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2002: Rückkehr als „Weltmeister der Herzen“
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Quelle: Neue Osnabrücker Zeitung 04. Mai 2006 00:00 Uhr


2002: Rückkehr als „Weltmeister der Herzen“

Der Mann mit dem etwas merkwürdigen Haarschnitt war der große Spielverderber. Ronaldo, vier Jahre zuvor im Finale von Paris nur ein Schatten seiner selbst, entschied die Partie allein. Und in den Tagen danach ließen sich viele Brasilianer auch so die Haare stutzen, wie der weltbeste Stürmer sie trug. Oberhalb der Stirn ein bewachsenes Dreieck, ansonsten alles kahl.

 
Bitterer Moment: Oliver Kahn hat Rivaldos Schuss nur abklatschen lassen. Leichte Beute für Ronaldo, der mit dem 1:0 die Brasilianer auf Titelkurs bringt.  Vergrößern

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Nicht alles kahl, sondern „alles Kahn“ – das war die Devise der deutschen Nationalmannschaft bei der WM in Japan und Südkorea. Und ausgerechnet im Endspiel musste der Held der DFB-Auswahl patzen. Über den Flachschuss von Rivaldo in der 67. Minute hätte Kahn in jedem anderen Spiel nur müde gelächelt. Doch an diesem 30. Juni 2002 lässt er ihn abprallen. Genau vor die Füße des Mannes mit der merkwürdigen Frisur, der sich einen Spaß daraus machte, den Mann mit dem wehenden Blondhaar ein zweites Mal zu überwinden.

Mit Ronaldos 2:0 (79.) war das Spiel entschieden, Brasilien verdientermaßen zum fünften Mal Weltmeister und Deutschland sensationell Vize-Champion. Denn dass das Team von Rudi Völler, das erstmals die Hintertür Relegation (Ukraine 4:1 besiegt, zuvor 1:1) für eine WM-Endrunde benutzen musste, über das Achtelfinale hinauskommen würde, mochte im Vorfeld niemand so recht glauben. Zu jener Zeit sprachen sie von den deutschen „Rumpelfußballern“, denen angeblich Esprit und Kreativität abgingen.

So wurde dem furiosen 8:0 im ersten Spiel gegen Saudi-Arabien auch keine sonderliche Beachtung geschenkt, sondern vielmehr gemeckert, wie schwer sich Ballack und Co. mit Gegnern wie Irland (1:1) oder Kamerun (2:0) taten. Gleichwohl: Die Mannschaft sicherte sich den Gruppensieg, und was ihr Torwart leistete, war in der Tat „Kahnsinn“, wie es auf dem Boulevard hieß.

Ob nun durchgemogelt, das sprichwörtliche Glück mit den Gegnern gehabt (1:0 im Achtelfinale gegen Paraguay, 1:0 im Viertelfinale gegen die USA) – egal: Die Mannschaft spielte ergebnisorientierten Erfolgsfußball und war auch dann noch im Wettbewerb, als Engländer, Italiener oder Spanier schon längst den Heimflug aus Fernost angetreten hatten. Und im Halbfinale: Eine mitunter wie aufgedreht spielende Mannschaft wie Südkorea muss man – zumal in deren Stadion – erst einmal schlagen. „Rudis Riesen“, zu denen sie mittlerweile geworden waren, erledigten das mit Bravour, der 1:0-Erfolg durch das Tor von Michael Ballack war hoch verdient.

Überhaupt Ballack: Er machte am 25. Juni in Seoul das Spiel seines Lebens. Das fand sogar der Korrespondent der englischen „Times“, der anerkennend schrieb: „Der Kerl kriegt eine Verwarnung. Er verpasst das Endspiel. Bricht er in Tränen aus? Nein, er macht weiter und erzielt das Siegtor.“

Natürlich fehlte einer wie Ballack an allen Ecken und Enden. Aber was seine Kollegen im Finale gegen die spieltechnisch besseren Brasilianer leisteten, verdiente Anerkennung. „Endspiel verloren, Respekt gewonnen“ hieß es in einer Sonderausgabe dieser Zeitung, die eine Stunde nach dem Abpfiff auf zahlreichen öffentlichen Plätzen zu haben war. Und damit war die Sache treffend benannt, wie übrigens auch mehr als 30 000 Menschen fanden, die auf dem Frankfurter Römer der DFB-Auswahl einen rauschenden Empfang bereiteten. Besonders gefeiert und als „Weltmeister der Herzen“ verehrt: Teamchef Rudi Völler und Pechvogel Olli Kahn.

Die 17. WM: 30. Mai bis 30. Juni in Japan und Südkorea
Weltmeister: Brasilien (2:0 gegen Deutschland)
Im Halbfinale gescheitert: Türkei (0:1 gegen Brasilien), Südkorea (0:1 gegen Deutschalnd)
Platz 3: Türkei (3:2 gegen Südkorea)
Zuschauer: 2,7 Millionen (Schnitt 43 000)
Finalstadion: International Stadium, Yokohama, 69 029 Zuschauer
Tore: 161 in 64 Spielen (2,52 pro Spiel)
Torkönige: Ronaldo (Brasilien), 8 Tore – vor Klose (Deutschland) und Rivaldo (Brasilien), beide 5 Tore
Höchste Siege: Deutschland - Saudi-Arabien 8:0, Portugal - Polen 4:0, Brasilien - China 4:0
Nicht qualifiziert (u.a.): Niederlande, Rumänien

Quelle: Fußball-WM-Enzyklopädie von Hardy Grüne (Agon-Verlag)

Was 2002 sonst noch geschah
1. Januar: Mit der Ausgabe der Euro-Banknoten und Euro-Münzen in zwölf europäischen Ländern ist die Währungsumstellung abgeschlossen.
28. Januar: Die schwedische Schriftstellerin Astrid Lindgren stirbt in Stockholm im Alter von 94 Jahren an einer Virusinfektion.
1. Februar: Hildegard Knef, Schauspielerin und Chansonniere, stirbt im Alter von 76 Jahren an einer Lungenentzündung.
1. Juli: Ein russisches Passagierflugzeug kollidiert über dem Bodensee in 11 300 Meter Höhe mit einer Frachtmaschine. Alle 69 Insassen kommen ums Leben, darunter 45 Kinder.
21. Juli: Michael Schumacher gewinnt zum fünften Mal die Formel-1-Weltmeisterschaft. Bereits sechs Rennen vor Saisonende ist der Punktevorsprung von den anderen Fahrern nicht mehr einzuholen.
11. August: Die Jahrhundertflut erreicht die sächsische Landeshauptstadt Dresden. Die Elbe und ihre Nebenflüsse verwandeln sich in reißende Ströme.
22. September: Bei der Bundestagswahl bleibt die SPD stärkste Partei. Dank der starken Gewinne von Bündnis 90/Die Grünen behält die rot-grüne Koalition ihre Mehrheit im Parlament. t im Parlament.Die PDS erhält weniger als 5 Prozent der Stimmen und ist nur noch mit zwei direkt gewählten Abgeordneten vertreten.
12. Oktober: Bei einem Terrorangriff auf der indonesischen Insel Bali sterben fast 200 Menschen. Die Terroristen hatten in und vor einem Nachtclub Bomben gezündet.


 

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