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1994: "Sudden death" für "Wohlstandsjünglinge"
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Quelle: Neue Osnabrücker Zeitung 19. April 2006 00:00 Uhr


1994: "Sudden death" für "Wohlstandsjünglinge"

Als am 17. Juli 1994 in der Rose Bowl von Pasadena Samba getanzt wurde, hatten sich die deutschen Kicker längst verabschiedet und erlebten vor den Fernsehgeräten mit, wie Brasilien erstmals wieder nach 24-jähriger Durststrecke die Fußball-Weltmeisterschaft gewann.

 
Vater des Erfolges: Der Worldcup ist in würdigen Händen, denn nicht nur wegen seiner fünf Tore war Romario der überragende Spieler im brasilianischen Team.  Vergrößern

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Es war zwar ein enttäuschendes Endspiel, das Brasilien und Italien zeigten, dennoch wurde mit dem Team aus Südamerika ein verdienter Champion gekrönt. Nach dem torlosen, 120 Minuten währenden Fehlpass-Festival hatten die Blau-Gelben im Elfmeterschießen die besseren Nerven und mehr Glück. Ausgerechnet Roberto Baggio, während des Turniers der Beste der Squadra Azurra, beförderte die Kugel im Moment der Entscheidung in den kalifornischen Spätnachmittagshimmel. „Es war gerecht, verdient, heilig, legitim“, urteilte „France Football“ über den WM-Gewinn der Brasilianer. In deren Reihen standen mit Jorginho (FC Bayern) und Kapitän Dunga (VfB Stuttgart) auch zwei Spieler, die in der Bundesliga ihr Geld verdienten. Sie waren Säulen eines Teams, das in Romario zwar einen überragenden Einzelakteur besaß, ansonsten aber durch mannschaftliche Geschlossenheit bestach.

Das ließ sich von der deutschen Mannschaft nicht behaupten. Zwar bildeten zwölf Spieler aus dem Weltmeisterkader von 1990 das Gerüst des erstmals bei einer WM von Berti Vogts trainierten Teams, doch von Einheit war nichts zu spüren. Insider sprachen von deprimierenden Zuständen innerhalb des Gefüges und wiesen auf erhebliche Mängel im Umgang hin.

Schon in der „typisch deutschen Vorrunde“ (1:0 gegen Bolivien, 1:1 gegen Spanien, 3:2 gegen Südkorea) knallte es. Stefan Effenberg hatte nach seiner berechtigten Auswechslung in der Korea-Partie deutschen Fans den „Stinkefinger“ gezeigt und wurde vom damaligen DFB-Präsidenten Egidius Braun sowie Vogts nach Hause geschickt. Zwar wurden die Risse im Team durch den 3:2-Achtelfinalerfolg über Belgien notdürftig gekittet, doch nach dem „sudden death“ mit dem 1:2 im Viertelfinale gegen Bulgarien wurde klar, dass Vogts es zu keinem Zeitpunkt geschafft hatte, eine Einheit zu formen.

Für den „Bundes-Berti“ selbst war es die bis dahin größte Enttäuschung seiner Trainer-Laufbahn. Er benutzte hernach den Begriff von „Wohlstandsjünglingen“ und kritisierte deren Anspruchsdenken: „Sie wollen doch auf nichts mehr verzichten.“

Das mochte auch Argentiniens alternder Star Diego Maradona nicht. Im Vorfeld der WM gleichwie sein argentinischer Teamgefährte Claudio Caniggia in Italien des Kokain-Konsums überführt, versuchte es der WM-Held von 1986 in den USA mit Aufputsch-Cocktails und wurde erwischt. Ein Abgang mit Schimpf und Schande – doch der „Göttliche“ entwickelte wirre Verschwörungstheorien seitens der FIFA. Ohne Maradona bedeutete das Achtelfinale bereits Endstation für die „Gauchos“. Sie unterlagen Rumänien 2:3 und traten frustriert die Heimreise an.

Genauso wie zuvor der kolumbianische Abwehrspieler Andres Escobar, der mit einem Eigentor beim 1:2 gegen Gastgeber USA das frühe Aus eingeleitet hatte. Zurück in seiner Heimatstadt Medellin, wurde Escobar am 2. Juli von zwölf Schüssen niedergestreckt. Laut Augenzeugen soll der Attentäter „Danke für das Eigentor“ gerufen haben. Es war ein Auftragsmord der Drogen-Mafia.

Die 15. WM: 17. Juni bis 17. Juli in den USA

Weltmeister: Brasilien (3:2 n. E. gegen Italien)
Im Viertelfinale gescheitert: Deutschland, Spanien, Rumänien, die Niederlande
Platz 3: Schweden (4:0 gegen Bulgarien)
Zuschauer: 3,6 Millionen (Schnitt 69000)
Finalstadion: Rose Bowl, Los Angeles, 94194 Zuschauer
Tore: 141 in 52 Spielen (Schnitt 2,71)
Torkönige: Salenko (Russland), Stoitchkov (Bulgarien), beide 6 Tore
Höchste Siege: Russland - Kamerun 6:1, Bulgarien - Griechenland 4:0, Argentinien - Griechenland 4:0, Schweden - Bulgarien 4:0
Nicht qualifiziert (u.a.): England, Portugal, Dänemark, Uruguay
Soccer-Spott: Trotz des Erfolgs mit gut gefüllten Arenen – angekommen ist Soccer in den USA durch die WM nicht. Die ,,Washington Post“ spottend: „Fußball ist ein Spiel, das wir unseren Kindern beibringen, bis sie alt genug sind, Interessanteres zu tun.“
Langes Vehör: Selbst ist der Mann, dachte sich ein Holländer, als seine Frisbeescheibe in den Garten des Weißen Hauses segelte. Er überwand den Zaun, wurde aber von Sicherheitskräften festgenommen und sechs Stunden verhört.

Quelle: Fußball-WM-Enzyklopädie von Hardy Grüne (Agon-Verlag)

Was 1994 sonst noch geschah

11. April: Als neues Börsenbarometer wird der DAX 100 eingeführt, der die Kursentwicklung der 100 wichtigsten deutschen Aktiengesellschaften widerspiegelt.
9. Mai: Nelson Mandela wird von der ersten demokratischen Volksvertretung Südafrikas zum ersten schwarzen Präsidenten des Landes gewählt.
14. Oktober: Der Friedensnobelpreis wird Israels Außenminister Schimon Peres, Ministerpräsident Izchak Rabin und PLO-Chef Jassir Arafat zuerkannt.
13. November: Als erster deutscher Rennfahrer wird Michael Schumacher aus Kerpen in einem Benetton-Ford Formel-1-Weltmeister.
15. November: Der Deutsche Bundestag wählt Helmut Kohl (CDU) mit 338 von 671 Stimmen zum fünften und letzten Mal zum Bundeskanzler.

 
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