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1966: Nur der Bundespräsident sah den Ball im Netz
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Quelle: Neue Osnabrücker Zeitung 01. März 2006 00:00 Uhr


1966: Nur der Bundespräsident sah den Ball im Netz

Es war das Turnier der historischen Tore: Ein Mann namens Pak Do Ik schockte ganz Italien, Lothar Emmerich traf aus unmöglichem Winkel – und das Tor, das England im Finale gegen Deutschland endgültig auf Siegkurs brachte, war keins. Gerade deswegen wird heute noch darüber geredet.

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Im Sommer 1966 wird in Deutschland leidenschaftlich diskutiert über ein Tor. Und auch der erste Mann im Staate redet mit. „Das ging ja alles so schnell, man konnte wirklich nichts erkennen. Aber plötzlich habe ich den Ball im Netz gesehen, und dahin kann er nicht von allein gekommen sein“, sagt Bundespräsident Heinrich Lübke zwölf Tage nach dem dramatischen WM-Finale. Der höchste politische Würdenträger trägt Festkleidung, als er das sagt, und er spricht nicht zu irgendwem. Zu Gast in der Villa Hammerschmidt in Bonn sind die deutschen Nationalspieler. Einer davon ist Helmut Haller, der sein Temperament auch beim offiziellen Empfang nicht bremsen kann. Im Netz soll der verdammte Schuss von Hurst gewesen – lächerlich, und wenn das tausendmal der Bundespräsident sagt. Haller hat den Mund schon geöffnet, die flapsige Antwort auf den Lippen, da zupft ihn der Bundestrainer dezent am Sakko und hält ihn zurück.

Das dritte Tor – ein Treffer, der aller Wahrscheinlichkeit nach keiner war, wurde zum Mythos der Fußballgeschichte. Ein Buch („Das Tor des Jahrhunderts“) beschäftigte sich ausschließlich damit, tausende von Fotos aus allen Blickwinkeln wurden gedruckt, und das Fachblatt „Kicker“ setzte 1000 DM aus für den fotografischen Beweis, dass der Ball die deutsche Torlinie überschritten habe. Selbst die Expertise von Wissenschaftlern der Universität Oxford, die belegten, dass der Ball nicht hinter der Linie war, kratzte an diesem wunderbaren Mythos.

In der 110. Minute, in der Verlängerung also, des hochklassigen Finales jagte der Engländer Geoffrey Hurst einen Volleyschuss an die Latte des Tores von Hans Tilkowski, der Ball prallte auf den Boden, Wolfgang Weber köpfte ihn zur Ecke. Der Schweizer Schiedsrichter Gottfried Dienst, ein Postangestellter aus Basel, befragte den sowjetischen Linienrichter Tofik Bachramow, einen Physiklehrer aus Baku. Der nickte, zeigte zur Mittellinie. „Die deutschen Spieler machten untröstliche Gesichter, kaum einer protestierte. Der Ball muss im Tor gewesen sein“, sagte Bachramow, bevor er beim Großen Fußball-Manitou die ewige Ruhe vor den immergleichen Fragen fand.

Wer heute zurückschaut auf die Bilder jenes faszinierenden Finales, staunt vor allem über die Haltung der deutschen Spieler. Das Team um Kapitän Uwe Seeler ertrug die umstrittene Entscheidung im Sinn des Fairplay. Es gab keine Tiraden auf die Unparteiischen, keine Anklagen. Die meisten heulten nur, als sie die Trutzburg des englischen Fußballs verließen.

Vier Jahre nach der Eskalation in Chile setzte sich der Fußball-Krieg zwischen Südamerika und Europa fort. Vor allem Argentinier und Uruguayer zerstörten durch Foulspiel und Disziplinlosigkeiten ihre Spielkultur. Die deutsche Elf bekam die argentinische Härte beim Vorrunden-0:0 zu spüren. Beim Viertelfinalsieg gegen Uruguay verloren die Südamerikaner beim 0:4-Rückstand in Sheffield die Nerven, zwei Spieler mussten vom Platz. Einer wollte einen deutschen Gegner mitnehmen: Horacio Troche verpasste Kapitän Uwe Seeler ein Ohrfeige – in der Hoffnung auf eine Revanche des Deutschen, der dann ebenfalls in die Kabine gemusst hätte. Doch Seeler stand nur da, lächelte kopfschüttelnd. Troche ging allein.

Die 8. WM: 11. bis 30. Juli 1966 in England

Weltmeister: England (4:2 n. V. gegen Deutschland)
Im Halbfinale gescheitert: Portugal (1:2 gegen England), Sowjetunion (1:2 gegen Deutschland)
Platz 3: Portugal (2:1 gegen Sowjetunion)
Zuschauer: 1,62 Millionen (Schnitt: 50866)
Finalstadion: Wembleystadion, London, 96924 Zuschauer
Tore: 89 in 32 Spielen (Schnitt: 2,78)
Torkönig: Eusebio, Portugal (9)
Erstmals dabei: Portugal, Nordkorea
Höchster Sieg: Deutschland - Schweiz 5:0
Nicht qualifiziert (u.a.): Schweden, Jugoslawien, Niederlande
Sensation: Das 1:0 der Nordkoreaner gegen Italien war die größte Überraschung. Die Italiener wurden zu Hause mit faulen Tomaten empfangen, die Nordkoreaner führten gegen Portugal mit 3:0, verloren aber 3:5.
Tolle Premiere: Erstmals war Portugal dabei und begeisterte mit Angriffsfußball. Die Stars von Benfica Lissabon, allen voran Eusebio, prägten das Team.
Trauriger Abgang: Weltmeister Brasilien schied sang- und klanglos, Pele war nach vielen Fouls am Ende.

Quelle: Fußball-WM-Enzyklopädie, von Hardy Grüne (Agon-Verlag)

Was 1966 sonst noch geschah

3. Februar: Der sowjetischen Raumsonde „Lunik 9“ gelingt die erste kontrollierte Mond-Landung.
9. April: Der Vatikan schafft den Index, die Liste der für Katholiken verbotenen Bücher, ab.
29. August: Die Beatles geben in San Francisco ihr letztes Konzert.
10. September: Cassius Clay, der sich später Muhammad Ali nennt, verteidigt in Frankfurt seinen Titel als Box-Weltmeister im Schwergewicht.
8. November: In Kalifornien wird der frühere Schauspieler Ronald Reagan zum Gouverneur gewählt.
30. November: Bundeskanzler Ludwig Erhard (CDU) tritt zurück, nachdem die vier FDP-Minister das Kabinett verlassen haben.
1. Dezember: Der Bundestag wählt den CDU-Politiker Kurt Georg Kiesinger zum Bundeskanzler. Er regiert mit einer großen Koalition aus CDU/CSU und SPD.

 
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