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Tippspiel
1974: Blamage gegen die DDR macht den Weg zum Titel frei
Es war der programmierte Triumph: Alles andere als der Gewinn der Weltmeisterschaft wäre von den deutschen Fußballfreunden 1974 als Niederlage empfunden worde. Doch es wurde verdammt knapp...
In den Legenden, die sich um den Gewinn des Weltmeister-Titels von 1974 ranken, ist dieser 22. Juni ein zentrales Datum. Als „heilsamer Schock“ steht diese Niederlage in den Geschichtsbüchern des deutschen Fußballs, und tatsächlich wurde in der Nacht danach der Grundstein zum Triumph gelegt. Franz Beckenbauer wuchs vom eleganten Solisten zur autoritären Leitfigur, forderte personelle Konsequenzen und überzeugte den sonst eher zögerlichen Helmut Schön, einen knallharten Kurs zu steuern.
„Es war kein Aufstand gegen den Bundestrainer“, beschrieb der Sportautor Hans Blickensdörfer, „es war vielmehr der Selbsterhaltungstrieb eines Superstars, der nicht im Sumpf der Ratlosigkeit ersticken wollte. Nachdem er gegen die DDR schon die Strümpfe hinuntergekrempelt hatte, weil er merkte, dass das Aufkrempeln der Ärmel nicht mehr genügte, zog er nun auch noch die Samthandschuhe aus. Als seine Faust auf den Tisch krachte, purzelten einige Figuren von Helmut Schöns Schachbrett.“
Beckenbauer personifizierte einen neuen Typ des Profis – so, wie diese Endrunde ein neues Zeitalter des Fußballs einläutete. Unter der Regie des DFB-Präsidenten Hermann Neuberger wurde in Deutschland die Ära der Vermarktung eingeleitet, der Spielplan wurde gestreckt und auf die Bedürfnisse des Fernsehens zugeschnitten. Unter dem Strich stand ein WM-Rekordgewinn von 50 Millionen DM.
Eigentlich hätten sich die deutschen Funktionäre also nicht wundern dürfen, als die Nationalspieler vor der WM eine Titelprämie von 60000 pro Spieler forderten. In einer hitzigen Nacht im Quartier in Malente eskalierte der Poker: Der sensible Schön drohte, alle Spieler zu streichen und 22 neue Akteure nominieren, der als „Revoluzzer“ beschimpfte Paul Breitner wollte wutentbrannt abreisen. Die Einigung gelang im Morgengrauen.
So kühl wie am Verhandlungstisch trat die deutsche Mannschaft auch auf dem Rasen auf. Den besseren Fußball spielten die Niederländer um den genialischen Johan Cruyff – doch im Finale von München waren sie für die Deutschen nicht nervenstark genug.
Weltmeister: Deutschland (2:1 gegen Niederlande)
In der 2. Finalrunde gescheitert: Brasilien, DDR und Argentinien (an Niederlande), Polen, Schweden, Jugoslawien (an Deutschland)
Platz 3: Polen (1:0 gegen Brasilien)
Zuschauer: 1,83 Millionen (Schnitt: 48.077)
Finalstadion: Olympiastadion München, 77.833 Zusch.
Tore: 97 in 38 Spielen (Schnitt: 2,55)
Torkönig: Grzegorz Lato, 7 Tore (Polen)
Erstmals dabei: DDR, Australien, Haiti, Zaire
Höchster Sieg: Jugoslawien - Zaire 9:0
Nicht qualifiziert (u.a.): Österreich, Ungarn, Türkei, Belgien, England, Portugal, Spanien, Frankreich
Neuer Pokal: Weil die Brasilianer den Coupe Jules Rimet in Mexiko zum dritten Mal gewonnen hatten, durften sie ihn behalten. In Deutschland wurde erstmals um den Pokal des italienischen Bildhauers Silvio Gazzangia gespielt.
Starke Polen: Mit rassigem Angriffsfußball begeisterten die Polen, die in der Qualifikation England ausgeschaltet hatten. Das Team von TrainerKazimierz Gorski besiegte Italien, Argentinien, Jugoslawien und Brasilien.
Quelle: Fußball-WM-Enzyklopädie, von Hardy Grüne (Agon-Verlag)
21. Januar: In den USA läuft der Film „Der Exorzist“ an, der zum Kassenschlager wird.
6. April: Die schwedische Popgruppe Abba gewinnt mit ihrem Lied „Waterloo“ den Grand Prix de la Chanson.
24. April: Günter Guillaume, Referent von Kanzler Willy Brandt, wird unter dem Verdacht der DDR-Spionage verhaftet. Brandt tritt zurück.
26. April: Der Bundestag verabschiedet ein Gesetz, das Abtreibung bis zur 12. Schwangerschaftswoche erlaubt.
15. Mai: Die Bundesversammlung wählt Walter Scheel zum Bundespräsidenten.
9. August: USA-Präsident Richard Nixon tritt wegen der „Watergate-Affäre“ zurück.
30. Oktober: Mit dem Sieg über George Foreman feiert Muhammad Ali in Kinshasa sein Comeback als Schwergewichts-Weltmeister.










