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1978: Hohn und Spott zum Abschied des großen Schön
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Quelle: Neue Osnabrücker Zeitung 22. März 2006 00:00 Uhr


1978: Hohn und Spott zum Abschied des großen Schön

Deutschland blamierte sich, auf allen Ebenen. Weltmeister wurde die mitreißend auftrumpfende argentinische Mannschaft – leider gewann die Militärdiktatur des Landes mit.

 
Vorentscheidung im Finale: Mario Kempes (l.) erzielt das 2:1 in der Verlängerung gegen die Niederlande. Am Ende siegten die Argentinier 3:1.  Vergrößern

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Der erfolgreichste Nationaltrainer der Welt tritt ab – und wird von Spott überschüttet. „Böse Zungen behaupten, Deutschlands früher so brillante Nationalmannschaft sei jetzt erstmals in einem Zustand, in dem sie einen richtigen Trainer brauche“, ätzt die Wiener Kronenzeitung. Ein deutscher Durchschnittskicker namens Willi Wagner ist gerade mit Darmstadt 98 in die Bundesliga aufgestiegen und höhnt: „Wenn die Nationalspieler ihre Form halten, haben wir eine gute Chance auf einen UEFA-Cup-Platz.“ Und natürlich grantelt auch Max Merkel, die böseste Zunge des deutschen Fußballs: „Wenn ich die Schrumpfteutonen sehe, habe ich das Gefühl, nicht der Trainer geht in Ruhestand, sondern die Mannschaft.“

Diese schrillen Töne sind die Begleitmusik zum Abschied von Helmut Schön. Er hat Deutschland zur Weltmeisterschaft 1974 und zur Europameisterschaft 1972 geführt. Er war Vizeweltmeister 1966 und Vize-Europameister 1976. Jetzt trat er ab unter dem Gezeter einer völlig enttäuschten Fußball-Nation. Vier Wochen zuvor hatten 60 Prozent der Bundesbürger in einer repräsentativen Umfrage gesagt: Wir werden wieder, wie 1974, Weltmeister. Und dann kehrte eine blamierte Mannschaft zurück aus Argentinien, zu schlechter Letzt noch gedemütigt durch das 2:3 gegen Österreich.

Der Glaube an die Fortsetzung der goldenen siebziger Jahre war ein Selbstbetrug gewesen. Ein Blick ins Aufgebot hätte genügt, um festzustellen: Fünf deutsche Weltklassefußballer waren nicht dabei. Uli Stielike, damals bei Real Madrid ein Libero der Weltklasse, war vom DFB als „Legionär“ geächtet, Franz Beckenbauer hatte man seinen Wechsel zu New York Cosmos nicht verziehen, Paul Breitner und Gerd Müller hatten ihre Länderspiellaufbahn nach Querelen mit den DFB beendet, und der sensible Frankfurter Spielmacher Jürgen Grabowski, ein Liebling von Schön, wollte sich den WM-Stress partout nicht mehr antun.

Es war kein harmonisches, nicht mal eingespieltes Team, das in Argentinien antrat. In 31 Vorbereitungsspielen hatte Schön 52 Spieler eingesetzt und 33 Profis zum Debüt verholfen. In der Einsamkeit des wie ein Militärstandort abgesicherten Trainingscamps in Ascochinga regierten Frust und Neid. Der neuen Profigeneration begegnete der DFB mit einem Reglement, das die Kleiderordnung bis zur Sockenfarbe vorschrieb und Pünktlichkeit bei Mahlzeiten als zentrale Tugend forderte. „Ein System der Entmündigung“ nannte das die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und folgerte in einem Leitartikel: „Der Fisch stinkt vom Kopf her.“

Weltmeister wurde Argentinien, sehr zur Freude des Diktators Videla, der Regimekritiker mit Mord und Folter bekämpfte. Dass die Mannschaft und vor allem ihr Trainer mit dem System nicht sympathisierte, störte den Juntachef nicht: Die WM hatte ihm weltweites Prestige gebracht. Die FIFA schwieg zu den sattsam bekannten Menschenrechtsverletzungen. Der DFB natürlich auch, zudem wies er seine Spieler an, zu politischen Fragen keine Stellung zu nehmen. Dass die Delegationsleitung in Ascochinga den ehemaligen Nazi-Kampfflieger Rudel mit allen Ehren empfing, passte in das Bild eines desolaten Auftritts.

Die 11. WM: 1. Juni bis 25. Juni 1978 in Argentinien

Weltmeister: Argentinien (3:1 n.V. gegen Niederlande)
In der 2. Finalrunde gescheitert: Deutschland, Österreich, Polen, Peru
Platz 3: Brasilien (2:1 gegen Italien)
Zuschauer: 1,63 Millionen (Schnitt: 42.374)
Finalstadion: Estadio Monumental Buenos Aires, 77.260 Zusch.
Tore: 102 in 38 Spielen (Schnitt: 2,68)
Torkönig: Mario Kempes, 6 Tore (Argentinien)
Höchste Siege: Deutschland - Mexiko 6:0, Argentinien - Peru 6:0
Nicht qualifiziert (u.a.): Uruguay, England
Hosentausch: Eine ungewöhnliche Form der Souvenirjagd praktizierten nach dem Finalrundenspiel zwischen Italien und Österreich (1:0) Francesco Graziani und Bruno Pezzey. Sie tauschten nicht – wie es damals gerade in Mode kam – die Trikots, sondern die Hosen.
Boykott: Zur offiziellen Siegerfeier im Hotel Plaza erschienen die im Finale unterlegenen Niederländer nicht. Sie wollten in keinem Fall Militärmachthaber Videla die Hand schütteln.

Quelle: Fußball-WM-Enzyklopädie, von Hardy Grüne (Agon-Verlag)

Was 1978 sonst noch geschah

19. Januar: In Emden läuft der letzte von 21 Millionen produzierten VW Käfer in Europa vom Band.
5. Februar: Mit einem 20:19-Sieg über die Sowjetunion wird die deutsche Handball-Nationalmannschaft Weltmeister.
8. Mai: Der Südtiroler Reinhold Messner und der Österreicher Peter Habeler bezwingen ohne Sauerstoffmasken den Mount Everest.
25. Juli: Louise Brown, das erste Kind, das in der Retorte gezeugt wurde, kommt in Oldham (Großbritannien) zur Welt.
16. Oktober: Karol Wojtyla, Erzbischof von Krakau, wird als erster Nicht-Italiener seit 1522 als Johannes Paul II. zum Papst gewählt.
18. November: Mindestens 923 Anhänger der Volkstempler-Sekte des Amerikaners Jim Jones vergiften sich im südamerikanischen Guya.

 
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