06.11.2011, 20:22 Uhr zuletzt aktualisiert vor

„Wer ist schon vernünftig?“ Der gerade Weg ist nichts für Thomas Sarbacher

Seinen Namen kennen die wenigsten, das Gesicht aber nahezu alle Fernsehzuschauer: Thomas Sarbacher verdankt dies nicht zu zuletzt der enormen Bandbreite seiner Rollen: Gerade steht er als Rocker für eine neue Folge des Rostocker „Polizeirufs“ vor der Kamera, an diesem Sonntag ist er im ZDF (20.15 Uhr) als deutlich jüngerer Liebhaber von Christiane Hörbiger zu sehen. In einem Hamburger Restaurant sprechen wir übers Rauchen, Midlife-Crisis und Umwege auf der Karriereleiter.

Herr Sarbacher, es heißt, Sieseien Kettenraucher – wie viele Fragen schaffen wir bis zurersten Zigarettenpause?

Viele. Ich habe viel Geduld. Bei meinem ersten Langstreckenflug habe ich festgestellt, dass es gar nichts ausmacht, wenn ich nicht rauche. Das mit dem Kettenraucher stimmt gar nicht – es ist mal mehr und mal weniger. Wenn ich zu Hause bin, rauche ich eigentlich wenig, beim Drehen wird’s dann schon mal mehr, um die Wartezeiten zu überbrücken. Aber auch da fange ich an, mich zu disziplinieren.

Gehen Sie seltener in Bars oder Restaurants, seit überall das Rauchen verboten ist?
Ich gehe eigentlich generell nicht mehr viel raus. Wenn ich zu Hause bin, will ich auch zu Hause sein. Und wenn ich mal in einer Eckkneipe bin, dann stell ich mich auch vor die Tür. Das schreckt mich nicht ab, auch wenn es natürlich ein gewisser Qualitätsverlust ist.

Sie sind Anfang des Jahres 50 geworden – das wäre dochein Anlass gewesen, mit dem Rauchen aufzuhören.

Ich hab’s im letzten Jahr schon mal versucht, also bevor ich 50 wurde. Aber da habe ich gemerkt, dass mir doch ein großes Vergnügen abgehen würde. Ich bin einfach noch nicht bereit, darauf zu verzichten, auch wenn es sicher vernünftig wäre. Wer ist schon vernünftig?

War die 50 eineSchreckenszahl?

Ich bin nicht mit Tunnelblick auf den Fünfzigsten zugesteuert und habe gedacht: Um Gottes willen, was kommt da auf dich zu? Aber ich bin dann doch mal mitten in der Nacht aufgewacht und habe gedacht: Das ist alles ein Wahnsinn. Du hast Familie und so einen Beruf – jetzt wirst du auch noch alt und kriegst bald keine Rollen mehr. Das schaffst du nie. Diese Angst überfällt mich eigentlich jedes Jahr, aber diesmal war es besonders heftig. In diesem Alter verändert sich eben der Blick auf das Alter.

Inwiefern?

Zum Beispiel dadurch, dass im Herbst letzten Jahres ein Freund von mir gestorben ist. Solche Themen bekommen eine andere Bedeutung. Früher habe ich über solche Dinge nicht nachgedacht. Vor zehn Jahren bin ich damit viel spielerischer umgegangen, mittlerweile wird es so ernst. Insofern hat mir der Fünfzigste schon Mühe gemacht. Andererseits haben sich gerade nach dem Geburtstag wunderschöne Projekte ergeben, und ich habe ein richtig tolles Jahr gehabt.

Dennoch halten Sie sich für „nicht besonders zuversichtlich“.

Das stimmt. Mir fällt nicht als Erstes der Satz ein „Das wird schon“. Der entspannte Umgang mit den Dingen ist mir nicht in die Wiege gelegt worden. Wenn ich mal keine Aufträge habe, fällt es mir schwer zu sagen, da kommt schon noch was.

Seit einiger Zeit kommtaber so einiges.

Eigentlich kann ich mich auch überhaupt nicht beklagen. Ich drehe jetzt seit zehn Jahren und habe in dieser Zeit eigentlich immer zu tun gehabt. Ich war nie an dem Punkt, an dem ich dachte, jetzt ist alles aus. Und dennoch kommt immer wieder der Gedanke: Das war jetzt dein letzter Film. Dann nerve ich meine Familie, renne durch die Wohnung und denke: Das können wir nicht mehr lange halten. Und dann geht es doch wieder weiter.

Diese Angst teilen Sie mit vielen Schauspielern.

Eigentlich ist es auch ein total blödsinniger Gedanke, das weiß ich auch. Aber ich kann mir nicht helfen, der Reflex ist einfach da. Das hat mit der Abhängigkeit zu tun, in der man sich als Schauspieler immer befindet. Ich selbst kann die Kontinuität nicht gewährleisten, das kommt immer von außen. Wenn es heute gut läuft, heißt das nicht, dass es morgen noch genauso gut läuft. Und seit ich eine Familie und Kinder habe, kann ich mir auch nicht mehr sagen, es ist ja egal.

Sie sollen sich auch schon malin Zürich auf eine Stelle alsSupermarktkassiererinbeworben haben.

Stimmt. Da war gerade unser erstes Kind da, und ich hatte keine Arbeit. Ich hatte beim Theater gekündigt, und beim Film lief es noch nicht so wie heute. Und als ich dann mitkriegte, dass beim Supermarkt um die Ecke eine Kassiererin gesucht wird, habe ich gesagt: Zählen und Regale einräumen kann ich auch. Die Leiterin des Supermarkts hätte mich sogar genommen, aber das Ganze ist dann daran gescheitert, dass ich eine falsche Aufenthaltsgenehmigung hatte, die mir nur ein kurzfristiges Arbeitsverhältnis ermöglicht hätte. Das klingt vielleicht wie eine Anekdote, aber ich würde so etwas sofort machen.

Stattdessen haben Sie damals bei Ihrer Briefträgerin dasParkett aufgearbeitet.

Wo haben Sie das denn her? Aber ja, das war wirklich so. Das erste Kind hatte uns ein bisschen wie der Blitz aus heiterem Himmel getroffen. Nach meiner Kündigung am Theater wollten wir eigentlich Zürich verlassen und woanders neu anfangen. Ich habe bei verschiedenen Theatern vorgesprochen, aber nichts hat geklappt – bis irgendwann die Geldnot drückte. Unsere Briefträgerin war einfach klasse, mit der hatten wir häufiger schon geschnackt. Und als sie eines Tages sagte, dass sie ihr Parkett neu macht, war ich sofort dabei und habe es aufgekloppt. Das war super und brachte genau die paar Hundert Franken, die wir damals brauchten.

Sie hatten ja schon mal den Start in eine sichere bürgerliche Existenz hingelegt und inHannover eine Lehre alsBankkaufmann gemacht.

Das war ja völlig bewusstlos. Ich hatte nach dem Abitur erst mal überhaupt keine Ahnung, was ich will. Da schien mir eine Banklehre das Naheliegendste zu sein. Die habe ich dann auch abgeschlossen, aber danach war es vorbei. Da wusste ich zwar immer noch nicht, was ich werden will, aber ich wusste immerhin schon mal: Das ist es nicht. Als ich dann später studierte, habe ich auch nur gemerkt, dass ich das nicht will. Es hat einfach sehr lange gedauert, bis ich meinen Weg gefunden hatte.

Der hat sie dann dahin geführt, dass wir Sie am Sonntag ineiner Hauptrolle an der Seite von Christiane Hörbiger sehen – einer Grande Dame desdeutschen Films.

Das war mir durchaus bewusst. Ich war sehr gespannt und kann nur sagen: Die Arbeit war äußerst angenehm. Wir haben uns bestens verstanden.

Christiane Hörbiger spielt nicht zum ersten Mal eine Frau, die beim Übergang vom Berufsleben in die Zeit danach ins Straucheln kommt.

Ja, ich habe sie auch in dem Film gesehen, in dem sie eine Alkoholikerin spielt. Das war großartig, was sie da gemacht hat.

Es gibt eine Szene, in der Sieein Wasserflugzeug an einem Seil mit den Zähnen zum Ufer ziehen. Wie haben Sie dasdenn gemacht?

Das habe ich tatsächlich getan, da gab es niemanden unter Wasser, der das Flugzeug geschoben hätte. Ich hätte nicht gedacht, dass so etwas funktioniert, aber es geht wirklich. Ich habe natürlich schon ganz schön pumpen müssen, aber irgendwann habe ich gemerkt, dass das Flugzeug nachgibt und sich ziehen lässt.

„Therese geht fremd“ spielt im Tessin, Sie selbst leben in Zürich, also auch in der Schweiz.Was hat Sie eigentlich dorthin verschlagen?

Das Theater. Meine Frau war damals auch Schauspielerin, wir waren zusammen bei der Bremer Shakespeare Company und sind dort zeitgleich ausgeschieden, als sie ein Engagement in Zürich bekam. Später habe dann auch ich in Zürich Theater gespielt, und so sind wir da hängen geblieben.

Die Schweiz ist durch denWechselkurs des Franken für uns Euroländer ungeheuerteuer geworden. Lässt sich ein Leben in Zürich mit Gagenaus Deutschland überhaupt noch finanzieren?

Schwer. Als sich der Wechselkurs Anfang des Jahres beängstigend veränderte, fand ich es schon fast wieder erleichternd zu wissen, dass ich nicht genug habe.

Wieso das denn?

Das ist der Zustand, in dem ich mich immer am wohlsten gefühlt habe. Ich bin ein Typ, der nicht besonders gut mit Geld umgehen kann – da gefällt es mir, wenn ich mich einschränken muss. Wenn ich mir sage, dies muss nicht mehr sein, das muss nicht mehr sein und jenes auch nicht – das verschafft mir ein befreiendes Gefühl. Man kann auf ganz viele Sachen verzichten, ohne wirklich etwas zu vermissen. Man schleppt so viel überflüssiges Zeug mit durchs Leben.



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