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1970: Irres Spiel, irres Gerücht: Schiedsrichter gelyncht?
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Quelle: Neue Osnabrücker Zeitung 08. März 2006 00:00 Uhr


1970: Irres Spiel, irres Gerücht: Schiedsrichter gelyncht?

Es war die erste farbige WM – die Welt schaute nicht nur zu, sondern bekam bunte Fernsehbilder zu sehen. Sie zeigten eine faszinierende, heitere WM, einen souveränen Weltmeister und das Spiel des Jahrhunderts.

 
Nach sechs Siegen am Ziel: Carlos Alberto, Brito, Piazza, Felix, Clodoaldo, Everaldo (stehend von links) sowie Jairzinho, Roberto Rivelino, Tostao, Pelé und Paulo Cesar, für den im Finale Gerson spielte.  Vergrößern

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Am 18. Juni 1970 meldet die Deutsche Presse-Agentur den Tod eines Schiedsrichters. Arturo Yamasaki, so die Nachricht, sei in Mexiko erschossen worden. Keine 24 Stunden sind seit dem Abpfiff eines Spiels vergangen, das als „Spiel des Jahrhunderts“ in die Fußballgeschichte eingeht. Die aberwitzige Anspannung des Halbfinales zwischen Italien und Deutschland schlägt sich in wilden Gerüchten nieder. „Schiedsrichter gelyncht?“, fragt die Hamburger Morgenpost in Lettern, die so groß sind wie ein Kinderarm. 3:4 hat die deutsche Nationalmannschaft im Aztekenstadion verloren, und für viele ist Yamasaki schuld daran, dass dieses Drama homerischer Ausmaße kein Happy-End für die Elf von Helmut Schön hat. Zwei Elfmeter hätte er pfeifen müssen, viele Fouls der Italiener hat er übersehen. Doch erschossen worden ist der peruanische Profi-Schiedsrichter nicht. Das Opfer dementiert selbst: „Seit dem Abpfiff habe ich in meiner Nähe keinen pistolenähnlichen Knall gehört...“

Noch heute schwören Franz Beckenbauer und Uwe Seeler Stein und Bein, dass Yamasaki sich haarsträubende Fehler leistete. Überliefert ist, dass auf der Tribüne sogar der höchste Repräsentant des Weltfußballs seine Zurückhaltung aufgab. Als Seeler im italienischen Strafraum gelegt wurde, sprang der englische FIFA-Präsident Sir Stanley Rous von seinem Sitz und rief: „It’s a penalty!“ Doch Yamasakis Pfeife blieb stumm, seine Karriere ging weiter: Zunächst als Schiedsrichter, später als Funktionär.

Ein Denkmal vor dem gigantisch-schönen Aztekenstadion erinnert an dieses Spiel; auf der Tafel sind die Namen aller Beteiligten verzeichnet. In der dünnen Luft der mexikanischen Höhenlage lieferten sich die Rivalen nach vergleichsweise unspektakulären 90 Minuten (1:1) einen Schlagabtausch, für den später die verrücktesten Superlative bemüht wurden. 2:1 Müller (95.), 2:2 Burgnich (99.), 2:3 Riva (101.), 3:3 Müller (109.), 3:4 Rivera (111.) – die Torfolge sagt viel, ein Foto von Gianni Rivera mehr: Es zeigt den eleganten Spielmacher aus Mailand, wie er entnervt und fassungslos von dem unglaublichen Auf und Ab dieses Spiels mit entgleisten Gesichtszügen in das Tornetz beißt.

Verabschiedet wurde die deutsche Mannschaft mit den Sympathien der Mexikaner und der Fußballwelt, die fasziniert auf das spektakuläre Turnier blickte, das in einer Atmopshäre der Begeisterung und Leichtigkeit alle mitriss. Und mittendrin ein ganz und gar unteutonisches Team, das nach dem holprigen Start gegen Marokko (2:1) mit Angriffselan und einem unbeugsamen Willen auftrumpfte. Zu Unrecht verblasst das 3:2 gegen Weltmeister England, der eine 2:0-Führung verspielte, zur Ouvertüre des Italien-Spiels.

Übertroffen wurden die Deutschen an fußballerischer Brillanz nur von den Brasilianern. Mit einem Pelé auf dem Zenit seines Könnens, dem raffinierten Torjäger Jairzinho und dem Kämpfer Gerson verzauberten sie die Welt. Dass sie auf dem Rasen Samba tanzten und so ausgelassen Fußball spielten, wie sie jubelten, verdankten sie einer siebenmonatigen Vorbereitung, die generalstabsmäßig geplant war. Erkenntnisse der amerikanischen Raumfahrt nutzten die Strategen hinter Trainer Mario Zagalo, der 1958 als Spieler den Titel gewonnen hatte, ebenso wie Trainingspläne der Kölner Sporthochschule.

Die 9. WM: 31. Mai bis 21. Juni 1970 in Mexiko

Weltmeister: Brasilien (4:1 gegen Italien)
Im Halbfinale gescheitert: Im Halbfinale gescheitert: Deutschland (3:4 n. V. gegen Italien), Uruguay (1:3 gegen Brasilien)
Platz 3: Deutschland (1:0 gegen Uruguay)
Zuschauer: 1,67 Millionen (Schnitt: 52275)
Finalstadion: Aztekenstadion Mexiko-City, 107412 Z.
Tore: 95 in 32 Spielen (Schnitt: 2,97)
Torkönig: Gerd Müller, 10 Tore (Deutschland)
Erstmals dabei: Israel, Marokko, El Salvador
Höchster Sieg: Mexiko - El Salvador 4:0
Nicht qualifiziert (u.a.): DDR, Frankreich, Jugoslawien, Niederlande, Spanien, Argentinien, Chile
Afrika-Premiere:Erstmals gestand die FIFA Afrika einen festen Startplatz zu, den sich Marokko erkämpfte. Zuvor hatte nur Ägypten 1934 Afrika vertreten.
Schiedsrichter: Zwei deutsche Unparteiische schrieben Geschichte. Kurt Tschenscher aus Mannheim zeigte im Eröffnungsspiel Mexiko gegen Sowjetunion die erste gelbe Karte der WM-Geschichte. Der Leipziger Rudi Glöckner leitete als erster Deutscher ein WM-Finale.

Quelle: Fußball-WM-Enzyklopädie, von Hardy Grüne (Agon-Verlag)

Was 1970 sonst noch geschah

12. Januar:Nach der bedingungslosen Kapitulation der Republik Biafra endet der Bürgerkrieg in Nigeria.
19. März:In Erfurt treffen sich Kanzler Willy Brandt und DDR-Ministerpräsident Willi Stoph zum ersten innerdeutschen Gipfel.
14. Mai: Ulrike Meinhof und drei weitere Mitglieder der Baader-Meinhof-Bande befreien den inhaftierten Andreas Baader.
12. August: Im Kreml unterzeichnen Bundeskanzler Willy Brandt und der sowjetische Ministerpräsident Alexej Kossygin den Moskauer Vertrag.
29. November: Die erste Folge der Krimiserie „Tatort“ wird ausgestrahlt.
7. Dezember: Kanzler Willy Brandt (SPD) unterzeichnet in Polen den Warschauer Vertrag zur Normalisierung der Beziehungen. Sein Kniefall am Mahnmal für die Opfer des Warschauer Ghettos geht in die Geschichte ein.

 
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