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1954: Das ewige 3:2 und unvergänglicher Ruhm
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Quelle: Neue Osnabrücker Zeitung 08. Februar 2006 00:00 Uhr


1954: Das ewige 3:2 und unvergänglicher Ruhm

Als Außenseiter, den niemand mochte, fuhren die deutschen Nationalspieler 1954 in die Schweiz. Als sie zurückkehrten, waren sie Weltmeister – und wurden die ersten Sport-Helden des neuen Deutschland.

 
Weltmeister 1954: Deutschland Nach dem 3:2 gegen Ungarn werden Kapitän Fritz Walter und Trainer Sepp Herberger (rechts) vom Spielfeld getragen.  Vergrößern

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Die Frankfurter Sportpresse feiert ihr Fest, und plötzlich wird es feierlich. Die Tiefstrahler unter der Decke der Festhalle verlöschen, aus den Lautsprechern ertönt die sich überschlagende Stimme: „Aus! Aus! Aus! Deutschland ist Weltmeister, schlägt Ungarn mit 3:2 Toren im Finale in Bern! Halten Sie mich für verrückt, halten Sie mich für übergeschnappt!“ Es ist die Stimme von Herbert Zimmermann, und er löst einen unglaublichen Jubelsturm aus, 10000 Zuschauer im Hallenoval verlieren die Fassung. Elf Männer und ihr Trainer stehen auf dem Podium, die Ovationen der Massen jagen ihnen Schauer über den Rücken und treiben ihnen die Tränen in die Augen.

So oder ähnlich werden überall auf der Welt Fußballer gefeiert, die den wertvollsten aller Titel errungen haben. Doch die Szenerie aus Frankfurt hatte etwas Besonderes: das Datum. Frankfurt umjubelte die Weltmeister im Februar 1958, das sensationelle 3:2 gegen die Ungarn lag fast vier Jahre zurück! Peinliche Niederlagen hatte es seither gegeben, nie mehr hatte die Mannschaft zusammengespielt, einige waren mit dem Ruhm nicht fertig geworden. Doch der hatte nicht gelitten, und vielleicht spürten Fritz Walter, Helmut Rahn und Toni Turek an diesem Abend, was an diesem 4. Juli 1954 geschehen war: Elf Männer hatten ein Fußballspiel gewonnen und waren zu nationalen Helden geworden.

„Der deutsche Sieg war in erster Linie ein Sieg der Mannschaft“, urteilte die französische Fachzeitschrift „L’Equipe“ am Tag nach dem Sieg gegen das ungarische Wunderteam. Bundestrainer Sepp Herberger, ein listiger Autodidakt, hatte vor diesem Turnier eine verschworene Gemeinschaft geschaffen, die Jahrzehnte Bestand hatte. Trotz hunderttausendfacher Publikumswünsche und lukrativer Angebote spielte die Elf von Bern nur noch ein Mal zusammen: 1969 in Braunschweig bei einem Benefizspiel für den tödlich verunglückten Eintracht-Profi Jürgen Moll.

1000 DM Prämie gab es vom DFB für den unglaublichen Sieg, dazu Motorroller, Kronleuchter, Kühlschränke, Hüte, Regenmäntel, Reisetaschen – und vom Milchwirtschaftsverband Weser-Ems ein halbes Jahr lang täglich einen halben Liter Milch: Das Wirtschaftswunderland honorierte das Fußballwunder.

Viel unfassbarer war der Ruhm, der auf die ersten Sportheroen des neuen Deutschland prasselte. Die Heimfahrt wurde zum Triumphzug, in ihren Heimatstädten wurden sie von hunderttausenden empfangen. Rathausbankette, Ehrungen und immer wieder Einladungen – kein Wunder, dass mancher dabei nicht nur seine Form, sondern auch den Boden unter den Füßen verlor. So wie Helmut Rahn, der an Theken des Ruhrgebiets ungezählte Male der Aufforderung „Helmut, erzähl mich datt Tor“ nachkam und diesen Linksschuss aus 17 Metern beschrieb. Später wurde der lebensfrohe Rahn zum Einsiedler, der die Öffentlichkeit mied, weil er kein Held mehr sein wollte.

Die meisten Bundesbürger stimmten 1954 allzu gern ein in den Jubelchor, in den sich manch nationalistischer Missklang mischte. Den richtigen Ton traf Bundespräsident Theodor Heuss, der dem von Reporter Zimmermann zum „Fußballgott“ beförderten Toni Turek sagte: „Wenn Sie auch kein Fußballgott sind, so sind Sie doch wahrscheinlich ein ganz ordentlicher Mensch...“

Die 5. WM: 16. Juni bis 4. Juli 1954 in der Schweiz

Weltmeister: Deutschland (3:2 gegen Ungarn)
Im Halbfinale gescheitert: Österreich (1:6 gegen Deutschland), Uruguay (2:4 n.V. gegen Ungarn).
Platz 3: Österreich (3:1 gegen Uruguay)
Zuschauer: 943000 (Schnitt: 36269)
Finalstadion: Wankdorfstadion, Bern, 62471
Tore: 140 in 26 Spielen (Schnitt: 5,38)
Torkönig: Sandor Kocsis (Ungarn), 11 Tore
Erstmals dabei: Südkorea, Schottland, Türkei
Höchster Sieg: Uruguay - Schottland, Türkei - Südkorea, beide 7:0
Nicht qualifiziert (u.a.): Spanien, Schweden, Portugal
Torrekord: Nie fielen in einem WM-Endrundenspiel mehr Treffer als am 26. Juni in Lausanne. 7:5 gewann Österreich gegen die Schweiz.
Starke Jugoslawen: Drei spätere Bundesligatrainer standen im Team des Favoriten, der im Viertelfinale mit 0:2 an Deutschland scheiterte: Tschik Cajkovski, Branko Zebec und Ivica Horvat.
Hässliche Szenen: Im Viertelfinale entgleisten sowohl die Ungarn als auch die Brasilianer. Es gab drei Platzverweise, Gendarmen mussten Tumulte unterbinden. „Sie benahmen sich wie Irrenhäusler“, schrieb der „Sport“.

Quelle: Fußball-WM-Enzyklopädie, von Hardy Grüne (Agon-Verlag).

Was 1954 sonst noch geschah

8. Januar: Elvis Presley nimmt in Memphis seine erste Platte auf.
21. Januar: Das erste atomar betriebene U-Boot „USS Nautilus“ läuft in den USA vom Stapel.
19. Februar: Die Kölnerin Gundi Busch wird in Oslo als erste Deutsche Weltmeisterin im Eiskunstlauf.
26. März: Der Bundestag beschließt eine Ergänzung des Grundgesetzes, die den Aufbau einer Armee erlaubt.
12. April: Mit den Songs „Rock Around the Clock“ von Bill Haley und seiner Band „The Comets“ beginnt die Ära des Rock ’n’ Roll.
17. Mai: Der Oberste Gerichtshof der USA erklärt die Rassentrennung an Schulen für verfassungswidrig.
23. Oktober: In Paris enden die Konferenzen der Westalliierten und der Bundesrepublik über eine politische und militärische Neuordnung in Westeuropa mit der Einladung an Bonn, der NATO beizutreten.

 
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