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Tippspiel
1966: Nur der Bundespräsident sah den Ball im Netz
Es war das Turnier der historischen Tore: Ein Mann namens Pak Do Ik schockte ganz Italien, Lothar Emmerich traf aus unmöglichem Winkel – und das Tor, das England im Finale gegen Deutschland endgültig auf Siegkurs brachte, war keins. Gerade deswegen wird heute noch darüber geredet.
Das dritte Tor – ein Treffer, der aller Wahrscheinlichkeit nach keiner war, wurde zum Mythos der Fußballgeschichte. Ein Buch („Das Tor des Jahrhunderts“) beschäftigte sich ausschließlich damit, tausende von Fotos aus allen Blickwinkeln wurden gedruckt, und das Fachblatt „Kicker“ setzte 1000 DM aus für den fotografischen Beweis, dass der Ball die deutsche Torlinie überschritten habe. Selbst die Expertise von Wissenschaftlern der Universität Oxford, die belegten, dass der Ball nicht hinter der Linie war, kratzte an diesem wunderbaren Mythos.
In der 110. Minute, in der Verlängerung also, des hochklassigen Finales jagte der Engländer Geoffrey Hurst einen Volleyschuss an die Latte des Tores von Hans Tilkowski, der Ball prallte auf den Boden, Wolfgang Weber köpfte ihn zur Ecke. Der Schweizer Schiedsrichter Gottfried Dienst, ein Postangestellter aus Basel, befragte den sowjetischen Linienrichter Tofik Bachramow, einen Physiklehrer aus Baku. Der nickte, zeigte zur Mittellinie. „Die deutschen Spieler machten untröstliche Gesichter, kaum einer protestierte. Der Ball muss im Tor gewesen sein“, sagte Bachramow, bevor er beim Großen Fußball-Manitou die ewige Ruhe vor den immergleichen Fragen fand.
Wer heute zurückschaut auf die Bilder jenes faszinierenden Finales, staunt vor allem über die Haltung der deutschen Spieler. Das Team um Kapitän Uwe Seeler ertrug die umstrittene Entscheidung im Sinn des Fairplay. Es gab keine Tiraden auf die Unparteiischen, keine Anklagen. Die meisten heulten nur, als sie die Trutzburg des englischen Fußballs verließen.
Vier Jahre nach der Eskalation in Chile setzte sich der Fußball-Krieg zwischen Südamerika und Europa fort. Vor allem Argentinier und Uruguayer zerstörten durch Foulspiel und Disziplinlosigkeiten ihre Spielkultur. Die deutsche Elf bekam die argentinische Härte beim Vorrunden-0:0 zu spüren. Beim Viertelfinalsieg gegen Uruguay verloren die Südamerikaner beim 0:4-Rückstand in Sheffield die Nerven, zwei Spieler mussten vom Platz. Einer wollte einen deutschen Gegner mitnehmen: Horacio Troche verpasste Kapitän Uwe Seeler ein Ohrfeige – in der Hoffnung auf eine Revanche des Deutschen, der dann ebenfalls in die Kabine gemusst hätte. Doch Seeler stand nur da, lächelte kopfschüttelnd. Troche ging allein.
Weltmeister: England (4:2 n. V. gegen Deutschland)
Im Halbfinale gescheitert: Portugal (1:2 gegen England), Sowjetunion (1:2 gegen Deutschland)
Platz 3: Portugal (2:1 gegen Sowjetunion)
Zuschauer: 1,62 Millionen (Schnitt: 50866)
Finalstadion: Wembleystadion, London, 96924 Zuschauer
Tore: 89 in 32 Spielen (Schnitt: 2,78)
Torkönig: Eusebio, Portugal (9)
Erstmals dabei: Portugal, Nordkorea
Höchster Sieg: Deutschland - Schweiz 5:0
Nicht qualifiziert (u.a.): Schweden, Jugoslawien, Niederlande
Sensation: Das 1:0 der Nordkoreaner gegen Italien war die größte Überraschung. Die Italiener wurden zu Hause mit faulen Tomaten empfangen, die Nordkoreaner führten gegen Portugal mit 3:0, verloren aber 3:5.
Tolle Premiere: Erstmals war Portugal dabei und begeisterte mit Angriffsfußball. Die Stars von Benfica Lissabon, allen voran Eusebio, prägten das Team.
Trauriger Abgang: Weltmeister Brasilien schied sang- und klanglos, Pele war nach vielen Fouls am Ende.
Quelle: Fußball-WM-Enzyklopädie, von Hardy Grüne (Agon-Verlag)
3. Februar: Der sowjetischen Raumsonde „Lunik 9“ gelingt die erste kontrollierte Mond-Landung.
9. April: Der Vatikan schafft den Index, die Liste der für Katholiken verbotenen Bücher, ab.
29. August: Die Beatles geben in San Francisco ihr letztes Konzert.
10. September: Cassius Clay, der sich später Muhammad Ali nennt, verteidigt in Frankfurt seinen Titel als Box-Weltmeister im Schwergewicht.
8. November: In Kalifornien wird der frühere Schauspieler Ronald Reagan zum Gouverneur gewählt.
30. November: Bundeskanzler Ludwig Erhard (CDU) tritt zurück, nachdem die vier FDP-Minister das Kabinett verlassen haben.
1. Dezember: Der Bundestag wählt den CDU-Politiker Kurt Georg Kiesinger zum Bundeskanzler. Er regiert mit einer großen Koalition aus CDU/CSU und SPD.






