02.02.2012, 19:29 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Der Dozent im Netz Universität 2.0: Stanford-Professor unterrichtet 160.000 Studenten gleichzeitig

Wie schafft es ein Dozent, 160000 Studenten aus aller Welt gleichzeitig zu unterrichten und dabei auch noch gut zu sein? Der Stanford-Professor Sebastian Thrun macht es vor– und zwar im Internet. „Bildung für alle“ heißt sein Konzept. Auch die Universität Osnabrück ist in puncto E-Learning in Deutschland vorne mit dabei. Mit Thruns Idee kann man sich hier aber dennoch nicht ganz anfreunden.

Thrun lehrte jahrelang als Professor an der renommierten Stanford-Universität in Kalifornien. Das tut er jetzt nicht mehr. In der Forschung ist er dort zwar immer noch tätig, aber ein Experiment veränderte sein Leben, und er wusste plötzlich: „Ich kann nicht mehr an Stanford lehren.“ Für ihn begann alles mit Salman Khan, einem Amerikaner, der zunächst nur seinen Cousinen und Cousins Nachhilfe über YouTube gab, bald aber feststellte, dass er ein weltweites Millionenpublikum anzog. Das motivierte und inspirierte Thrun. Mit einem kleinen Team filmte er eine seiner Vorlesungen, die von rund 200 Studenten besucht wurde, und stellte die Videos „auf eine wirklich hässliche Internetseite“.

Eine Werbemail ging dem Projekt voran, in der unter anderem stand, dass die Veranstaltung zum Thema „Einführung in die künstliche Intelligenz“ der Standford-Universität kostenlos bereitgestellt werde. Thrun rechnete mit etwa 500 Interessierten, sein Kollege mit 1000, aber es wurden 160000. „Wir drehten Tag und Nacht“, sagt Thrun. „Alles, was wir dafür nutzten, waren eine Kamera, einen Stift und Papier.“ Er bekam Rückmeldungen aus der ganzen Welt, hörte bewegende persönliche Geschichten. „Das waren nicht die typischen Stanford-Studenten“, erklärt er. Eine Mutter mit zwei Kindern erzählte ihm von vielen persönlichen Problemen und Zeitmangel, aber warum sie dennoch an seiner Veranstaltung teilnahm. Ein anderer berichtete vom Kriegim Afghanistan und dass er zwischen Raketenangriffen jede Internetverbindung nutze, um zu lernen.

Wenn Thrun das erzählt, ist er nahezu elektrisiert vor Begeisterung. Diese Menschen und ihre Geschichten überzeugten ihn von seinem Tun. Sie überzeugten ihn so sehr, dass er seine Festanstellung als lehrender Professor in Stanford aufgab und seine eigene Lernplattform gründete: „Udacity“. Jeder, der einen Internetzugang hat, kann sich hier kostenlos einschreiben und an der nächsten siebenwöchigen Veranstaltung im Februar teilnehmen: „Baue eine Suchmaschine.“

Thrun ist der Meinung, dass ein System, dass Jahrtausende funktioniert hat, heute vielleicht nicht mehr funktioniert. Noten, Studiengebühren, überkluge Professoren, Frontalunterricht – das sei alles veraltet, der Mensch, der Student soll wieder im Vordergrund stehen. Auf seiner Plattform bietet er Bildung für alle von renommierten Professoren – kostenlos.

Im Grunde keine schlechte Idee, aber bedeutet das jetzt das Ende der Campus-Universitäten, verträgt es sich mit unserer Diskussionskultur, mit unserem Verständnis von Lehren? Andreas Knaden ist der Geschäftsführer des Zentrums für virtuelle Lehre (virtuos) der Universität Osnabrück. Er findet Thruns Idee gut, glaubt aber nicht an eine Universität 2.0. „Das Senden nach außen ist eine tolle Sache für alle, die punktuell lernen und von dem Wissen einer Hochschule profitieren wollen. Aber Universität lebt anders, lebt von Diskussionen. Der persönliche Kontakt spielt eine wichtige Rolle“, erklärt er.

Die Universität Osnabrück ist auf dem Gebiet E-Learning vorne mit dabei. Dabei geht es nicht nur um Vorlesungen, die im Netz abrufbar sind, sondern auch um alternative Lehr- und Lernmethoden und die Technologie, die dahintersteckt. Professoren können ihre Veranstaltungen automatisch aufzeichnen lassen und direkt im Anschluss an die Lernplattform Stud.IP senden, wo sie dann für die Studenten abrufbar sind. Aber nicht jeder Professor ist technikaffin, es muss geschult und überzeugt werden. „Im vergangenen Semester haben wir etwa 20 Veranstaltungen aufgezeichnet. Das steigern wir jetzt. Je nachdem, wie weit die Technik ist, werden es auch mehr“, sagt Knaden. Er schätzt, dass alle Frontalveranstaltungen in fünf bis sechs Jahren verfügbar sein werden.

Lehrende haben aber nicht nur wegen der Technik Bedenken, sondern auch, dass ihnen die Studenten wegbleiben, wenn die Veranstaltungen im Netz abrufbar sind. Auch Thrun musste feststellen, dass von seinen 200 Studenten gerade mal 30 übrig geblieben waren, nachdem er seine Veranstaltung auch online zur Verfügung gestellt hatte. Warum? Die Antwort war eindeutig: „Hier können wir unser eigenes Tempo bestimmen und zurückspulen“, erklärten die Studenten. Sie sind also offenbar nicht aus Bequemlichkeit weggeblieben, sondern um den Stoff besser begreifen zu können.

Auch die 26-jährige Osnabrücker Studentin Jennifer Trapka dementiert das Bild des faulen Studenten. Sie studiert Anglistik und Biologie auf Lehramt, hat ein Kind und nutzt ebenfalls von Zeit zu Zeit aufgezeichnete Vorlesungen. „Das ist super, vor allem, wenn zwei Kurse zur selben Zeit stattfinden oder man was nacharbeiten möchte, weil es in der Veranstaltung zu schnell ging. Ich kenne fast keinen Studenten, der nicht permanent unter Zeitdruck steht und eigentlich 48 Stunden täglich bräuchte.“

Das Thema E-Learning ist umfangreich. Laufend entwickelt die Universität Osnabrück gemeinsam mit anderen Hochschulen wie Berkeley (USA), Cambridge (England) und ETH Zürich (Schweiz) neue Technologien. Hohe Fördergelder sollen den Einsatz digitaler Lerntechnologien verbessern. Allein für das Projekt „eCult“ haben elf niedersächsische Hochschulen und zwei weitere Verbundpartner 5,45 Millionen Euro erhalten. Das Projekt wird federführend von der Universität Osnabrück geleitet. Es geht unter anderem darum, den Einsatz von digitalen Technologien gegenseitig nutzbar zu machen, aber auch Lehrkräften didaktische Kompetenzen zu vermitteln, um die elektronischen Möglichkeiten auch ausschöpfen zu können.

Es ist zwar nicht neu, dass vereinzelt Lehrende in Deutschland YouTube, Twitter oder Wikis nutzen, um ihre Vorlesungen verfügbar zu machen und Studierende einzubinden, aber die Regel ist es noch längst nicht. „Es ist ein laufender Prozess,der vermutlich bis zu meiner Rente andauern wird“, erklärt Knaden.


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