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1962: Vom Zauberer zum Maurer - Herbergers Ende
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Quelle: Neue Osnabrücker Zeitung 22. Februar 2006 00:00 Uhr


1962: Vom Zauberer zum Maurer - Herbergers Ende

Es war die hässlichste und schlechteste WM aller Zeiten. Dazu passte, dass die deutsche Mannschaft schon in der ersten K.-o.-Runde scheiterte. Nur die Brasilianer, die wieder Weltmeister wurden, zauberten.

 
Vor dem Finale: (stehend von links) Djalma Santos, Zito, Gilmar, Zozimho, Nilton Santos, Mauro sowie (vorne) Masseur Americo, Garrincha, Didi, Vava, Amarildo und Mario Zagalo.  Vergrößern

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Die Rückkehr aus einer anderen Welt wird zum Tribunal. In einem Café des Frankfurter Rhein-Main-Flughafens brütet der große alte Mann des deutschen Fußballs über den Zeitungen, deren Schlagzeilen ihn treffen wie giftige Pfeile. „Herberger hat uns eingemauert“, heißt es da; balkendick wird die Frage gestellt, die Monate zuvor noch eine Majestätsbeleidigung gewesen wäre: „Herr Herberger, wann treten Sie zurück?“ Der Bundestrainer ist schockiert, unvorbereitet auf das öffentliche WM-Echo, das gar nicht bis nach Chile gedrungen ist. „Und ich hatte gedacht, in der Heimat würde eitel Freude über unseren Gruppensieg herrschen...“, gesteht Herberger einem Vertrauten.

In Chile endete die Ära des Weltmeister-Trainers, auch wenn er erst zwei Jahre später aus dem Amt schied. Der Trainer-Patriarch, den seine Weltmeister von 1954 noch als gestandene Männer ehrfurchtsvoll „Chef“ nannten, wurde mit einer neuen Generation von Fußballern konfrontiert: Junge, freche Typen wie Albert Brülls und Helmut Haller, für die das Turnier vor allem eine Chance war, sich für einen Millionen-Vertrag im gelobten Fußball-Land Italien zu empfehlen. Der einzige Weltmeister von 1954 im Team war der Kölner Hans Schäfer. Als er versuchte, den Mannschaftsgeist der Spiezer Tage zu vermitteln und Herbergers Werte pries, wurde er von Haller als „Hochradfahrer“ beschimpft.

Vielleicht hatte Herberger diese Probleme geahnt und deshalb einen aberwitzigen Plan ausgeheckt. Er wollte den 42-jährigen Fritz Walter, der seit 1959 kein Wettkampfspiel bestritten hatte, als „Geheimwaffe“ mit nach Chile nehmen. Doch der „Große Fritz“ verweigerte ihm – zum ersten und einzigen Mal – den Gehorsam.

Die deutsche Mannschaft scheiterte in Chile nicht, weil sie defensiv und zögerlich spielte – das taten fast alle anderen Teams auch. Sie scheiterte, weil sie keine Mannschaft war. Herberger bekam die Wahrheit seines Leitsatzes „Jede Mannschaft ist nur so gut wie ihre Ersatzspieler“ auf bittere Art zu spüren. Als Hans Tilkowski erfuhr, dass der junge Wolfgang Fahrian als Torwart Nummer 1 auserkoren war, ließ er seine Wut am Zimmermobiliar aus. Nach der Heimkehr ätzte er: „Man war über seine Maßnahmen verärgert und sogar belustigt. Einige Spieler sagten sich in aller Deutlichkeit von Herberger los. Wenn sie mehr Mut bewiesen hätten, wäre es in Chile zum Skandal gekommen.“

Zum größten Skandal der WM wurde die „Schlacht von Santiago“. Am 2. Juni 1962 lieferten sich Chilenen und Italiener ein Duell voller Feindseligkeit, Brutalität und Hinterhältigkeit. Hilflos stand der englische Schiedsrichter Kenneth Aston der Vielzahl von Tritten, Spuckattacken und Schlägen gegenüber. In der aufgeheizten Atmosphäre traute er sich nicht, einen Spieler des Gastgebers vom Feld zu stellen – nicht einmal, als der Chilene Leonel Sanchez einem Gegner mit einem unübersehbaren Faustschlag das Nasenbein zertrümmerte.

Weltmeister Brasilien musste den Titel weitgehend ohne den verletzten Pele verteidigen und schaffte das dank der überragenden Form von Rechtsaußen Garrincha. Das Urwaldkind, das mit verkrüppelten Beinen zur Welt gekommen war, tanzte am rechten Flügel die besten Verteidiger der Welt wie ein Hexenmeister aus – mit einem X- und einem O-Bein.

Die 7. WM: 30. Mai bis 17. Juni 1962 in Chile

Weltmeister: Brasilien (3:1 gegen Tschechoslowakei)
Im Halbfinale gescheitert: Chile (2:4 gegen Brasilien), Jugoslawien (1:3 gegen Tschechoslowakei).
Platz 3: Chile (1:0 gegen Jugoslawien)
Zuschauer: 776000 (Schnitt: 24250)
Finalstadion: Nationalstadion Santiago, 69000 Zusch.
Tore: 89 in 32 Spielen (Schnitt: 2,78)
Torkönig: Garrincha, 4 Tore
Erstmals dabei: Kolumbien, Bulgarien
Höchster Sieg: Jugoslawien - Kolumbien 5:0; Ungarn - Bulgarien 6:1
Nicht qualifiziert (u.a.): Schweden, Frankreich, Niederlande
Torkönig ausgelost: Weil sechs Spieler vier Tore erzielt hatten, wurde diese Ehre verlost. Garrincha gewann, Iwanow (UdSSR), Albert (Ungarn), Vava (Brasilien), Sanchez (Chile) und Jerkovic (Jugoslawien) verloren.
TV-Verzögerung: Live-Bilder aus Chile gab es in Deutschland nicht zu sehen, die Satelliten-Übertragung war noch nicht erfunden. Filme wurden per Flugzeug in die Heimat gebracht und dort mit 24-stündiger Verzögerung gesendet.

Quelle: Fußball-WM-Enzyklopädie, von Hardy Grüne (Agon-Verlag)

Was 1962 sonst noch geschah

16. Januar: In der Karibik beginnen die Dreharbeiten zum ersten 007-Film „James Bond jagt Dr. No“ mit Sean Connery.
17. Februar: Eine Sturmflut überrascht Norddeutschland. 347 Menschen sterben, davon 300 in Hamburg.
20. Februar: John Glenn umkreist in der „Mercury-Atlas 6“-Kapsel als erster Amerikaner die Erde.
23. Juni: Boxstar Bubi Scholz verliert den WM-Kampf im Berliner Olympiastadion gegen Harold Johnson.
1. September:Bei einem Erdbeben im Westen Irans kommen mehr als 12000 Menschen ums Leben.
5. Oktober:Die erste Single der Beatles: „Love me do“.
10. Oktober: „Der Spiegel“ schreibt über eine nur „bedingt einsatzbereite“ Bundeswehr. Daraufhin werden die Redaktionsräume durchsucht, Herausgeber Rudolf Augstein und Redakteure festgenommen. Die Affäre wurde zur Regierungsrise.

 
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