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Tippspiel„Ein bisschen böse schreiben – das ist der Reiz“
Auf das rauchige Hinterzimmer einer Kneipe hatte Benjamin Ohloff keine Lust. „Dort hätte ich bei irgendeinem Ortsverein über Politik schwadronieren können“, sagt der 34-Jährige. Denn mit dem Zeitgeschehen wollte er sich gern mehr beschäftigen. Doch dann entdeckte Ohloff einen völlig rauchfreien Raum für seine Gedanken: Immer, wenn ihm etwas gegen den Strich geht, lässt er das nicht am Stammtisch ab, sondern tippt es in seinen Computer.
„Politische Angebote im Internet stecken hier zu Lande noch in den Kinderschuhen“, hat Ohloff festgestellt. Anders als in den USA schreiben deutsche Blogger vor allem über private Themen. Deshalb sind Leute wie der Berliner noch Pioniere: Ohloff hat Geschichte studiert und arbeitet heute für eine Internetfirma. Mit seinen „berliner-anmerkungen“ hat er eine neue Art entdeckt, sich mit Politik zu beschäftigen. „Das ist ein spannender Prozess: Wenn ich zu einem Thema schreiben will, muss ich mir erst einmal bewusst machen, was meine Haltung zu dem Thema ist“, sagt Ohloff.
Das geschriebene Wort gibt mehr Zeit nachzudenken, darf aber gern so spöttisch formuliert sein wie am Stammtisch. „Über einen Blog bringt man sich immer subjektiv ein“, betont Igor Schwarzmann. Der Politikstudent äußert sich bei www.lautgeben.de nur zu Themen, die ihn gerade beschäftigen.
Auch wie Schwarzmann seine Sicht der Dinge formuliert, bleibt ihm überlassen. „Häufig ist so ein Beitrag ein bisschen ironisch und böse, das ist ja der Reiz“, sagt der 22-Jährige. Weil sich Kommentar und Information durchmischten, könnten Blogs aber zum Beispiel Zeitungen keine Konkurrenz machen.
Im Mix aus Meinung und Information liege auch eine Chance. „Ich kann mir vorstellen, dass so mancher eher bereit ist, in der Anonymität des Internets Position zu beziehen“, sagt der Student. Dazu bedarf es keiner eigenen Webseite. Bei Blogs wie www.kuechenkabinett.de stellen die Betreiber nicht nur ihre Perspektive auf das Zeitgeschehen vor. Die Besucher können ihre eigene notieren. So lässt sich in den Tagebüchern nicht nur schmökern, sondern auch manche hitzige Debatte anzetteln.
Trotzdem glaubt Ohloff, dass Blogs eine Nische bleiben für eine bestimmte Gruppe von Menschen: für solche, die wie er ein gewisses Mitteilungsbedürfnis haben. Die nach einer anderen Form des Leserbriefschreibens suchen. Für Ohloff bleibt sie eine Alternative zur Arbeit im Ortsverein: „Weil ich nur über Inhalte diskutieren muss, die mich wirklich interessieren.“ Und das nicht im verqualmten Hinterzimmer, sondern gemütlich vor dem heimischen PC.




