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1990: Erst nach dem Triumph irrt sich Beckenbauer
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Quelle: Neue Osnabrücker Zeitung 12. April 2006 00:00 Uhr


1990: Erst nach dem Triumph irrt sich Beckenbauer

Der Reporter aus Brasilien erhebt sich feierlich. „Professore Beckenbauer“, sagt der Mann an, und man glaubt zu hören, wie er seine Hacken zusammenschlägt, „was glauben Sie über die Zukunft des deutschen Fußballs?“ Es ist weit nach Mitternacht an diesem 10. Juli 1990, Deutschland ist gerade Weltmeister geworden, und auf dem Podium sitzt ein Mann, der der Fragen der Journalisten überdrüssiger ist denn je. Eigentlich will Franz Beckenbauer nur seine Ruhe, will mit seinen Spielern feiern, das Weizenbier zischen lassen und die „Fat Lady“, die Zigarre der Sieger, paffen. Also denkt er nicht lange nach und antwortet: „Ja mei, wenn jetzt noch die Spieler aus der DDR dazukommen... Also, es tut mir Leid für den Rest der Welt, aber wahrscheinlich sind wir auf Jahre hinaus unschlagbar.“

 
Jubelarien in Rom: Co-Trainer Holger Osieck, Teamchef Franz Beckenbauer, Klaus Augenthaler, Stefan Reuter, Jürgen Klinsmann, Frank Mill und Kalle Riedle feiern den WM-Titel.  Vergrößern

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Das war ein Irrtum, ein kolossaler sogar. Vielleicht sogar vergleichbar mit dem von den „blühenden Landschaften“ im Osten des neuen, vereinigten Deutschlands. Der Mann, der dieses Versprechen gegeben hatte, war in Rom nach dem 1:0 im Finale gegen Argentinien einer der ersten Gratulanten in der Kabine der Sieger, die ihn fröhlich singend begrüßten: „Helmut, senk den Steuersatz!“ Und als Bundeskanzler Kohl in seiner kurzen Ansprache Teamgeist und Kameradschaft lobte, schallte es ihm nach alter Väter Sitte entgegen: „Zicke-zacke, zicke-zacke – heu, heu, heu.“

Es war die WM von Franz Beckenbauer. Fast alle Erinnerungen an dieses stimmungsvolle Turnier im italienischen Sommer sind für viele verknüpft mit dem besten deutschen Fußballer aller Zeiten, der eigentlich gar nicht Trainer werden wollte. Noch vier Jahre zuvor, in Mexiko, war er es widerwillig gewesen, hatte das Amt als Last empfunden. 1990 war Beckenbauer, dessen Abschied lange vorher feststand, charmant, gelassen und selbstbewusst; ein lässiger Trainer, ganz der „Schaun-mer-mal“-Mentalität entsprechend.

Doch das war nur das äußere Bild. Beckenbauer war als Trainer ein akribischer Arbeiter und ein kluger Organisator. Ein zog sein Team im Hotel „Castello di Casiglio“ in Erba zusammen und verbannte erstmals in der deutschen WM-Geschichte die Journalisten aus dem Team-Hotel. Er umgab sich mit einem Spezialistenstab, der für eine optimale Detailarbeit sorgte: Berti Vogts spionierte die Gegner aus, Holger Osieck sorgte als Co-Trainer für Fitness und Spaß, Professor Heinz Liesen setzte Maßstäbe in der sportmedizinischen Betreuung. So ernst nahm der „Doc“ sein Amt, dass er sich sogar mit Koch Fritz Westermann anlegte: Der hatte angeblich zu wenig Pasta und zu wenig Fleisch auf die Teller gebracht.

Es ist bezeichnend für die Harmonie im Team, dass die Nudelkrise der größte Konflikt während der WM blieb. Mit dem 4:1 im Auftaktspiel gegen Jugoslawien nahm die Mannschaft Fahrt auf, nach dem 2:1 im Achtelfinale gegen Holland glaubten Lothar Matthäus und Co. mehr denn je an sich. Dass im Finale gegen die mauernden Argentinier ein höchst fragwürdiger Elfmeter hermusste, um verdient zu gewinnen, ist vergessen. Vergessen wie das altmodische System mit Klaus Augenthaler als Libero, vergessen wie die mühevolle Qualifikation für die Endrunde: Erst kurz vor Schluss hatte Thomas Häßler mit einem Traumtor zum 2:1 gegen Wales getroffen und damit die Fahrkarten gesichert. Beckenbauer vergaß es nicht: Im Finale nahm er Häßler in die erste Elf und setzte den im Halbfinale überragenden Olaf Thon auf die Bank.

Die 14. WM: 8. Juni bis 8. Juli 1990 in Italien

Weltmeister: Deutschland (1:0 gegen Argentinien)
Im Viertelfinale gescheitert: Jugoslawien, Irland, CSSR, Kamerun
Platz 3: Italien (2:1 gegen England)
Zuschauer: 2,5 Millionen (Schnitt 48400)
Finalstadion: Olympiastadion Rom, 73603 Zuschauer
Tore: 115 in 52 Spielen (Schnitt 2,21)
Torkönig: Salvatore Schillaci (Italien), 6 Tore
Höchste Siege: Deutschland - Vereinigte Arabische Emirate (5:1), CSSR - USA 5:1
Nicht qualifiziert (u.a.): Frankreich, Portugal, Mexiko
Millas Pech: Er gehörte zu den Stars, erzielte vier Tore und führte an der Eckfahne die schönsten Tänze auf. Doch gebracht hat es Kameruns Torjäger Roger Milla nicht viel – der mit 38 Jahren freilich schon ziemlich betagte Torjäger fand auch nach der WM keinen namhaften Klub.
Kein Held:
Es war nicht die WM des Diego Armando Maradona. 1986 in Mexiko noch der gefeierte Held, spielte er bei weitem nicht die herausragende Rolle. Ein Grund: Irgendwelche dubiosen Pillen, die er zur Gewichtsreduzierung eingeworfen hatte.

Quelle: Fußball-WM-Enzyklopädie von Hardy Grüne (Agon-Verlag)

Was 1990 sonst noch geschah

11. Februar: Der südafrikanische Widerstandskämpfer Nelson Mandela wird nach fast 28 Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen.
19. Juni: Die Bundesrepublik, Frankreich und die Benelux-Staaten unterzeichnen das Schengener Abkommen über den Wegfall der Grenzkontrollen ab 1992.
16. Juli: Der sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow gibt grünes Licht für die Vereinigung der beiden deutschen Staaten.
2. August: In einer Blitzaktion überfällt der Irak den Nachbarstaat Kuwait.
3. Oktober: 41 Jahre nach Gründung tritt die DDR der Bundesrepublik bei. Millionen feiern die Wiedervereinigung.
2. Dezember: Bundeskanzler Helmut Kohl und seine Koalition aus CDU/CSU und FDP gewinnen die erste gesamtdeutsche Bundestagswahl.

 
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