27.06.2008, 22:00 Uhr zuletzt aktualisiert vor

„Vaters Traum verwirklicht“

Mit dem Ende der Fußball-Europameisterschaft geht es für Rudi Cerne erst richtig los: Vom 5. bis zum 27. Juli berichtet er fürs ZDF von der Tour de France, am 9. Juli kommt das von ihm moderierte Magazin „Aktenzeichen XY... ungelöst“ aus der Sommerpause, und im August geht’s zu den Olympischen Spielen nach Peking. Im Wohnzimmer seines Hauses bei Hanau unterhielt sich der 49-Jährige mit unserer Zeitung über seine Karriere als Eiskunstläufer, den Erfolg von „Aktenzeichen XY“ und die Verwechslung mit dem RAF-Terroristen Christian Klar.

Herr Cerne, wann hat eigentlich das letzte Mal jemand „Rudolf“ statt „Rudi“ zu Ihnen gesagt?
Noch nie, weil ich nicht Rudolf heiße. Mein Vater hieß Rudolf, und wie es früher so war, wurde mein ältester Bruder nach dem Opa benannt, und der hieß Franz. Bei mir haben sich die Eltern dann für die Abkürzung entschieden. Zugegeben, nicht sehr kreativ, aber ich bin zufrieden. Und deshalb steht in meiner Geburtsurkunde, meinem Personalausweis und im Reisepass Rudi.

Hat der kleine Rudi denn schon als Junge „Aktenzeichen XY“ geguckt?
Ja, 1967 ging’s ja los, ich war in der Grundschule, und da war es für viele der Kick: „Haste gestern gesehen? Das ist ja alles wahr...“. Mit neun oder zehn durfte ich auch schon gucken. Viele sagen ja heute, es wäre so gruselig für sie gewesen, dass sie anschließend immer alle Lampen und Lichter eingeschaltet hätten – das war bei mir nie der Fall. Mir war „XY“ eher zu unspektakulär.

Was gefiel Ihnen besser?
„Raumschiff Orion“, „Die Straßen von San Francisco“, da ging’s rund, oder „High Chaparell“, keine Folge ohne Ballerei oder eine gepflegte Schlägerei im Saloon. Das fand ich wesentlich spektakulärer. Wir sind ja mit diesen Krimis und Western praktisch aufgewachsen.

Haben Sie damals auch nur einen Gedanken daran verschwendet, dass Sie mal der Nachfolger von Eduard Zimmermann werden könnten?
Nie, nie, nie. Nicht mal, als ich vor sieben Jahren den Anruf von ZDF-Fernsehspielchef Hans Janke bekam, der mich fragte, ob ich die Moderation übernehmen würde. Ich habe erst mal gedacht: Vorsicht, das ist womöglich ein Köder für die „Versteckte Kamera“.

Was wollten Sie denn werden als Zehn- oder Elfjähriger?
Rennfahrer. Jochen Rindt, der später tödlich verunglückt ist, war mein großes Idol. Nach seinem Unfall war es dann allerdings vorbei mit dem Berufswunsch. Aber Fallschirmspringer und Pilot waren ja auch gute Alternativen – wovon man als Junge halt so träumt. Später dachte ich rationaler, wollte Zahnarzt werden, auch unter dem wirtschaftlichen Aspekt: ein tolles Auto, ein schönes Haus, und du bist damit auch schließlich hoch angesehen.

Aber ist ein Zahnarzt nicht auch ein Kinderschreck?
Das war ja erst später, so mit 16, 17, 18. Ich habe mich auch bei der ZVS beworben, aber mit meinem Numerus clausus war ich natürlich Lichtjahre entfernt von einem Zahnmedizinstudium. Alternativ habe ich dann Sport und Biologie für Sekundarstufe II angefangen, und das hat sich dann durch meinen zweiten Platz bei den Eiskunstlauf-Europameisterschaften und das Angebot von „Holiday On Ice“ erledigt.

Als Eiskunstläufer haben Sie dann Karriere gemacht – wäre Fußball nicht naheliegender gewesen?
Na klar, schließlich bin ich ein Junge aus dem Ruhrgebiet. Nach der Schule war der Schulhof für alle der Fußballplatz.

Eiskunstlauf war doch ein Mädchensport.
Keineswegs. Eiskunstlaufen galt als sehr niveauvoll. Eine Verbindung aus Kunst und Sport eben. Nichts für Grobmotoriker. Zu meiner Jugendzeit liefen alle Männer im dunklen Küranzug. Emmerich Danzer, Donald Jackson, David Jenkins, die sind dir die Dreifachen nur so um die Ohren gesprungen. Und alles sah spielerisch leicht aus. Als später allerdings Ballett dazukam, habe ich mich geweigert, und das wurde akzeptiert. Mein Vater war immer die treibende Kraft. Mit fünf hat er mich auf das Eis gestellt und seinen Traum verwirklicht, den er sich selbst nicht erfüllen konnte, weil ihm mit 22 Jahren in Russland im Krieg ein Bein abgeschossen wurde.

Was hat er gemacht?
Er war Malermeister, hatte einen Betrieb mit 15 Angestellten, später kam auch Gerüstbau dazu. Ich sollte Sportler werden. Fußball kam allerdings überhaupt nicht infrage – elf Jungs in kurzen Hosen, die auf einem dreckigen Platz hinterm Ball herlaufen, das war nichts für ihn.

Für einen Vater aus dem Ruhrgebiet ein ziemliches Alleinstellungsmerkmal.
Aber er war kein Haudegen. Er war sehr elegant, auf Äußerlichkeiten bedacht, hatte immer den richtigen Anzug an, gedeckte Farben, Krawatte – für mich war er eine sehr imposante Person. Ich wiederum hatte ziemlich früh das Ziel, Olympiasieger und Weltmeister zu werden. Das hat nicht ganz geklappt, aber ich habe es immerhin einmal aufs Treppchen geschafft.

Wie viel Zeit haben Sie als Jugendlicher in den Eiskunstlauf investiert?
Zwei Drittel des Tages. Mit fünf sind wir schon dreimal die Woche zum Training. Ziemlich bald ging es schon täglich von Wanne-Eickel nach Krefeld zum Training, das waren 75 Kilometer. Ich habe im Auto gegessen und mit einer Taschenlampe abends Vokabeln gelernt beziehungsweise Comics gelesen. Deswegen bin ich auch hängengeblieben.

Sie wurden gerne mal als „schlampiges Genie“ beschrieben.
Man wird gern in eine Schublade gesteckt. Wenn man schlampig ist, wird man nicht Vize-Europameister. Aber ich kann Ihnen genau sagen, wo meine Defizite lagen: Zwischen dem 14. und dem 17. Lebensjahr hätte ich intensiver trainieren müssen und vielleicht auch mal schneller den Trainer wechseln sollen.

Gibt es Situationen im Eiskunstlauf, von denen Sie heute noch träumen?
Ja, ich träume öfter mal von einer Kür, die ich nicht packe. Alptraum wäre vielleicht übertrieben, aber Schweißperlen habe ich dann schon auf der Stirn. Auch von der Schule träume ich immer wieder mal – da stehe ich dann noch mal im Abi und bekomme eine Aufgabe, auf die ich mich überhaupt nicht vorbereitet habe.

Der Eiskunstlauf von heute...
...verschwindet total in der Versenkung, weil einfach keine Typen mehr da sind, die die Menschen bewegen und die Massen mobilisieren. Tanja Szewczenko war die Letzte, die jeder kannte und für die man den Fernseher einschaltete.

Was haben Sie mit Ihren Eislaufschuhen gemacht?
Auf den Müll geworfen, die passten einfach nicht mehr. Wenn man die nicht regelmäßig benutzt, werden sie knüppelhart, und ich laufe schon seit Jahren gar nicht mehr. Mit 25, 30, 35 bin ich noch Doppel-Flip und Doppel-Lutz gesprungen – heute hätte ich Angst, mir dabei was zu brechen. Spritzigkeit, Leichtigkeit und Schnellkraft lassen einfach nach. Beim Tennis habe ich dagegen das Gefühl, besser zu spielen als früher.

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Fernsehbeitrag?
Das waren sieben Minuten „Hinter den Kulissen von Holiday on Ice“ in Münster für „Sport im Westen“ im WDR. Im Radio habe ich für den Hessischen Rundfunk die Bundesliga-Sendungen „Sport und Musik“ moderiert, und dann ging’s schon ziemlich schnell zum ZDF.

Beim „Sportstudio“ waren Sie am Ziel Ihrer Träume, wie Sie mal gesagt haben. Träumen Sie heute anders?
Ja, irgendwann hat sich das relativiert. Ich habe das „Sportstudio“ 75-mal moderiert, das war doch eine schöne Abschiedszahl. Dennoch bleibt das „Sportstudio“ für mich der Hochaltar der Sportsendungen, und ich war dreimal als Sportler zu Gast. Das habe ich als Ritterschlag empfunden. Vor der ersten Sendung als Moderator habe hier zu Hause die Melodie 20-mal am Tag gespielt, um die Nervosität zu verlieren.

Heute moderieren Sie „Aktenzeichen XY...ungelöst“. Ihr Vorgänger Eduard Zimmermann wurde gerne mal „Ganoven-Ede“ genannt. Wie sieht es bei Ihnen mit einem Spitznamen aus?
Ein Kollege hat mal geschrieben „Rudi und die Detektive“, das hat mir gefallen.

Können Sie eigentlich Blut sehen?
Nicht wirklich. Mein eigenes schon, aber sonst wird’s schwierig. Als ich für meine erste XY-Sendung einen Fall mitrecherchiert habe, ging es um einen Mann, der mit einer Machete überfallen und übel zugerichtet worden war. Da gab es Bilder von einem Schuh mit der dazugehörigen Ferse, und das Auto sah aus, als ob man einen Eimer Blut hineingeschüttet hätte. Der Kommissar zeigte mir die Fotos, und ich konnte nur noch sagen: Mach die Bilder weg!

Sie haben mal gesagt, dass Sie die Fälle nicht an sich ranlassen.
Das klappt ganz gut. In so einer Live-Sendung bin ich genug mit mir selbst und der ganzen Situation beschäftigt. Das geht aber nicht immer. Der Fall der kleinen Levke, die bei Cuxhaven umgebracht wurde, hat mich ziemlich verfolgt. Das Mädchen, das in unserem Film Levke dargestellt hat, sah ihr zum Verwechseln ähnlich, das ging mir unter die Haut. Und der ermittelnde Kommissar hatte eine Tochter, die mit Levke zur Schule gegangen ist. Ich bewundere ohnehin die Kommissare, die sich mit solchen haarsträubenden Fällen beschäftigen müssen. Die werden ja praktisch pausenlos mit dem abgrundtiefen Grauen konfrontiert.

Gibt es Grenzen bei dem, was Sie Ihrem Publikum zumuten?
Natürlich. Wir hatten mal eine junge Kommissarin aus der Tschechischen Republik in der Sendung. Es ging um eine Tote, die anhand ihres Gebisses identifiziert wurde, und die Kommissarin wollte den original Totenschädel mit ins Studio bringen. Wir konnten ihr das Gott sei Dank ausreden.

Wie viel Humor darf sein bei „Aktenzeichen XY“?
Eigentlich gar keiner. Ich habe mir sogar abgewöhnt, „Herzlich willkommen“ zu sagen, sondern sage jetzt „Guten Abend, willkommen zu einer neuen Ausgabe von...“. Allerdings ist es letztens einem Autor gelungen, in einem Film gleich zwei Dialoge einzubauen, die zum Schmunzeln geeignet waren. Das tut zur Entspannung manchmal auch ganz gut. Die Kommissare laufen ja auch nicht den ganzen Tag mit todernster Miene herum.

„Aktenzeichen XY“ ist die ZDF-Sendung, die am meisten von jungen Zuschauern eingeschaltet wird – Sie können mir das sicher erklären.
Ja, wir haben tatsächlich in der sogenannten Zielgruppe gute Marktanteile. Das war aber auch schon zu Zimmermanns Zeiten so. Warum, weiß ich auch nicht. Ich freue mich einfach, dass es so ist. Der neue Sendeplatz am Mittwochabend, die zusätzlichen 30 Minuten, tolle Schauspieler und gute Regisseure für unsere Einspielfilme tun ihr Übriges.

Ihre Tochter wird bald 18 – bringt die Reaktionen aus der Schule mit nach Hause?
Die Jungs gucken mehr „Aktenzeichen“ als Sport. Wenn sie mich kennen, dann meistens aus dieser Sendung. Mädchen kennen mich weniger.

Fast schon legendär ist ja die Geschichte, dass Sie 1978 am Düsseldorfer Flughafen mit dem Terroristen Christian Klar verwechselt und festgenommen wurden.
Ja, mit vorgehaltener Waffe. Ich hatte mir beim Weihnachtsschaulaufen die Schulter ausgekugelt und war nach Hause geflogen. Zunächst dachte ich, die Polizisten hätten das im Fernsehen gesehen und wollten mir nun helfen, den Koffer zu tragen. Mir war auch gar nicht aufgefallen, dass man mich völlig allein aus dem Flugzeug durch die Gangway ins Flughafengebäude hatte gehen lassen. Plötzlich hält mir einer die Pistole hin, Hände hoch und ab aufs Revier mit vier Mann Begleitung. Nach einer knappen Stunde hat sich die Sache dann geklärt. Und beim Koffertragen hat mir der Polizist dann auch noch geholfen.

Sie waren einem Zeugen am Münchner Flughafen aufgefallen?
Ja, und er hat sich vor ein paar Jahren gemeldet, als ich Studiogast in der Sendung „Volle Kanne“ war. Ein Zahnarzt, der aus Monte Carlo anrief. Er wurde telefonisch ins Studio durchgestellt und entschuldigte sich bei mir für den ganzen Vorfall. Das muss man sich mal vorstellen, fast 30 Jahre danach. Es geht aber noch weiter. Vor zwei Jahren stehe ich neben einem Herrn in München im Hotelaufzug. Er guckt mich an und sagt: „Herr Cerne, ich bin der Mann, der Sie damals verwechselt hat.“ Er hat sich dann erneut bei mir entschuldigt, was gar nicht nötig gewesen wäre, schließlich gab es damals tatsächlich ein Fahndungsfoto von Christian Klar, auf dem ich ihm zum Verwechseln ähnlich aussah.

Apropos entschuldigen: Hat sich das XY-Team eigentlich bei dem deutschen Urlauberpaar entschuldigt, dessen Foto im Februar bei der Fahndung nach dem 21-fachen amerikanischen Mörder James J. Bulgar und seiner Lebensgefährtin gezeigt worden war?
Wir haben uns für die Unannehmlichkeiten entschuldigt, die dadurch entstanden waren. So wie sich die Polizei bei mir damals auch entschuldigt hat.


Span class="ueberschrift-mittel">Rudi Cerne
wird am 26. September 1958 in Wanne-Eickel als Sohn eines Malermeisters geboren. Schon mit fünf Jahren bringt ihn der Vater zum Eiskunstlauf, und er steigt schon als Jugendlicher in die deutsche Spitze auf. Nach dem Abitur studiert er zunächst Sport und Biologie, verzichtet aber zugunsten seiner Karriere als Eiskunstläufer auf den Abschluss. Mit Erfolg: 1978 wird Rudi Cerne zum ersten Mal deutscher Meister, zwei Jahre später kann er diesen Titelgewinn wiederholen. Seinen größten internationalen Erfolg feiert Cerne 1984 mit dem zweiten Platz bei den Europameisterschaften. Olympisches Edelmetall bleibt dem ewigen Konkurrenten von Norbert Schramm jedoch verwehrt: 1980 landet er auf dem 13. Rang, vier Jahre später wird er Olympia-Vierter und schrammt nur knapp an einer Medaille vorbei.

Nach seiner aktiven Laufbahn wird Cerne Profi und ist vier Jahre lang mit der Revue „Holiday On Ice“ auf Tournee, bevor er sich dem Sportjournalismus zuwendet. Nach verschiedenen Praktika und Stationen beim Westdeutschen und Hessischen Rundfunk landet er 1996 beim ZDF. Dort übernimmt Cerne drei Jahre später die Moderation des „aktuellen Sport- studios“, das er bis Januar 2006 im Wechsel mit Kollegen präsentiert. Seit dem 18. Januar 2002 ist Cerne als Moderator des ZDF-Klassikers „Aktenzeichen XY ...ungelöst“ zu sehen, zudem in diversen Sportsendungen des Zweiten.

1987 heiratet Cerne seine Jugendfreundin Christine Gebauer, im Herbst 1990 wird Tochter Elisabeth geboren. Die Familie lebt seit Jahren im hessischen Rodenbach bei Hanau.

































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