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Tippspiel
1998: Die Schande von Lens und Verschwörungstheorien
Mit Fußball haben sie an diesem Sonntag wenig im Sinn, als sie sich in den Bars von Lens Mut antrinken. Die leicht zu erkennenden und Handy-Botschaften austauschenden jungen Männer sind auf Randale aus. Wenige Stunden vor dem Vorrundenspiel Deutschland gegen Jugoslawien setzen sie ihre Pläne in die Tat um und verwandeln die friedliche WM-Stadt in ein Schlachtfeld.
Als Egidius Braun von den Vorfällen hörte, zog er ernsthaft in Erwägung, die deutsche Elf aus dem Wettbewerb zu nehmen. Der integre DFB-Präsident ließ sich jedoch umstimmen. Anschließend hieß es, man wolle sich nicht der Gewalt beugen.
Sportlich beugen musste sich die überalterte DFB-Auswahl (Schnitt 30 Jahre, Spötter sprachen vom „Jurassic Park“) im Viertelfinale der Überraschungsmannschaft Kroatiens. Nach einer schwachen Vorrunde (2:2 gegen Jugoslawien, 2:0 gegen USA und Iran) und einem hart erkämpften 2:1-Achtelfinalerfolg über Mexiko zeigte das Team von Berti Vogts gegen Kroatien zunächst die beste Turnierleistung. Durch den Platzverweis für Christian Wörns aber brach das Team in sich zusammen und kassierte eine herbe 0:3-Schlappe. Vogts übte sich nach der Pleite in der Rolle des Verschwörungstheoretikers, und das war schlechter Stil. Seinen Job als Bundestrainer war er wenige Monate später los.
Im Konzert der Großen hatte die deutsche Elf auch nichts verloren. Es zauberten die Brasilianer, Niederländer, Franzosen und Kroaten. Letzt Genannte hatten den WM-Gastgeber im Halbfinale am Rand einer Niederlage, doch zwei Tore von Liliam Thuram wendeten das Blatt. Im zweiten Semifinale lieferten sich Holländer und Brasilianer (1:1 n. V.) eines der besten Duelle der WM-Geschichte, und wieder einmal wurden die Oranjes vom Fluch des Elfmeterschießens erfasst. Cocu und Ronald de Boer scheiterten – Torwart Taffarel vernagelte ihnen in Marseille das Tor zum Finale.
Das Endspiel selbst geriet im Stade de France zur großen Show des Zinedine Zidane, der die Brasilianer mit zwei Kopfballtoren aus den Träumen vom fünften Titelgewinn riss. Der Sohn algerischer Einwanderer feierte so das Happy End einer WM, die für ihn traumatische Züge anzunehmen schien, als er im zweiten Gruppenspiel (4:0 gegen Saudi-Arabien) wegen einer Tätlichkeit die rote Karte sah. Erst im Viertelfinale gegen Italien (Sieg im Elfmeterschießen) durfte er wieder ran und konnte so noch genügend Anlauf nehmen, um dem Endspiel seinen Stempel aufzudrücken.
Am Ende hieß es 3:0 für die Franzosen, bei denen der elegante Emmanuel Petit mit dem Treffer Sekunden vor dem Abpfiff nicht nur die für ihn persönlich überragend verlaufene WM krönte, sondern die gesamte Grande Nation in einen nicht enden wollenden Freudentaumel versetzte. Zu diesem Zeitpunkt rang in Lens der Polizist Daniel Nivel noch immer mit dem Tod.
Weltmeister: Frankreich (3:0 gegen Brasilien)
Im Halbfinale gescheitert: Niederlande (1:1 n.V., 2:4 i. Elfmetersch. g. Brasilien), Kroatien (1:2 g. Frankreich)
Platz 3: Kroatien (2:1 gegen Niederlande)
Zuschauer: 2,7 Millionen (Schnitt 43000)
Finalstadion: Stade de France, 75000 Zuschauer
Tore: 171 in 64 Spielen (Schnitt 2,67)
Torkönige: Suker (Kroatien), 6 Tore
Höchste Siege: Spanien - Bulgarien 6:1, Niederlande - Südkorea 5:0, Argentinien - Jamaika 5:0
Nicht qualifiziert (u.a.): Russland, Irland, Ungarn, Uruguay, Australien, Ägypten.
Mit Windunterstützung: Passend zum ersten Gruppenspiel der Franzosen in Marseille wehte der berühmte Sommerwind Mistral durch das Stade Velodrome. „Er hat uns wie das Publikum in einer elektrisierenden Atmosphäre davongetragen“, fabulierte Mittelfeldstratege Emmanuel Petit nach dem 3:0 über Südafrika.
Vorfahrt für VIPs: Empörung herrschte bei vielen Fans, die keine Karten für das Endspiel bekommen hatten. 20000 Menschen sollen mit VIP-Tickets im Stade de France gewesen sein und mussten somit keinen Eintritt zahlen. Weltmeister Frank Leboeuf forderte später ein „Stadionverbot für Krawattenträger“.
Quelle: Fußball-WM-Enzyklopädie von Hardy Grüne (Agon-Verlag)
23. Februar: Der Film „Titanic“ wird der bis dahin teuerste und finanziell erfolgreichste Film aller Zeiten.
26. Februar: Guildo Horn gewinnt die Vorentscheidung für den Grand Prix d'Eurovision.
7. Mai: Daimler-Benz und der US-Autokonzern Chrysler fusionieren.
3. Juni: Nach dem Bruch eines Radreifens prallen im niedersächsischen Eschede mehrere Waggons eines ICE bei Tempo 200 gegen eine Straßenbrücke. 101 Menschen sterben.
1. August: In Deutschland, Österreich und der Schweiz tritt die Rechtschreibreform in Kraft. Verbindlich ist sie erst ab August 2005.
17. August: US-Präsident Bill Clinton muss in der Affäre um die Ex-Praktikantin Monica Lewinsky vor einer Grand Jury aussagen.
27. September: SPD und Grüne gewinnen die Bundestagswahl. Gerhard Schröder (SPD) wird Kanzler.










