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1950: Brasilien besiegt – Selbstmord im Stadion
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Quelle: Neue Osnabrücker Zeitung 08. Februar 2006 00:00 Uhr


1950: Brasilien besiegt – Selbstmord im Stadion

Es war die WM der Sensationen – und die einzige, die nicht in ein Finale mündete, sondern im Gruppenmodus entschieden wurde. Für Brasilien und England wurde das Turnier zum Trauma.

 
Weltmeister 1950: Uruguay (hinten von links): Varela, Trainer Lopez, Tejera, zwei Betreuer, Gambetta, Gonzalez, Maspoli, Andrade, Masseur Kirshberg sowie (vorne) Alvarez, Ghiggia, Perez, Omar Miguez, Juan Alberto Schiaffino, Ruben Moran, Betreuer Figoli.  Vergrößern

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Der Rundfunkreporter Ludwig Maibohm will schnell sein, schneller als alle anderen. Und so bittet der Münchener Journalist – einer von ganz wenigen, die aus dem Nachkriegsdeutschland zur WM nach Brasilien gereist sind – eine internationale Expertenrunde schon vor dem letzten Spiel des Turniers an sein Mikrofon. Das Thema: Warum wurde Gastgeber Brasilien so überlegen Weltmeister? Freimütig äußert sich die Trainerprominenz zu einer Frage, die man eigentlich noch gar nicht stellen darf. Denn im letzten Spiel gegen Uruguay benötigen die Brasilianer zumindest noch ein Unentschieden, um Weltmeister zu werden. Doch damit rechnet niemand, kein Experte, erst recht kein brasilianischer Fan und auch nicht Maibohm. Doch dessen Bandaufnahme wandert einen Tag später ungesendet ins Kuriositäten-Archiv.

200000 Zuschauer bevölkerten das eigens für die WM gebaute Maracana-Stadion, um ihre Helden zu feiern. 1:0 führte die Mannschaft um den Star Ademir programmgemäß, das 1:1 durch Schiaffino war noch kein Dämpfer für die überschäumende Stimmung. Doch elf Minuten vor der Krönung stürzte das legendäre Tor von Linksaußen Ghiggia ein ganzes Land in Entsetzen und Trauer. Während im Maracana-Stadion vier Menschen an Herzversagen und Selbstmord starben, formulierte der Chronist der Zeitung „Campeas“ seinen Schmerz so: „Leichenzug! Verzweifelung! Auflehnung gegen das grausame Schicksal! Faustschlag ins Gesicht der Realitäten! Fast 50 Millionen Mitbürger leben heute wie wir: Symbolisch tot vor Trauer und untröstlichem Schmerz! Es bleibt uns nur die Tatsache der körperlichen Existenz.“

In Uruguay feierte ein kleines Land seine Weltmeister als Nationalhelden. Die Triumphzüge legten das öffentliche Leben lahm, die höchsten Politiker honorierten den Erfolg mit Auszeichnungen und viel Geld. Und fußballverrückte Väter tauften ihre Kinder auf den Namen „Dos-a-uno“ – „Zwei zu eins“.

Doch nicht nur die Brasilianer mussten mit einer unfassbaren Niederlage fertig werden. Die Engländer stürzten bei ihrer ersten Teilnahme an einer WM vielleicht noch tiefer. Nach dem 2:0 gegen Chile betrachteten Alf Ramsey und seine Kollegen die USA nur als Sparringspartner. Doch der Außenseiter, aus dessen Reihen entgegen der Legende kaum einer als Profi in England gespielt hat, gewann mit 1:0. Wie ungläubig das Mutterland des Fußballs diesem Resultat gegenüberstand, bewies der Innendienstredakteur einer Tageszeitung: Als der Fernschreiber die Ergebniszeile „England - USA 0:1“ tickerte, kam für den Zeitungsmann nur ein Übermittlungsfehler infrage – und er korrigierte das Ergebnis in „10:1“.

Nur 13 Mannschaften waren dem Ruf nach Brasilien gefolgt, von einem weltumspannenden Interesse konnte keine Rede sein. Der deutsche Fußball war fünf Jahre nach dem Ende des Krieges nicht salonfähig und betrat erst am 22. November 1950 mit dem Spiel gegen die Schweiz in Stuttgart (1:0) wieder die internationale Bühne.

Den Auftritt der vielleicht besten Ländermannschaft jener Zeit verhinderte ein tragisches Unglück: In einer dreimotorigen Maschine, die am 5. Mai 1949 auf dem Turiner Flughafen zerschellte, starben alle Spieler der mit der italienischen Nationalelf weitgehend identischen „Wundermannschaft“ des AC Turin.

Die 4. WM: 24. Juni bis 16. Juli 1950 in Brasilien

Weltmeister: Uruguay (Erster der Finalrunde)
Außerdem in der Finalrunde: Brasilien (2.), Schweden (3.), Spanien (4.).
Zuschauer: 1,4 Millionen (Schnitt: 60700)
Hauptstadion: Maracana, Rio de Janeiro, 200000
Tore: 88 in 22 Spielen (Schnitt: 4,0)
Torkönig: Ademir (Brasilien), 8 Tore.
Erstmals dabei: England, USA.
Höchster Sieg: Uruguay - Bolivien 8:0
Nicht qualifiziert (u.a.): Frankreich, Belgien, Portugal, Irland.
Trotz Qualifikation verzichtet: Schottland, Indien.
Unverzeihlich: Brasiliens Torwart Barbosa wollte 1993 seine Nachfolger im Trainingscamp besuchen. Der Zutritt wurde ihm verweigert: Er bringe Pech.
Indisches Rätsel: Kampflos hatte sich Indien qualifiziert. Als die FIFA dem Neuling verbot, wie gewohnt mit Bandagen statt mit Schuhen zu spielen, sagte Indien ab.
Zuschauer: Offiziell waren 173850 Menschen beim „Finale“ dabei, Experten schätzen, dass es über 200000 waren. Sicher ist: Nie sahen mehr Menschen ein Spiel im Stadion.

Quelle: Fußball-WM-Enzyklopädie, von Hardy Grüne (Agon-Verlag).

Was 1950 sonst noch geschah

31. Januar: Der amerikanische Präsident Harry S. Truman ordnet den Bau der Wasserstoffbombe an.
3. Februar: Die „Neue Deutsche Wochenschau“ wird erstmals in den Vorprogrammen der bundesdeutschen Kinos gezeigt.
8. Februar: Die Volkskammer der DDR beschließt das Gesetz zur Bildung eines Ministeriums für Staatssicherheit (MfS, „Stasi“).
1. Mai: In Westdeutschland werden die Lebensmittelkarten abgeschafft.
17. Juni: Der Rowohlt-Verlag bringt als erster deutscher Verlag Taschenbücher heraus.
25. Juni: Mit dem Überfall der nordkoreanischen Truppen auf den Südteil des Landes beginnt der Korea-Krieg.
9. Oktober: Bundesinnenminister Gustav Heinemann (CDU) tritt aus Protest gegen die Haltung der Regierungsmehrheit zur deutschen Wiederbewaffnung und gegen den Führungsstil Adenauers zurück.

 
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