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„Ein bisschen Abenteuer schadet nicht“

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„Ein bisschen Abenteuer schadet nicht“

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Scheinbar unbekümmert verlagern heutige Kinder und Jugendliche einen Teil ihres Soziallebens ins Internet, während ältere Generationen sorgenvoll und ratlos zuschauen. Ist die virtuelle Selbstdarstellung wirklich so schlimm? Der Hannoveraner Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann beschäftigt sich schon lange mit den Bedingungen, unter denen Kinder im digitalen Zeitalter aufwachsen. Er gesteht ihnen eine eigene Kompetenz im Umgang mit ihrer medialen Kultur zu.
Wie kommt es, dass junge Menschen im Umgang mit dem Internet so sorglos sind und dort so viel von sich preisgeben?
Junge Menschen sind überhaupt sehr vertrauensselig. Sogar dann, wenn sie pubertär ganz verschlossen wirken, warten sie nur darauf, dass jemand sie so anspricht, dass sie ihre Seele ein bisschen entlasten können – solche erwachsenen oder gleichaltrigen Gesprächspartner finden sie aber meist nicht. Da ist das Internet wie ein willkommenes Angebot: Ja, hier kann ich alles von mir preisgeben und bin trotzdem vor Bevormundung von Erwachsenen oder von Rivalität oder gar Mobbing weitgehend geschützt. Vor allem wenn man die Anbaggerei mancher Männer im Teenie-Chat verfolgt, ist es geradezu herzzerreißend zu sehen, wie intensiv sie auf jede einfühlende oder Einfühlung vorspiegelnde Reaktion antworten.

Ist die junge Generation naiv, oder passt sie sich nur besser einer neuen Realität von Öffentlichkeit an?
Das ist ein weiterer Aspekt: Sie sind Kinder, auch mit 14, 15, und insofern naiv. Aber sie haben, wie die nachwachsende Generation immer schon, eine Intuition für das Kommende. Die Form der Kommunikation, des Austausches und das Wissen über digitale Übertragungsräume dominiert schon heute das Wirtschaftsgeschehen und durchdringt unsere Kultur. Die Jugendlichen üben sich – unbewusst – darin ein.

Welche Folgen für das Selbstbild kann diese öffentliche Zurschaustellung der eigenen Identität haben?
Fatale. Zur seelischen Verfassung moderner Jugendlicher gehört auch, dass sie viel mehr als frühere Generationen auf ihr „Außenbild“ achten, möglichst perfekt vor anderen in Erscheinung treten wollen. Sie sind geradezu auf Repräsentation von Fähigkeiten und Aussehen gedrillt. Wenn sie bemerken, dass sie über ihre Aktivitäten im Netz vorgeführt werden, wird ihr Selbstgefühl ernsthaft erschüttert. Die Tatsache, dass die Kontakte im Netz unübersehbar sind und Informationen im Netz schier unsterblich, macht die Sache umso schlimmer.

Welche positiven Ansichten gibt es in der Psychologie über soziale Netzwerke? Welche Vorteile bringt diese Form der Kommunikation?
Sie hat einen Zug ins Freie, Ungebundene. Weltweit zu kommunizieren schafft einen Raum, in dem ich aus der beengenden Norm der Alltagswelt, der Familie und Schule heraustrete. Im Chat erfinde ich mich außerdem in verschiedenen Identitäten – nicht unbedenklich! – , aber zugleich findet hier eine Plastizität von Selbsterfahrung statt, die es vor der digitalen Technik nicht gegeben hat.

Welcher Umgang mit diesen Foren ist der richtige?
Distanziert und mit so viel Selbstreflexion, wie man das als Jugendlicher oder als Kind eben aufbringen kann. Freunde im Netz sind keine wirklichen Freunde, hier herrscht eine Intimität, der ein großes Maß an Fremdheit beigemischt ist – es ist eine neue Art der Kommunikation und mit sozialem Verhalten im Alltag nicht zu verwechseln. Im Netz kann ich mich auf eine Weise darstellen, die nur teilweise oder gar nicht meiner Realität entspricht – das macht natürlich Spaß, ich darf aber nicht auf mich selber hereinfallen. Netz-Kommunikationen haben immer viel damit zu tun, dass man sich selber ideal darstellt - aAls Spiel mit dem „Ich“ ist das ganz lustvoll, aber ich muss begreifen: Das ist nur ein Teil-Ich, meine ganze Person ist viel komplizierter und viel weniger perfekt.

Können Sie Eltern, die sich sorgen, beruhigen?
Ja. Im Chat mögen Mädchen manchmal auf sexuelle Seiten oder sexualisierte Ansprachen treffen – seelisch gesunde Mädchen sind dadurch keineswegs traumatisiert. Kinder sind seelisch ganz schön stabil, sie können solche Erlebnisse durchaus einordnen, und ein bisschen grenzüberschreitendes Abenteuer schadet nicht. Bei seelisch gefährdeten Kindern sieht es allerdings anders aus. Chatten und Computerspiele sind Training auf eine Berufs- und Kulturwelt der Zukunft, wir können unseren Kindern die Zukunft nicht verbieten. Also Vorsicht mit dem ewigen Geschrei nach Kontrolle und pädagogischer Überwachung. Junge Menschen finden für ihre medial-digitale Kultur eigene Wege des Umgangs und der Verarbeitung.

Zum Weiterlesen: Bergmann, Wolfgang: DigitalKids. Kindheit in der Medienmaschine, Beust-Verlag. Und: Kleine Jungs – große Not. Wie wir ihnen Halt geben, Beltz-Verlag.



 
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