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1974: Blamage gegen die DDR macht den Weg zum Titel frei
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Quelle: Neue Osnabrücker Zeitung 15. März 2006 00:00 Uhr


1974: Blamage gegen die DDR macht den Weg zum Titel frei

Es war der programmierte Triumph: Alles andere als der Gewinn der Weltmeisterschaft wäre von den deutschen Fußballfreunden 1974 als Niederlage empfunden worde. Doch es wurde verdammt knapp...

 
Glücklich hebt Franz Beckenbauer als Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei der Siegerehrung im Olympiastadion von München den eroberten WM-Pokal hoch.  Vergrößern

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Am 22. Juni 1974 weiß die Zeitung mit den großen Buchstaben es mal wieder ganz genau. „Warum wir heute gewinnen“, dröhnen die Buchstaben des Massenblattes an diesem sporthistorischen Tag. Erstmals stehen sich die besten Fußballer der beiden deutschen Staaten gegenüber, das WM-Los hat geschafft, was diplomatisches Geschick nicht vermochte: Die Bundesrepublik Deutschland spielt gegen die Deutsche Demokratische Republik. Ein kleines Häuflein linientreuer DDR-Fans schwenkt die Fahnen des Arbeiter-und-Bauern-Staates, ringsherum ist der Optimismus groß. 66 Prozent der Bundesbürger glauben an den Titelgewinn oder besser: Sie erwarten ihn. Wer soll diese deutsche Mannschaft, die zwei Jahre zuvor mit Zauberfußball die Europameisterschaft gewann, denn stoppen? Zumindest nicht die DDR. Doch dann trifft ein Deutscher namens Jürgen Sparwasser ins Tor des Deutschen Sepp Maier, die DDR gewinnt – und „Bild“ ist richtig böse auf den Bundestrainer, der titelseitengroß gemaßregelt wird: „So nicht, Herr Schön!“

In den Legenden, die sich um den Gewinn des Weltmeister-Titels von 1974 ranken, ist dieser 22. Juni ein zentrales Datum. Als „heilsamer Schock“ steht diese Niederlage in den Geschichtsbüchern des deutschen Fußballs, und tatsächlich wurde in der Nacht danach der Grundstein zum Triumph gelegt. Franz Beckenbauer wuchs vom eleganten Solisten zur autoritären Leitfigur, forderte personelle Konsequenzen und überzeugte den sonst eher zögerlichen Helmut Schön, einen knallharten Kurs zu steuern.

„Es war kein Aufstand gegen den Bundestrainer“, beschrieb der Sportautor Hans Blickensdörfer, „es war vielmehr der Selbsterhaltungstrieb eines Superstars, der nicht im Sumpf der Ratlosigkeit ersticken wollte. Nachdem er gegen die DDR schon die Strümpfe hinuntergekrempelt hatte, weil er merkte, dass das Aufkrempeln der Ärmel nicht mehr genügte, zog er nun auch noch die Samthandschuhe aus. Als seine Faust auf den Tisch krachte, purzelten einige Figuren von Helmut Schöns Schachbrett.“

Beckenbauer personifizierte einen neuen Typ des Profis – so, wie diese Endrunde ein neues Zeitalter des Fußballs einläutete. Unter der Regie des DFB-Präsidenten Hermann Neuberger wurde in Deutschland die Ära der Vermarktung eingeleitet, der Spielplan wurde gestreckt und auf die Bedürfnisse des Fernsehens zugeschnitten. Unter dem Strich stand ein WM-Rekordgewinn von 50 Millionen DM.

Eigentlich hätten sich die deutschen Funktionäre also nicht wundern dürfen, als die Nationalspieler vor der WM eine Titelprämie von 60000 pro Spieler forderten. In einer hitzigen Nacht im Quartier in Malente eskalierte der Poker: Der sensible Schön drohte, alle Spieler zu streichen und 22 neue Akteure nominieren, der als „Revoluzzer“ beschimpfte Paul Breitner wollte wutentbrannt abreisen. Die Einigung gelang im Morgengrauen.

So kühl wie am Verhandlungstisch trat die deutsche Mannschaft auch auf dem Rasen auf. Den besseren Fußball spielten die Niederländer um den genialischen Johan Cruyff – doch im Finale von München waren sie für die Deutschen nicht nervenstark genug.

Die 10. WM: 13. Juni bis 7. Juli 1974 in Deutschland

Weltmeister: Deutschland (2:1 gegen Niederlande)
In der 2. Finalrunde gescheitert: Brasilien, DDR und Argentinien (an Niederlande), Polen, Schweden, Jugoslawien (an Deutschland)
Platz 3: Polen (1:0 gegen Brasilien)
Zuschauer: 1,83 Millionen (Schnitt: 48.077)
Finalstadion: Olympiastadion München, 77.833 Zusch.
Tore: 97 in 38 Spielen (Schnitt: 2,55)
Torkönig: Grzegorz Lato, 7 Tore (Polen)
Erstmals dabei: DDR, Australien, Haiti, Zaire
Höchster Sieg: Jugoslawien - Zaire 9:0
Nicht qualifiziert (u.a.): Österreich, Ungarn, Türkei, Belgien, England, Portugal, Spanien, Frankreich
Neuer Pokal: Weil die Brasilianer den Coupe Jules Rimet in Mexiko zum dritten Mal gewonnen hatten, durften sie ihn behalten. In Deutschland wurde erstmals um den Pokal des italienischen Bildhauers Silvio Gazzangia gespielt.
Starke Polen: Mit rassigem Angriffsfußball begeisterten die Polen, die in der Qualifikation England ausgeschaltet hatten. Das Team von TrainerKazimierz Gorski besiegte Italien, Argentinien, Jugoslawien und Brasilien.

Quelle: Fußball-WM-Enzyklopädie, von Hardy Grüne (Agon-Verlag)

Was 1974 sonst noch geschah

21. Januar: In den USA läuft der Film „Der Exorzist“ an, der zum Kassenschlager wird.
6. April: Die schwedische Popgruppe Abba gewinnt mit ihrem Lied „Waterloo“ den Grand Prix de la Chanson.
24. April: Günter Guillaume, Referent von Kanzler Willy Brandt, wird unter dem Verdacht der DDR-Spionage verhaftet. Brandt tritt zurück.
26. April: Der Bundestag verabschiedet ein Gesetz, das Abtreibung bis zur 12. Schwangerschaftswoche erlaubt.
15. Mai: Die Bundesversammlung wählt Walter Scheel zum Bundespräsidenten.
9. August: USA-Präsident Richard Nixon tritt wegen der „Watergate-Affäre“ zurück.
30. Oktober: Mit dem Sieg über George Foreman feiert Muhammad Ali in Kinshasa sein Comeback als Schwergewichts-Weltmeister.

 
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