28.07.2000, 22:00 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Alte Bücher hinter Gittern

Von Stefan Lüddemann

Manchmal wandern Bücher hinter Gitter. Besonders dann, wenn sie kostbar sind. Die Stadtbibliothek hütet einen solchen Schatz - im Keller, den die Benutzer der Bücherei niemals betreten. Dr. Dirk Bergmann muss erst die Tür aufschliessen, dann ein Gitter öffnen.

Durch kahle Gänge geht es unter Heizungsrohren entlang zu dem Raum, in dem die Bibliothek der Adelsfamilie von Bar aufbewahrt wird. "Hier kann man viele Jahre forschen", sagt der Bibliotheksdirektor und knipst erst einmal das Licht an. Denn diese Bücher sind nicht nur weggesperrt, sie sitzen auch in "Dunkelhaft". Hierher verirren sich nur wenige Leser. Meist sind es Forscher, die einen der 5000 Bände einsehen wollen. Den bekommen sie dann in den Lesesaal gebracht. Einfach nur schmökern darf hier niemand. "Für meine Forschungen zum Westfälischen Frieden habe ich die Bibliothek eingesehen", berichtet Prof. Wulf Eckart Voß. Der Osnabrücker Professor für Rechtsgeschichte ist einer der wenigen, der sich in dem Bestand zurechtfindet. "Die Sammlung gibt den Überblick über das Bildungsprogramm einer gut bestückten Adelsbibliothek", schwärmt Voß. Die Bibliothek gehört der Familie von Bar, die ihren Sitz bei Kalkriese hat. 1956 überliess die Familie ihre Bibliothek der Stadt zur Nutzung - auf eine Frist von 50 Jahren. Bald muss beraten werden, wie es mit der Bibliothek weitergeht.

"Der Bestand ergänzt die Bibliothek Ius Commune hervorragend", sagt Prof. Voß. Immerhin finden sich 1500 juristische Titel in der Bibliothek. Damit nicht genug. "Die Bibliothek ist sehr bildungsbetont", sagt Voß weiter. Auf den Regalen stehen vielbändige Klassikerausgaben von Machiavelli bis Shakespeare oder Wieland. Hinzu kommen die Texte von Rousseau und weiteren französischen Autoren - natürlich in der Originalsprache. Die von Bars sammelten ihre Bücher seit dem 16. Jahrhundert. Für das 18. Jahrhundert steht das Französische als große Bildungssprache. Neben philosophischen Werken sind es vor allem die Enzyklopädien, die hier "Bände sprechen".

Doch diese Adligen waren nicht nur Schöngeister. Neben der Literatur stehen Luther-Schriften, neben Wörterbüchern Werke über Landwirtschaft und allgemeine Verwaltung. Mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts zerfaserte die präzise Ordnung. "Eine Universalbibliothek war nicht mehr zu führen", vermutet Dirk Bergmann. Oder wandelte sich einfach das Rollenbild des Adels? Wie auch immer: Der Bestand versammelt europäische Tradition, zeigt einen weiten Horizont des Wissens. Und der steckt voller Überraschungen. Als Prof. Voß die großen Schliessen einer prachtvollen Bibelausgabe öffnet und den Folianten aufschlägt, findet er handgeschriebene Seiten einer Familienchronik aus dem 18. Jahrhundert. "Hier haben die von Bars und die von Scheles Heiraten und andere Ereignisse festgehalten", freut sich Voß über seinen unverhofften Fund im Kellerraum. Auch Dr. Bergmann beugt sich über die eng beschriebenen Blätter. Gemeinsam folgen sie den Eintragungen, die bis in das 19. Jahrhundert reichen.

"Eine solche Bibliothek ist auch Verpflichtung", sagt Prof. Voß. Viele Bücher müssten restauriert werden, zudem fehle ein Katalogbuch. Bislang gibt es nur Karteikarten, die in den allgemeinen Bestandskatalog eingegliedert sind. Für Forscher ist das nur eine begrenzte Hilfe. Voß und Bergmann sind sich auch einig, daß der Bestand einen schöneren Ort verdient hätte - etwa in der Universitätsbibliothek. Doch das ist Zukunftsmusik. Für heute löscht Dr. Bergmann wieder das Licht, schliesst die Gittertür. Auf die nächsten Besucher werden die Bücher, in denen hohe Herren einst lasen, eine gute Weile warten müssen.


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