Komponisten Willy Mattes, die sich allerdings scheiden ließen, als Eva drei Jahre alt war. Das Mädchen wuchs bei der Mutter auf, übernahm schon sehr früh Theaterrollen und hunderte von Synchronisations-Jobs für Film und Fernsehen. 1966 bekam sie ihre erste Fernsehrolle und schon als 15-Jährige wurde sie für ihre Rolle in Michael Verhoevens Anti-Vietnamfilm ,,o. k.„ mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichnet. Nach Fassbinders heftig umstrittenen Fernsehfilm ,,Wildwechsel„ erhielt sie diese Auszeichnung ein zweites Mal, später kamen zahlreiche weitere, darunter das Bundesverdienstkreuz, hinzu. Rainer Werner Fassbinder, mehr aber noch Peter Zadek gehörten zu den Regisseuren, die Mattes prägten und mit denen sie häufig zusammenarbeitete. Bis heute pendelt sie zwischen Theater, Kino, Fernsehen, wobei die Kritik sie nahezu durchgehend feierte. Eva Mattes lebt seit zehn Jahren in Berlin und ist Mutter von zwei Kindern, Hanna-Marie und Josef.




04.04.2012
