13.03.2012, 14:13 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Jugendsprache ist voll krass! Kiezdeutsch als Geheimcode: "Ey Digga, ich hab mir ' paar fette Apps gesaugt!"

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Hamburg. „Derbe porno, dein Zehentanga!“ Jugendliche sprechen oft eine Art Geheimcode, der ihren Eltern die Sprache verschlägt. Wo es vor einigen Jahren noch „Super, deine Flip-Flops“ hieß, wird jetzt der Zehentanga bewundert.

„Ey, Kumpel, habe mir gestern ein paar klasse Programme aufs Handy runtergeladen“, würde eine für den Normalbürger einigermaßen verständliche Übersetzung unseres Titels lauten.

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Teenager wollen sich auch sprachlich von Eltern und Lehrern abgrenzen, wollen ihren eigenen Geheimcode, sagen Sprachforscher wie Prof. Heike Wiese und Prof. Peter Schlobinski. Den erforschen beide seit Jahren und haben vor allem eines herausgefunden: DIE Jugendsprache gibt es nicht. Sondern jede Menge regionale Unterschiede, manchmal sogar von Stadtteil zu Stadtteil: Wo etwa viele türkische und arabischstämmige Jugendliche leben, spricht man sich in Cliquen öfter mit „Lan“ (Kumpel) an und schiebt schon mal „Wallah“ als Bekräftigung ein.

Auch wenn Komiker wie Erkan und Stefan oder Kaya Yanar („Was guckstu?“) mit diesem Kiezdeutsch Erfolge feiern – es ist nicht typisch für den Jugendslang. Der ist vielmehr geprägt von Verstärkungspartikeln (derbe, voll, mörder), neuen Wertungsausdrücken (fett, porno), typologisierenden Begriffen für andere Menschen (Emo für emotionaler Mensch), bildhaft-ironischen Neu-Kreationen (Münzmallorca für Sonnenstudio), Zusammenziehungen (gruscheln für grüßen und kuscheln) und zunehmend Kürzelwörterm, die aus der SMS-Verständigung stammen. (lollig für lustig – vom Kürzel lol für laughing out loud).

Solche „Vokabeln“ zu lernen lohnt für „Ellis“ – pardon: Eltern. Denn seit je her verpassen junge Menschen ihrer Muttersprache eine Frischzellenkur: „Der Student hat eine Anzahl eigenthümlicher Ausdrücke und Phrasen. Kürze und Derbheit sind das Gepräge der meisten“, schrieb Ludwig Wallis schon im Jahre 1813 in seinem Buch „Der Göttinger Student“. „Kneipe“ und „Moneten“ – der Gaunersprache entlehnt – sorgten damals bei braven Bürgern für gerümpfte Nasen. Ebenso wie das Wörtchen „geil“ für Eltern lange ein Wort mit eindeutig obszöner Bedeutung war. Heute bedeutet es laut Duden: großartig, toll und eine Bank wirbt damit für Autokredite: „Geile Karre!“.

Bis aber auch Elemente aus dem Kiezdeutsch sich so etablieren, wird es wohl noch dauern: So lebt die Sprachwissenschaftlerin Heike Wiese gefährlich, seit im Februar ihr Buch „Kiezdeutsch“ erschienen ist, in dem sie den Dialekt der Jugendlichen im Berliner Migranten-Stadtteil Kreuzberg analysiert. Eine Gefahr für die deutsche Sprache sieht die Professorin in der Sprachvariante nicht – eher eine Bereicherung. Jetzt kocht die deutsche Volksseele. Und Wiese bekommt beleidigende Zuschriften.

Beruhigend für Eltern: Abgesehen von wenigen langlebigen Begriffen verflüchtigt sich der Slang bei fast allen Jugendlichen, sobald sie in die Berufsausbildung gehen oder eine Familie gründen.