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TippspielWo vor dem Internetcafe die Schafe blöken
Von Waltraud Messmann
Osnabrück
15000 Kilometer lagen vor Jörn Witt (21) und Hagen Benckendorff (22), als sie Anfang Februar mit ihren Fahrrädern von Eckernförde nach Indien aufbrachen. Mit ihrer Aktion unter der Schirmherrschaft des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (UNICEF) wollen die beiden Geld für den Kampf gegen Kinderarbeit sammeln. Jetzt scheint es, als würden die beiden Pedalritter die Spender überholen: Fast 5000 Kilometer legten sie bereits zurück. 5900 Mark gingen bisher auf dem Konto der UNICEF ein.
Montezumas Rache traf Hagen wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Bei strahlendem Sonnenschein und Temperaturen um 22 Grad holte die Durchfallerkrankung den Eckernförder kurz vor Samsun an der türkischen Schwarzmeerküste aus dem Sattel. Über mangelnde Pflege kann sich der 22-Jährige <>aber auch fern der Heimat nicht beklagen. ,,Die Gastfreundschaft der Türken ist einfach grandios", schwärmte er in einem Telefongespräch mit unserer Zeitung. ,,Wenn wir jede Einladung angenommen hätten, wären wir wohl jetzt noch in Istanbul."
In der Stadt am Bosporus hatten die beiden Nordlichter einige Tage zuvor den Übergang vom Okzident zum Orient erlebt: Während sie in einem InternetcafÉe in der Altstadt ihre E-Mails nach Deutschland versandten, blökte davor eine Herde Schafe. Die Tiere fanden kurz vor dem religiösen Kurbanfest reißenden Absatz. Denn nach alter Tradition werden sie aus diesem Anlass geschlachtet und ihr Fleisch an die Armen verteilt.
Dass der Standort manchmal auch die Sicht der Dinge bestimmt, erfuhren Jörn und Hagen in Istanbul am eigenen Leib: Der Sieg von Galatasaray Istanbul über Borussia Dortmund wäre in Deutschland für sie ein Grund zur Trauer gewesen. Hier aber entpuppte er sich als Segen: ,,Das brachte die Türken noch besser drauf", meinte Hagen und freute sich mit.
Doch schon wenig später wartete auf die Norddeutschen ein Stimmungstief: Auf einer Straße, die laut ihrer Karte gut befahrbar sein sollte, versanken sie samt Fahrrad im Schlamm. Da erwies sich der Türke Osman Uslu, der 22 Jahre in Hamburg gearbeitet hatte, als rettender Engel. Er entdeckte die Gestrandeten bei Einbruch der Dunkelheit in der feuchten Wüste und verfrachtete sie auf seinen Traktor. Daheim bei Uslu standen dann ein üppiges Abendessen und ein weiches Bett bereit. Doch auch wenn sich mal kein Gastgeber findet, leiden Jörn und Hagen keine Not: Für eine einfache Unterkunft zahlen sie in der Türkei 7 bis 14 Mark pro Nacht. Das köstliche Weißbrot schlägt pro Laib mit nur 50 Pfennig zu Buche.
,,Abgezockt" fühlten sich die beiden Deutschen dagegen in ,,Bella Italia". ,,Noch nicht mal Jugendherbergsstandard" hatten einige Zimmer, die ihnen an der Adriaküste für 40 Mark angeboten wurden. ,,Die haben uns wohl für Touristen gehalten", sagte Hagen etwas <>enttäuscht. Auch in der Lagunenstadt Venedig erhielten sie eine Lektion: ,,Nach der 20. Brücke, über deren Stufen wir das mit Gepäck gut 50 Kilo schwere Rad tragen mussten, wussten wir, dass man hier zu Fuß besser dran ist", gestand Hagen ein.
Doch schon bald machte das Radfahren wieder Spaß: Mit der Fähre vom italienischen Brindisi im griechischen Patras angekommen, traten sie auf der alten Nationalstraße, die sich am Wasser entlang über den Peloponnes nach Korinth und von dort bis nach Athen schlängelt, in die Pedale. Hektik und schlechte Luft in der griechischen Hauptstadt schlugen die beiden Weltenbummler dann aber bald in die Flucht: Erleichtert atmeten sie nach drei Tagen Stadt die frische Luft der griechischen Bergwelt ein. Für die mühevolle Fahrt über das Gebirge wurden sie göttlich belohnt: Der Olymp zeigte sich ihnen wolkenfrei vor tiefblauem Himmel.
Auch an der türkischen Schwarzmeerküste spielte das Wetter mit: Obwohl die Region zu den niederschlagsreichsten der Türkei zählt, fällt kein einziger Regentropfen. Bei so viel Glück sind auch die vier ,,Plattfüße" vom Vortag schnell vergessen. Hat Hagen seine Entscheidung, die strapaziöse Tour zu machen, überhaupt schon einmal bereut? ,,Nein", sagte er, ,,ich möchte keinen Tag missen." Dann nach einer kurzen Pause: ,,Nur meine Freundin Randi vermisse ich sehr." (UNICEF-Konto bei der Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 37020500, Kontonr. 8330000, Stichwort ,,Indien-Fahrrad")





09.02.2011
