03.10.2003, 22:00 Uhr zuletzt aktualisiert vor

„Feuerrote Spulmobil“ kündigte Fliegern den Dienst auf

Ausgerechnet zum Sternfliegen auf dem Bohmter Flugplatz, zu dem befreundete Nachbarvereine eingeladen waren, streikte die für den Segelflug notwendige Startwinde. Das von den Luftsportlern Anfang der achtziger Jahre selbst gebaute „feuerrote Spulmobil“ hat die Aufgabe, über einen kräftigen Motor mit Automatikgetriebe und einer umgebauten Lkw-Achse abwechselnd zwei Seiltrommeln zu drehen.

Das dadurch aufspulende 4,6 mm starke Stahlseil wiederum beschleunigt ein angehängtes Segelflugzeug auf etwa 100 km/h. Diese weltweit angewandte Startmethode ist kostengünstig und sicher. Ein amerikanischer 350 PS starker 8-Zylinder Ford Benzinmotor, ein sogenannter „Big Block“ leistet seit 1982 in der Winde diese Schwerstarbeit. Zwar gab es immer schon mal Reparaturen, jetzt kam aber das endgültige Aus. Bei einem Segelflugschlepp brach ein Pleuellager, die Reste fanden sich in der Ölwanne, der dazu gehörige Kolben hatte sich verklemmt.

Auf die Frage: „Ist es nicht gefährlich, wenn während des Startvorgangs das Seil reißt oder wie jetzt der Motor ausfällt?“ haben die Flieger eine Antwort: „Jeder Segelflieger ist darauf trainiert, dass es beim Seileinziehen zu abrupten Startunterbrechungen kommen kann. Dann wird der Segler in Normalfluglage gebracht und je nach Flughöhe ein bestimmtes Landeverfahren angewandt.“ Schnelles Handeln war erforderlich, eine defekte Startwinde in der Saison ist der „Supergau“ schlechthin. Nachbarvereine, wie der Luftsportverein aus Quakenbrück, boten den Luftsportlern spontan ihre Ersatzwinde an. Mehrere Kundschafter streckten ihre Fühler aus. Das Telefon wurde zum Motorfinder. Wilfried Kolthoff, 2. Vorsitzender der Luftsportler, der die Beschaffung eines passenden Motors zur „Chefsache“ erklärte, fand schließlich in Bergkamen den passenden gebrauchten Motor mit Automatikgetriebe.

Ein Autohändler, der sich ausschließlich mit der Aufarbeitung amerikanischer Boliden beschäftigt, erwies sich als Fachmann in diesem Geschäft. In Deutschland gibt es einen Markt für schwere Geländewagen, deren Besitzer Benzinverbräuche von 20 bis40 Liter Super pro 100 km Fahrstrecke nicht schrecken. Davon profitierten die Luftsportler. Lediglich 1 bis 2 Liter werden bei einem Segelflugstart verbraucht. Schnell war man sich handelseinig, an Ort und Stelle wurde der „neue Motor“ mit den mitgebrachten Anbauteilen des defekten Motors versehen.

Wilfried Kolthoff und Klubkamerad Sebastian Werbing waren zwei Tage vor Ort im Einsatz. Das Zeitziel: Am nächsten Wochenende sollte den Segelfliegern wieder eine einsatzbereite Startwinde zu Verfügung stehen. In einer Nachtschicht wurde in einer Werkstatt des Vereinskameraden Philipp von Tschischwitz in Bohmte dann in den frühen Morgenstunden „Windenhochzeit“ gefeiert, der neue Antrieb hatte wieder seinen angestammten Platz gefunden.

Dank zentraler elektrischer Anschlüsse und Modulbauweise der geistigen Väter dieser Anfang der 80-er Jahre selbst konstruierten und gebauten Startwinde (stellvertretend ist der inzwischen verstorbene Klubkamerad Albert Gering aus Bohmte zu nennen), konnte der Umbau ohne große Probleme von statten gehen. Einen Tag vor dem regulären „Arbeitswochenende“ der Startwinde drehte sich wie geplant die Kurbelwelle aus eigener Kraft am „neuen Motor“.

Dass der Teufel im Detail steckt, merkten die Vereinskameraden bei ersten Probeschlepps. Bei Vergaser und Getriebe sind noch Feinabstimmungen vorzunehmen, bevor ein Segelflugzeug geschleppt werden kann. Die Flieger geben da so schnell nicht auf, der Fachmann aus Bergkamen war per Handy bei diesen Versuchen „zugeschaltet“. Der Ruf nach einer neuen Startwinde mit einem modernen Dieselantrieb wurde unterdessen wieder laut. Auch das Konzept einer Elektrowinde wurde in Betracht gezogen, die seit kurzem serienreif am Markt ist. Einziger Haken dabei ist, dass zu den Standplätzen der Winde ein Stromkabel verlegt werden muss.

Über kurz oder lang werden sich die Mitglieder wohl mit dem „Thema neue Startwinde“ intensiver beschäftigen müssen, Kosten von 60 bis 90000 Euro, je nach Ausstattung und Eigenleistung, stehen dann ins Haus. Zur Zeit ist diese Geldausgabe unrealistisch, denn die Kosten der Modernisierung des Flugzeugparks und der Außenanlagen lassen zur Zeit nur die Reparaturlösung zu.


0 Kommentare