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1938: Großdeutschland blamiert sich, Brasilien patzt

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1938: Großdeutschland blamiert sich, Brasilien patzt

Über der Weltmeisterschaft vom 1938 in Frankreich lag der Schatten des Krieges. Die Mannschaft aus Nazi-Deutschland blamierte sich, Italien verteidigte den Titel von 1934 erfolgreich.

 
Weltmeister 1938: Italien Trainer Vittorio Pozzo inmitten seiner Spieler (hinten, von links) Co-Trainer Burlando, Biavati, Piola, Ferrari, Colaussi sowie (vorne) Locatelli, Meazza, Foni, Serantoni, Olivieri, Rava und Andreolo.  Vergrößern

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Adolf Hitler war am 12. März in Österreich einmarschiert, und „Großdeutschland“ rüstete nach der Annexion des Nachbarlandes auch fußballerisch auf. Die legendäre „Breslauer Elf“ und das „Wiener Wunderteam“ wurden vereinigt zu einer Mannschaft, die die Fußball-Welt das Fürchten lehren sollte. Doch die Mission endete im Debakel, die Mannschaft von Reichstrainer Sepp Herberger schied in der ersten Runde aus. Es ist bis heute das schlechteste WM-Abschneiden einer deutschen Elf.

Für seine „Wiener Melange mit preußischem Einschlag“ bekam Herberger nicht alle Kicker, die er auserwählt hatte. Der sensible Wiener Ausnahmestürmer Matthias Sindelar, auch „Mozart des Fußballs“ genannt, gab ihm einen Korb unter dem Vorwand, er fühle sich zu alt. Sindelar war Jude, er wurde später von einem Teamkollegen denunziert. Am 23. Januar 1939 vergiftete er sich in seiner Wohnung mit Gas. 15000 Trauergäste gaben ihm auf dem Wiener Zentralfriedhof das letzte Geleit.

Ohne Sindelar erlitt die „großdeutsche“ Mannschaft Schiffbruch beim Eröffnungsspiel gegen die Schweiz. Herberger hatte sechs Deutsche und fünf Österreicher aufgestellt, denen beim Einlaufen in den Pariser Prinzenpark Hass entgegenschlug. Sie wurden mit Tomaten, Eiern und Flaschen beworfen; beim Horst-Wessel-Lied ertönte ein gellendes Pfeifkonzert. Das Spiel endete 1:1 nach Verlängerung, und die Nazi-Hymne war noch einmal zu hören. Diesmal setzte sich die Schweiz 4:2 durch – der WM-Dritte von 1934 war ausgeschieden.

Für die Gastgeber war die Runde der letzten Acht nach dem 1:3 gegen Italien die Endstation, das französische Publikum schlug sich daraufhin im WM-Finale auf die Seite der Ungarn. Die Magyaren hatten zuvor die Schweiz mit 2:0 und Schweden mit 5:1 aus dem Weg geräumt.

Den Brasilianern blieb nur der 4:2-Sieg im „kleinen Finale“ gegen Schweden, doch die Ballkünstler um die beiden Stars Leonidas und Domingos hatten das Publikum verzaubert und wurden als „heimliche Weltmeister“ gefeiert. Das 1:2 gegen Italien im Halbfinale war Folge einer Fehleinschätzung des brasilianischen Trainers: Ademar Pimenta wollte Leonidas, der schon sechs Tore erzielt hatte, für das Finale schonen – ein Fauxpas, der die „Selecao“ um den Titel brachte.

Im „Jahrhundert-Spiel“ gegen Polen (6:5 n.V.) erzielte Leonidas ebenso wie der später eingedeutschte Pole Ernest Willimowski vier Tore. Als es anfing zu regnen, zog der Brasilianer seine Schuhe aus und spielte barfuß, bis ein Funktionär beim Schiedsrichter protestierte.

Ein Sportreporter steckte hinter den Erfolgen der Italiener. Nach dem unrühmlichen Titelgewinn vier Jahre zuvor im eigenen Land polierte die „Squadra Azzurra“ 1938 unter Vittorio Pozzo mit nur drei Spielern von 1934 (Giuseppe Meazza, Giovanni Ferrari, Eraldo Monzeglio) ihren Ruf wieder auf. Pozzo war in den zwanziger Jahren als Kommentator der Zeitung „La Stampa“ der schärfste Kritiker des „Calcio“. Die Vermutung liegt nahe, dass die Funktionäre ihn nur ins Amt des Nationaltrainers hievten, um ihn als kritischen Gegenspieler auszuschalten.

1929 übernahm Pozzo die italienische Nationalmannschaft, führte sie zu den WM-Titeln 1934 und 1938 und zum Olympiasieg 1936. Bis heute ist Pozzo der Einzige, der als Trainer zwei WM-Titel gewann.

Die 3. WM: 4. bis 19. Juni 1938 in Frankreich

Weltmeister: Italien (4:2 gegen Ungarn)
Aus im Halbfinale: Brasilien (1:2 gegen Italien), Schweden (1:5 gegen Ungarn)
Platz 3: Brasilien (4:2 gegen Schweden)
Zuschauer: 483000 (Schnitt: 26833)
Finalstadion: Stade de Colombes, Paris, 45124
Tore: 84 in 18 Spielen (Schnitt: 4,67)
Torkönig: Leonidas (Brasilien), 8 Tore.
Erstmals dabei: Kuba, Niederländisch-Indien (Indonesien), Norwegen, Polen
Höchster Sieg: Schweden - Kuba 8:0
Nicht dabei (u.a.): Jugoslawien, Spanien, Portugal, Argentinien, Uruguay
Quelle: Fußball-WM-Enzyklopädie, von Hardy Grüne (Agon-Verlag).

Was 1938 sonst noch geschah

16. Januar: Als erster Jazzmusiker tritt Benny Goodman in der New Yorker Carnegie Hall auf.
4. Februar: Adolf Hitler übernimmt den Oberbefehl über die Wehrmacht, die am 12. März in Österreich einmarschiert.
20. April: Die Filme „Fest der Völker“ und „Fest der Schönheit“ von Leni Riefenstahl über die Olympischen Spiele von 1936 werden in Berlin uraufgeführt.
27. September: Das bis dahin größte Passagierdampfschiff „Queen Elizabeth“ läuft in Liverpool vom Stapel.
30. Oktober: Orson Welles löst mit dem Hörspiel „Krieg der Welten“ über die Landung von Marsmenschen eine Massenhysterie unter amerikanischen Radiohörern aus.
9. November: In der Reichspogromnacht hetzen die Nazis zu Überfällen auf Juden und zu Zerstörung jüdischer Gebäude auf.

 
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