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Tippspiel
1982: Schimpf und Schande für den Vizeweltmeister
Hans-Joachim Rauschenbach heißt der kleine Mann mit dem diabolischen Grinsen, der bei der ARD zuständig für Spott und schwarzen Humor ist. An diesem 16. Juni steht er feixend in den Kulissen des WM-Studios. „Und hier“, sagt der Moderator, „habe ich etwas für unseren Bundestrainer.“ Die Kamera zeigt eine riesengroße Fahrkarte der Deutschen Bundesbahn – von Gijon/Spanien nach Dudweiler im Saarland. Millionen wissen, was gemeint ist, Millionen feixen mit. „Wenn wir dieses Spiel verlieren“, hatte Bundestrainer Jupp Derwall vor dem Auftaktspiel gegen Algerien gesagt, „fahre ich am Donnerstag mit dem Zug nach Hause.“ Nach Dudweiler eben.
Dabei beendete die deutsche Mannschaft das Turnier in Spanien als Vizeweltmeister. Doch selten hat ein vordergründig erfolgreiches Team mehr Schimpf und Schande geerntet. Bis heute gelten die Profis jener Tage als Inbegriff einer Zeit, in der der Fußball seine Bodenständigkeit und sein Ansehen zu verlieren drohte.
„Ich verstehe die Dummköpfe nicht“, maulte Paul Breitner, als deutsche Fans ihrer Entrüstung nach dem Skandalspiel gegen Österreich Luft machten. Und der Bayern-Star verströmte weiter die kalte Arroganz, die er wohl für Professionalität hielt: „Wir sind doch nicht nach Spanien gekommen, um gut zu spielen, sondern um Weltmeister zu werden.“ Und ausgerechnet diesen Mann hatte der blauäugige Bundestrainer nicht nur zurück in die DFB-Auswahl geholt, sondern gleich zum „Manager der Nationalmannschaft“ erhoben.
Wie Breitner reagierten die meisten seiner Mitspieler auf die weltweite Entrüstung verständnislos und beleidigt nach dem Skandal von Gijon. Deutsche und Österreicher schlossen auf dem Rasen einen Nichtangriffspakt, nachdem Horst Hrubesch das 1:0 erzielt hatte – es war genau das Ergebnis, das beiden Mannschaften den Weg in die 2. Finalrunde ebnete. Damit blieben die Algerier auf der Strecke. Eine Tageszeitung in Gijon veröffentlichte den Bericht über das Spiel unter der Rubrik „Polizeibericht“ und nannte nach dem Vorspann: „Verdächtig des Betrugs sind...“ die Namen aller Spieler.
Selbst das beste deutsche Spiel des Turniers bekam einen Makel. Beim Sieg über Frankreich, nach einem packenden 3:3 im Elfmeterschießen errungen, leistete sich Torwart Harald Schumacher ein brutales Foul an Patrick Battiston. Anschließend höhnte der Kölner über seinen schwer verletzten Gegner: „Dann zahle ich ihm eben die Jacketkronen.“
Im Finale war Schluss, die Italiener mit ihrem brillanten Torjäger Paolo Rossi waren zu stark für die deutsche Elf. Die deutsche Elf kehrte ruhmlos zurück, und viele der WM-Bücher in den Regalen der Geschäfte blieben liegen. In einem stand ein Vorwort eines Ex-Nationalspielers, der seine Karriere beendet hatte: „Eins habe ich bei dieser WM festgestellt, als ich auf der Tribüne saß: Zum Trainer würde ich nicht taugen.“ Er hat es sogar unterschrieben, der Star im Ruhestand. Sein Name: Franz Beckenbauer.
Weltmeister: Italien (3:1 gegen Deutschland)
In der 2. Finalrunde gescheitert (u.a.): Brasilien, Argentinien, Spanien, England
Platz 3: Polen (3:2 gegen Frankreich)
Zuschauer: 1,86 Millionen (Schnitt 35 700)
Finalstadion: Est. Santiago Bernabeu, 90 089 Zuschauer
Tore: 146 in 52 Spielen (Schnitt 2,8)
Torkönig: Paolo Rossi (Italien), 6 Tore vor Karl-Heinz Rummenigge (Deutschland), 5 Tore
Höchste Siege: Ungarn - El Salvador 10:1, Polen - Peru 5:1
Nicht qualifiziert (u.a.): Niederlande, DDR, Uruguay
Geschönte Zahlen: Nicht ganz so genau nahmen es die Spanier mit den Zuschauerzahlen. Offiziell wurden für die Partie zwischen Ungarn und El Salvador 23 000 Besucher gemeldet. Tatsächlich waren es aber nur 6000, die freilich mit dem 10:1 der Magyaren ein spektakuläres Match erlebten.
Geschichte geschrieben: Schiedsrichter Arnaldo Coelho aus Brasilien war der erste nichteuropäische Referee, der ein WM-Endspiel leitete.
Quelle: Fußball-WM-Enzyklopädie, von Hardy Grüne (Agon-Verlag)
2. April: Argentinien besetzt die zu Großbritannien gehörenden Falkland-Inseln. Bis Juni vertreiben britische Truppen die Invasoren.
24. April: Nicole gewinnt mit ihrem Lied „Ein bisschen Frieden“ als erste Deutsche den Grand Prix d'Eurovision.
10. Juni: Mehr als 300.000 Menschen demonstrieren in Bonn gegen das Wettrüsten.
13. September: Fürstin Gracia Patricia von Monaco (52), die frühere Grace Kelly, wird bei einem Verkehrsunfall tödlich verletzt.
1. Oktober: Ein konstruktives Misstrauensvotum stürzt die SPD-Regierung von Helmut Schmidt. Mit der neuen CDU/CSU-FDP-Mehrheit wählt der Bundestag Helmut Kohl (CDU) zum Kanzler.
7. Dezember: Erstmals in der Geschichte der USA wird in Huntsville (Texas) eine Hinrichtung mit einer Giftinjektion vollzogen.













