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Weiße Sänger aus der Taiga
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Quelle: Neue Osnabrücker Zeitung 18. Februar 2009 00:00 Uhr


Weiße Sänger aus der Taiga

„Helsinki EJ0782“ hat es nicht eilig. Der Winter ist noch lang, und Hektik kostet wertvolle Energie. Also zieht er gemächlich über einen winterlichen Maisacker bei Meppen, zupft mal hier an vergessenen Maiskolben, liest mal da ein Korn auf. Genauer gesagt: „Helsinki EJ0782“ wankt über das Land, ganz nach Schwanenart.

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Ab und zu näselt der schneeweiße Vogel an diesem kalten Februartag ein leises, blechernes „ang ang“ in die Luft. Seine Partnerin und die Jungtiere aus dem Vorjahressommer antworten abwechselnd, immer eine Tonlage tiefer oder höher. Die Tiere halten Kontakt, majestätisch, souverän.

Für den Osnabrücker Diplom-Biologen Axel Degen ist „Helsinki EJ0782“ ein Glücksfall: Vor 13 Jahren war der Singschwan aus dem Ei geschlüpft – in der Provinz Häme, 1350 Kilometer entfernt von Meppen im Süden Finnlands. Weil andere Biologen ihn dort beringt haben und „Helsinki“ immer mal wieder beobachtet wurde, lässt sich sein Lebensweg über die Jahre verfolgen. Der Schwan ist regelmäßiger Wintergast im Emsland, das für ihn und viele nahe verwandte Zwergschwäne zu einem der wichtigsten europäischen Rückzugsgebiete in der kalten Jahreszeit geworden ist. In diesem Jahr führen er und seine Partnerin neun grau gefärbte Jungschwäne – mehr Nachwuchs geht nicht. Wenn Singschwäne im späten Frühling mit der Brut beginnen, lieben sie die Einsamkeit der nordischen Taiga und trotzen dem rauen Wind. Fliegen sie aber mit dem ersten Frost in den „warmen“ Süden, pflegen sie die Geselligkeit. Meistens finden sich dann 50 bis 100 Sing- oder Zwergschwäne zusammen und verbringen den Winter in Westeuropa. Den morgendlichen Flug zum Futterplatz intonieren sie intensiv -manch ein Zuhörer fühlt sich an entferntes Glockengeläut erinnert.

Bis zu 500 Schwäne zusammen

Manchmal, selten nur, versammeln sich auch 500 Schwäne auf einen Schlag. Immer gilt: Die Familie ist die größte Einheit – nur sie bleibt bis zum Rückflug in den hohen Norden zusammen. Wenn viele Schwäne auf einem Acker sitzen, besteht die Gruppe deshalb stets aus Familien, Paaren und unverpaarten Tieren. Die Familie von „Helsinki EJ0782“ beobachtet Axel Degen also gerade auf dem Maisacker an der Süd-Nord-Straße in Meppen-Versen. Früh am Morgen war er in Osnabrück in seinen schwarzen VW Touran gestiegen und hatte eine Art „Tour de Schwan“ gestartet. Der Biologe will wissen, wie viele Schwäne an diesem Tag gleichzeitig im Emsland Rast machen, und jagt den stolzen Nordvögeln deshalb hinterher, von Süd nach Nord.

Wenn Axel Degen Schwäne zählt, muss es schnell gehen. Seit 1995 beobachtet er im Wechsel mit seinen Kollegen Norbert Fehrmann aus Niederlangen im Emsland und Werner Schott aus Belm bei Osnabrück die weit gereisten Gäste – und zwar ehrenamtlich und im Winter einmal pro Woche. Ihre Daten stellen die drei den Naturschutzbehörden oder für Forschungsprojekte zur Verfügung.

An diesem Tag hatte Degen seine Inspektionstour im Lohner Bruch begonnen und ganze fünf Singschwäne gezählt. Jetzt, um 11 Uhr vormittags, hat er bekannte Rastplätze in Dalum, Hesepe und Rühle abgefahren und ist über die Süd-Nord-Straße in Neuversen angekommen. An jeder Station montiert er sein Spektiv auf der halb heruntergefahrenen Seitenscheibe seines Autos. „Für die Schwäne sind die Futterreste auf den Mais- und Kartoffeläckern ein Festmahl“, sagt Degen, während er „Helsinki EJ0782“ und seine Schar im Blick behält.

Die Tiere haben sich an Autos gewöhnt, watscheln allenfalls ein paar Schritte zur Seite, wenn eines allzu aufdringlich auf den Grünstreifen prescht. Vor ein paar Tagen hatte Degen diesen Umstand genutzt und im Auto mehr als zwei Stunden lang auf jenen Augenblick gewartet, in dem „Helsinki“ seinen kleinen Fußring so präsentierte, dass er aus der Ferne abzulesen war. Eine Annäherung zu Fuß macht keinen Sinn: Vor Menschen fliehen die Vögel, wenn die Distanz zu klein wird.

„Weil das Ablesen der Fußringe so schwierig ist, werden Schwäne häufig mit gelben oder blauen Halsringen markiert“, sagt Degen, der deutschlandweit diese Beringungsaktionen durchführt. Aber „Helsinki“ hat seinen Ring schon vor langer Zeit verloren und stellt seine Beobachter deshalb Jahr für Jahr auf eine harte Geduldsprobe. 257 Schwäne hat Degen in den norddeutschen Überwinterungsgebieten bisher markiert. Der Lohn für die mühevolle Arbeit: etwa 30000 Ablesungen aus ganz Europa – Daten, die über das Woher und Wohin der Vögel Auskunft geben und das Wissen über sie vergrößern.

Schwäne werden registriert

Degen hat jetzt genug gesehen, startet den Motor und fährt weiter. Auf einem Acker ganz in der Nähe verteilt sich eine Gruppe Schwäne auf mehreren Hundert Quadratmetern und schnabuliert Erntereste. Der Biologe beginnt zu zählen. Klick, klick, klick, er muss aufpassen. Erwachsene Singschwäne zählt er im Kopf, die grauen Jungvögel registriert er per Zähluhr mit der rechten Hand. Für die Zwergschwäne benutzt er eine zweite in der linken Hand.

Immer wieder mal schweben neue Schwäne auf bis zu zwei Meter umspannenden Schwingen ein. Dann ertönt ein lautes, posaunig geschmettertes Triumphgeschrei. Wollen Schwäne dagegen wieder abfliegen, was bei acht bis 15 Kilogramm Fluggewicht einigen Aufwand bedeutet, bereiten sie sich mit einer Folge von spitzen Silben und intensivem Kopfnicken auf den Start vor. „Die Familien müssen sich synchronisieren, um gleichzeitig abheben zu können“, erklärt Degen. Der Vorgang kann vor dem abendlichen Abflug zum Schlafplatz auch mal eine Viertelstunde dauern – ein so wichtiger Entschluss braucht offensichtlich Zeit.

Während Degen also das Zählgerät warmklickt, nehmen die Schwäne immer weniger Notiz von ihrem Beobachter. „39 adulte und ein junger Sing-, 70 adulte und sechs junge Zwergschwäne“, notiert der Biologe in einem kleinen Notizbuch. Keine fünf Minuten hat die Aktion gedauert. Motor an, weiter geht’s. Über Wesuwe, Haren, Landegge, Niederlangen eilt der Beobachter nach Dersum, will auf jeden Fall am Ende seiner Tour Neubörger und Wippingen noch bei Tageslicht erreichen, um Sing- und Zwergschwäne sicher unterscheiden zu können. Immer wieder klicken die Zählgeräte. In Borsum trifft Degen auf eine Riesengruppe: 522 Zwergschwäne an einem Fleck. „Bei dieser seltenen Schwanenart ist das schon etwas Besonderes“, freut sich Degen.

Insgesamt zählt der Biologe an diesem Tag emslandweit 868 Zwerg-, 375 Sing- und 145 Höckerschwäne, dazu nebenbei auch mehr als 1000 Saatgänse, Bläss- und Graugänse, eine Kurzschnabelgans, einen Silberreiher und zwei Kornweihenweibchen. Mit der heraufziehenden Dunkelheit zieht es die Schwäne zurück zu ihren Schlafgewässern – Altarme der Ems, Baggerseen oder Moore, wo nun bis zum Morgengrauen stets ein leises, aber vielkehliges „ang ang“ zu hören ist. Ein paar Wochen noch, dann haben die Biologen ausgezählt. Spätestens Mitte April ziehen die letzten Schwäne ab und fliegen zurück in den Norden wo sie – irgendwo zwischen Island und Sibirien – eine neue Brut beginnen.


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