09.09.2011, 17:31 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Am 10. September verunglückte Graf Berghe von Trips tödlich – Sorge um Museum 15.05 Uhr – die Zeit bleibt stehen


Kerpen-Horrem. Auf dem gepflasterten Weg, der zum Museum in der Villa Trips führt, ist das Tempo streng limitiert. Das rot umrandete Schild zeigt auf weißem Untergrund die Zahl 10. Schneller soll hier nicht gefahren werden. Eine Höchstgeschwindigkeit, über die der Graf früher gelächelt hätte. Wie bitte? Nur zehn Sachen? Mit mehr als 200 Stundenkilometern wollte er am 10. September 1961 beim „Großen Preis von Italien“ in Monza dem Weltmeistertitel in der Formel 1 entgegenrasen.

Dann passierte es, schon in der zweiten Runde. Wolfgang Graf Berghe von Trips verunglückte im Alter von nur 33 Jahren vor der Anfahrt in die Parabolica-Kurve nach einer Kollision mit Jim Clark. Im Museum in Kerpen-Horrem wird die Todesminute angezeigt. Die Uhr ist hier bei fünf nach drei für immer stehen geblieben. Aber die Erinnerung an den legendären Rennfahrer, sie lebt weiter.

Vor allem am heutigen 10. September 2011. Der 50. Todestag beginnt mit einer Gedenkfeier an der Familiengruft auf dem Friedhof St. Clemens. Der Männerchor wird singen, die Gärtnereien wieder gute Geschäfte machen. Denn Reinold Louis (71) sieht das Blumenmeer schon vor sich: „Das war an diesem Tag immer so: Da konnte man denken, der Graf wäre gerade erst beerdigt worden.“ Heute dürften es noch ein paar Kränze, Gestecke und Gebinde mehr sein.

Auch Louis bereitet sich schon längere Zeit auf dieses Datum vor. Er leitet seit 1991 als Vorsitzender die „Gräflich Berghe von Trip’schen Sportstiftung zu Burg Hemmersbach“, die das Museum verwaltet. In der Villa sind heute von 10 bis 17 Uhr alle Türen geöffnet. Der Eintritt ist frei. „Ritter-Reiter-Rennfahrer“ heißt die Sonderausstellung zum Gedenktag, die nicht nur für Motorsport-Anhänger zum 1000-Kilometer-Rennen werden könnte – so viel ist hier zu sehen.

Draußen, am Eingang, hat der Graf seinen Park-Platz. In Bronze gegossen, steht er vor der Villa. Drinnen, auf den 1323 Quadratmetern, läuft der „Formel-1-Film“ der Fünfziger- und Sechzigerjahre. Eine hochtourige Reise in die Vergangenheit, präsentiert in Räumen, die klassische Namen tragen: Nürburgring, Zandvoort, Aintree, Le Mans, Mille Miglia. Das Graf-Wolfgang-Zimmer mit Schreibtisch, Schränken, seinen Koffern, die so aussehen, als wären sie noch gepackt. Und natürlich gibt es auch eine Boxengasse.

Nur der Benzingeruch fehlt, sonst nichts, gar nichts. Denn alles ist da. Ferrari und Kart, Fotos und Plakate, Helm und Rennanzug, Siegerkränze und Trauerschleifen. Eine Fundgrube für Fans. Einen Stopp kann man im Café einlegen, in dem Louis’ Ehefrau Käthe schon mehr als 3000 Kuchen gebacken hat. Ihre Spezialität: Eissplitter-Torte. Stolz, aber mit viel Wehmut, führt der Stiftungsvorsitzende durch das Haus – denn vielleicht gehen hier schon bald die Lichter aus: „Noch sind Mittel da, aber ich kann nicht warten, bis wir nichts mehr haben. Für das Jahr 2012 würde es noch reichen, dann ist Schluss.“ Hier spricht ein Mann, der rechnen kann. Louis arbeitete als Sparkassen-Betriebswirt. Er kennt alle Zahlen, und die waren schon mal besser.

Damals, als Eduard (1971+) und Thessa von Trips (1978+) die Stiftung gründeten. Mit dem Ziel der Förderung junger Sportler und zum Gedenken an ihr einziges Kind Wolfgang. Louis blickt zurück: „Leider hat dann die Gräfin nach dem Tod ihres Mannes Testamente verfasst, die nicht mehr zum Vorteil der Stiftung waren.“

Immerhin reichte es nach Landverkäufen im Jahr 1999 noch zum Erwerb der Villa Trips, die 4,6 Millionen Mark kostete. Am 22. Mai 2000 öffnete das Museum seine Pforten. Aber bei einem Eintrittspreis von vier Euro und monatlichen Energiekosten von mehr als 1000 Euro werden Bilanzen schnell so rot wie der Ferrari des Grafen. Allein 100000 Euro kostete in den vergangenen Jahrzehnten die Pflege der Grabstätte. Hier ruht der letzte Erbe neben seinen Eltern.

Das 900 Jahre alte Geschlecht derer von Trips, die 1751 in die Burg Hemmersbach einzogen: eine einst große Familie, von der nur noch der klangvolle Name bleiben wird. Die Burg wechselte schon mehrfach den Besitzer und spielte zuletzt eine traurige Rolle in einem Subventionsskandal, in dem die Kölner Staatsanwaltschaft gegen einen ehemaligen Sparkassen-Vorstandsvorsitzenden ermittelt.

Keine guten Aussichten. Doch nebenan, in der Villa, einst als Alterssitz gebaut, plant Louis die Zukunft: „Ich hänge an diesem Haus, ich werde alles versuchen, damit es hier weitergeht.“

Aber wie? Die Stadt Kerpen kommt als Sponsor nicht infrage, Louis ist da Realist: „Die haben auch kein Geld und ganz andere Probleme.“ Leise Kritik an der Verwaltung muss er dann aber doch noch loswerden: „Die waren bisher nicht einmal in der Lage, in der Stadt ein Hinweis-Schild für unser Museum aufzustellen. Und jetzt fordern einige Kommunalpolitiker, die ich hier noch nie gesehen habe, dass die Villa nicht verkauft werden darf. Da lache ich mich doch kaputt.“

Priorität hat die weitere Nutzung als Museum. Deshalb hofft Louis auf alte, bestens betuchte ehemalige Freunde der Familie Trips. „Vielleicht möchte da einer in Immobilien investieren. Er kauft das Haus, wir könnten als Mieter bleiben.“ Über den Aus- und Umzug wurde aber auch bereits gesprochen. Aus Hamburg kam schon eine Offerte. „Kraft, Mensch, Maschinen“, die Veranstalter dieser Ausstellung würden ihr Angebot in der Speicherstadt gern um die Trips-Sammlung erweitern. Louis zum aktuellen Stand: „Hamburg wäre eine Option, doch es gibt noch einige Alternativen mit der Stiftungsaufsicht zu erörtern und Gespräche mit anderen Interessenten zu führen.“

Aber nicht mit Michael Schumacher, dem zweiten Formel-1-Star aus Kerpen. Der hat die Ausstellung „Die Welt der Schumachers“ vor zwei Jahren in seiner Heimatstadt schließen lassen und offensichtlich keine Ambitionen, bei Trips einzusteigen. Er stattete der Villa bisher nicht einmal einen Besuch ab. Louis enttäuscht: „Ich habe ihn mehrfach eingeladen, aber Michael sagte immer nur: Ich habe keine Zeit.“ Dabei war es der Graf, der den Schumachers die Piste zum Motorsport asphaltierte. Denn Trips hieß der Initiator der ersten Kerpener Kart-Bahn, Vater Rolf Schumacher stieg hier später ein.

Und jetzt soll alles zu spät sein? „Diese tolle Ausstellung muss unbedingt in Horrem bleiben.“ So lautet einer der letzten Einträge im Gästebuch Nummer sieben. Da haben sich noch im Juni 2011 zwei Touristen aus den USA verewigt. Alma Hill wollte Sohn Derek unbedingt diesen Ort der Erinnerung an den großen Rennrivalen ihres Mannes zeigen. Denn Phil Hill, der 2008 im Alter von 81 Jahren verstorben ist, wurde 1961 Formel-1-Weltmeister – weil der Deutsche verunglückte.

Wolfgang Alexander Albert Eduard Maximilian Reichsgraf Berghe von Trips, so steht es im Geburtsregister vom 4. Mai 1928. Die Eltern riefen ihn „Wölfchen“, für seine Freunde war er später nur der „Taffy“. Kein Spitzname, sondern eine Anrede, die passte. Denn dieser Mann war wirklich so „taff“, wie es im Duden steht: salopp, nicht empfindlich, abgehärtet, widerstandsfähig, uneitel, freundlich. Ein Strahlemann, ein Frauen-Schwarm, der blendend aussah, die Fotos im Museum beweisen es. Ob im Rennanzug, im Frack, am Badestrand oder als Landarbeiter auf dem elterlichen Gut, er machte immer „bella figura“.

Dazu war er ja noch ein echter Graf, der damit alle Voraussetzungen erfüllte, um eine Geschichte zu schreiben, die am 10. September 1961 in Monza nicht zu Ende ging. Denn für Trips gilt: Wer so früh unter so dramatischen Umständen stirbt, der wird unsterblich.

War es damals sein Fahrfehler? Oder hatte er Pech, platzte ein Reifen? Trips wurde nach dem Zusammenprall mit Clark aus dem Ferrari geschleudert, erlitt einen Genickbruch, war sofort tot. Sein Wagen traf Zuschauer, 15 Menschen starben mit ihm. An einem sonnigen Sonntag um 15.05 Uhr. Im Museum sind auch die Stimmen von Rainer Günzler und Günter Jendrich zu hören. Die Radio-Reporter, die damals die traurige Nachricht nach Deutschland melden mussten.

Sommer 2011: Vor der Villa in der Parkstraße 20 in Kerpen-Horrem flattern drei Fahnen mit dem Wappen der Adelsfamilie. Und Louis, seit Jahrzehnten auf dem Trips-Tripp, er hofft, dass der Wind günstig weht und sein „Rennen“ weitergeht.

Damit die Uhr im Museum noch lange bei fünf nach drei stehen bleiben kann.


0 Kommentare