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TippspielChronist einer kranken Gesellschaft
Henning Mankell - Reise in Hölle und Paradies, Arte, 23. 15 Uhr
Die Statistik entlarvt den Roman als Reißer: Nur alle 20 Jahre gibt es in der südschwedischen Hafenstadt Ystad einen Mord. Doch wenn man die Bücher des erfolgreichsten Krimiautoren der Gegenwart, Henning Mankell, liest, dann müsste Ystad nahezu entvölkert sein - seine Bewohner durch grausame Verbrechen dahingerafft oder wegen Mordes für den Rest des Lebens hinter Gitter geschickt.
Denn wenn Mankells Kommissar Kurt Wallander ermittelt, dann hat es meist kräftig gerummst: Mal bringt eine Frau gleich serienweise Männer um, weil diese zuvor Frauen misshandelt haben; im nächsten Buch müssen gleich acht Menschen sterben, bevor der Täter dingfest gemacht wird.
Zum Gefallen des deutschen Publikums: Wenn nicht gerade Harry Potter die Bestsellerlisten beherrscht, dann sind es die Krimis von Henning Mankell. So steht auch sein letzter Roman ,,Der Mann, der lächelte" seit Wochen auf Rang eins der Büchercharts, insgesamt hat der Autor schon über drei Millionen Bücher verkauft. Und der ,,Stern" präsentiert mit Freude den jüngsten Blutrausch als Vorab-Abdruck. Von November an will das ZDF die in Schweden bereits als Straßenfeger bewährten Mankell-Verfilmungen am späteren Sonntag Abend präsentieren – auf den Sendeplatz um 20. 15 Uhr verzichtete der Sender, weil die Filme zu blutrünstig sind. Als Einstimmung darauf zeigt der Kulturkanal Arte heute Abend ebenfalls zu später Stunde ein hochinteressantes Porträt des außergewöhnlichen Autoren Mankell.
Nicht unbedingt dessen oft grausamen Szenarien haben die Krimis zum Kult gemacht, sondern vor allem die präzise und gefühlvolle Beschreibung des traurigen Helden Kurt Wallander, den stets eine mörderische Melancholie umgibt. Der Kommissar ist alles andere als ein Supermann, vielmehr hadert er ständig mit sich selbst und seinen körperlichen wie psychischen Schwächen. Im ,,Mittsommermord" ist er gar so krank, aufgequollen und bleich, dass ihm ,,der Anblick seines Spiegelbilds Übelkeit bereitet".
Immer kranker erscheint beim Blick durch Wallanders Augen auch die schwedische Wirklichkeit, in der sinnlose Gewalt alltäglich wird. Dem Kieler Filmemacher Wilfried Hauke sagt Mankell dazu: ,,Es ist eine uralte Tradition, den Zustand einer Gesellschaft durch das Verbrechen zu beschreiben". So gesehen mache er ,,im Kleinen nur das, was Shakespeare oder die alten griechischen Dichter auch getan haben".
Hauke lässt Mankell durch Originalschauplätze wie die Ystader Hafenstraße ,,Hamgatan" spazieren, und er hat diverse Szenen aus dessen Büchern von Schauspielern nachstellen lassen – allerdings mit einigen Schwächen: So erscheint der kranke und übergewichtige Wallander in Haukes Film als drahtiger Mittvierziger, statt des ewig kaputten Peugeot fährt er einen Volvo. Und schließlich erscheint das im Buch ,,Die fünfte Frau" nach wochenlanger Folter abgemagerte Mordopfer in Haukes Film als fettleibige Leiche.
Interessanter daher vielleicht das andere Gesicht des Henning Mankell: Auch wenn er seine Krimis im heimischen Schweden ansiedelt, lebt der mit Ingmar Bergmans ältester Tochter Eva verheiratete Autor schon seit 1980 überwiegend im 12 000 Kilometer entfernten Mosambik. In diesem vom Bürgerkrieg zerrissenen Land wohnt er in einer unscheinbaren Wohnung mitten in der Hauptstadt Maputo. In diesem Moloch arbeitet er als Dramaturg und Regisseur im ,,Teatro Avenida", hier hat er aus Laiendarstellern eine professionelle Truppe aufgebaut, mit der er Festivals in aller Welt besucht. Und hier schreibt Mankell nicht nur die Wallander-Krimis, sondern auch seine anderen Bücher – wie die ,,Kindliche Komödie" (deutscher Titel: ,,Der Chronist der Winde"). Darin geht es um einen afrikanischen Straßenjungen, der vom Bürgerkrieg aus der Provinz in die Großstadt gespült, dort angeschossen wird und nach einer quälenden Woche auf dem Dach eines Theaters stirbt. Doch zuvor erzählt er einem Bäcker, der ihn dort zufällig gefunden hat, die Geschichte seines kurzen Lebens.
Auch solche Bücher haben Mankell in Schweden zu einem Mann gemacht, dessen Popularität der von Königin Silvia kaum nachsteht. Und wahrscheinlich übertreibt Eva Bergman nicht, wenn sie über ihren Mann sagt: ,,Er ist ein Held, weil er sich nicht abwendet von den großen Fragen unserer Zeit, weil er Stellung nimmt: Wie halten wir’s mit der Dritten Welt? Was machen wir mit denen, die nicht privilegiert sind? Henning hat sich zu deren Ritter gemacht und kämpft für sie". Aber dann sagt sie auch: ,,Henning ist ein Mensch, der ungeheure Kräfte in sich hat. Ich weiß gar nicht, ob es gut ist, solch ein Mensch zu sein". Und das klingt schon wieder ganz nach Kommissar Wallander.





